hotte
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Ich beschäftige mich seit meiner Trennung ausgiebig mit den Themen Männlichkeit und Genderpsychologie allgemein und habe schon einiges zu dem Thema gelesen. Vor zwei Tagen habe ich für das DE&I Team in meiner Firma einen Beitrag geschrieben den ich gestern auch in meiner Männerselbsthilfegruppe vorgelesen habe. Der Beitrag soll ermutigen und zum Nachdenken anregen da es, in meinen Augen, sehr viel gibt über das wir reden müssen.
Wir haben in diesem Forum aufgrund der Natur der Sache einen sehr hohen Anteil von Männern die nicht nur bereit sondern auch fähig sind über ihre Gefühle zu sprechen, daher ist dies vielleicht gar nicht die richtige Zielgruppe. Aber ich hoffe vielleicht ein oder zwei Menschen zu erreichen die dadurch vielleicht neue Ideen oder Anregungen erhalten und für die sich dadurch etwas zum positiven verändert.
Ich habe lange gehadert ob ich das hier posten soll, aber nachdem ich folgenden Absatz gelesen habe, denke ich das es hier durchaus rein passt:
Zitat von 123456789:Das war eben das Schlimme an unserer Trennung. Er war bis zum Fremdgehen ein sehr engagierter Familienvater. Ich hatte keine Zweifel, dass er unsere Familie genauso will wie ich. Heute weiß ich, dass er ein People Pleaser ist, der den Mund über Jahre nicht aufbekommen hat.
Der Text selbst kann in vielen Bereichen kontrovers diskutiert werden und stellt meine Meinung dar. die enthalten Zahlen sind durch Statistiken belegt. Der Text hatte ein berufliches Umfeld als Zielgruppe
„Werde ein richtiger Mann…“ – ein Satz, den ich während meiner Trennung gehört habe. Heute weiß ich, wie ich darüber denken und mit so einem Satz umgehen kann, aber damals hat er mich hart getroffen und mich motiviert, mit einer „Recherche“ zum Thema „Was macht einen Mann aus?“ zu beginnen. Spoiler: Ich habe so viel mehr entdeckt – aber nicht DIE Antwort auf diese Frage!
In der Zeit danach habe ich eine Reise zu mir selbst begonnen. Während ich viel über mich gelernt habe, habe ich auch viel über Gender-Psychologie, mentale Gesundheit, persönliche Sicherheit und Freundschaft gelernt. Viele bekannte und Kolleg:innen wissen, dass ich im vergangenen Jahr offen über meine persönlichen Herausforderungen gesprochen habe, und das Feedback war überwältigend (und berührt mich noch heute, wenn ich daran zurückdenke – danke an so viele großartige Kolleg:innen!).
Plötzlich kamen Kolleg:innen auf mich zu und erzählten, dass sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben, dass sie eigene Herausforderungen haben oder hatten und dass sie nur selten darüber sprechen, was wirklich in ihnen vorgeht.
Nach all meiner „Recherche“ habe ich gelernt, dass das ein sehr typisches Verhalten von Männern ist. Laut dem deutschen Autor und Männertherapeuten Björn Süfke haben die meisten Männer Schwierigkeiten mit der eigenen emotionalen Wahrnehmung. Egal ob Traurigkeit oder Kummer – diese Gefühle zeigen oder äußern sich häufig als Wut. Das liegt daran, dass sogenannte „schwache“ Emotionen in der Kindheit oft nur bei Frauen gesehen werden. Unsere Väter zeigen häufig keine Form von „Verletzlichkeit“, was zu der inneren Erwartung führt: „Eine Frau zeigt emotionale Verhalten – ich bin keine Frau, also muss ich anders sein.“
Das bedeutet: Anstatt einem Kind zu zeigen, dass Verletzlichkeit eine Stärke ist, lernt das Kind nur das, was es sieht – die Mutter zeigt Emotionen und Verletzlichkeit, der Vater nicht. Wenn Väter – auch wenn es selten vorkommt – ebenfalls Verletzlichkeit zeigen, ist die emotionale Kompetenz erwachsener Männer deutlich besser.
Ich habe ein Meme auf meinem Handy: Ein römischer Soldat hält ein Baby im Arm mit dem Text: „Es ist einfacher, starke Kinder zu formen, als kaputte Männer zu reparieren.“ – ein Zitat von Frederick Douglass, der dies ursprünglich im Kontext der Skla. formulierte und die Bedeutung früher Bildung betonte aber ich denke der Text sagt sehr viel aus.
Ich bin mit Sätzen aufgewachsen wie „Ein richtiger Mann weint nicht“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ sowie „Du hast keinen Grund zu weinen – wenn du nicht aufhörst, gebe ich dir einen!“. Ich will das nicht entschuldigen aber – es war eine andere Zeit, und auch wenn solche Aussagen nach heutigen Maßstäben Grenzen überschreiten, wussten es unsere Eltern oft nicht besser. Jede Generation ist ein Ergebnis der vorherigen, und Veränderungen sind ein sehr langsamer Prozess, der Jahrzehnte dauert. Dennoch hatten diese Sätze großen Einfluss auf meine emotionale Entwicklung und mein Verhalten – sogar Jahre später.
Aber zurück zum Thema: Diesen Monat wollen wir uns auf die mentale Gesundheit von Männern konzentrieren. Ich dachte, wir können das auch nutzen, um gleichzeitig etwas „für“ Frauen zu tun, indem wir helfen zu verstehen, dass es tatsächlich Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, die oft nicht sichtbar sind. Kennt ihr den Satz „Happy Wife, happy Life!“? Viele Männer orientieren sich daran – aber lasst uns ihn ändern in „Happy Spouse, happy House!“. Das adressiert direkt eine der größten Herausforderungen vieler Männer: das Gefühl, verantwortlich sein zu müssen. Ich propagiere kein patriarchales Weltbild – aber selbst wenn Partner:innen gleichberechtigt sind, haben viele Männer die innere Erwartung, „zu schützen, zu versorgen und zu bewahren“. Das führt oft zu Depressionen und Burn-out und kann eine Ursache für die sogenannte Midlife-Crisis sein – weil sie sich nicht öffnen, wenn sie überfordert sind.
Das bringt mich zurück zu meinem Lieblingsbuch von Björn Süfke: „Männerseelen“. Es erklärt großartig das emotionale System vieler Männer. Ich habe Feedback von Frauen bekommen, die es gelesen haben und dadurch ihre Partner besser verstehen konnten. Mir selbst hat es geholfen, meine eigenen Emotionen besser zu verstehen und gesünder damit umzugehen. Darüber hinaus sind auch die Bücher von John und Julie Gottman sehr hilfreich für die Kommunikation in Beziehungen. Wie ihr seht, ist es schwer, über Männer zu sprechen, ohne auch über Frauen zu sprechen.
Warum sollten wir also besonders über die mentale Gesundheit von Männern sprechen?
- 71,5 % der „erfolgreichen“ Suizide im letzten Jahr wurden von Männern begangen.
- 78 % der obdachlosen Menschen sind Männer.
- Männer haben im Durchschnitt eine etwa 5 Jahre geringere Lebenserwartung, u. a. aufgrund von Herzproblemen und Suiziden.
- Männer sind zu etwa 30 % Opfer häuslicher Gewalt und zu etwa 40 % Opfer psychischer Gewalt – mit einer hohen Dunkelziffer.
Versteht mich nicht falsch: Jedes Opfer – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Hintergrund – ist eines zu viel. Aber diese Zahlen zeigen auch, dass es viel zu besprechen gibt. Gleichzeitig muss man den Kontext beachten: Es gibt etwa dreimal so viele Suizidversuche von Frauen wie von Männern – geht also differenziert mit solchen Statistiken um.
Ich kenne persönlich einige Männer, die häusliche Gewalt oder emotionalen Missbrauch erlebt haben. Auch ich habe emotionalen Missbrauch erfahren, ohne es damals zu erkennen – erst durch meine Beschäftigung mit dem Thema wurde mir das klar. Zum Glück habe ich Hilfe gesucht: Therapie begonnen, Gruppen besucht und offen über meine Erfahrungen gesprochen. So konnte ich Unterstützung bekommen.
Das war nur möglich, weil ich mich in einem Umfeld befand, in dem ich mich sicher genug fühlte, mich zu öffnen. Natürlich gab es Momente, in denen ich einfach nicht darauf geachtet habe, was andere denken – weil ich überzeugt bin, dass es eine Stärke ist, wenn Männer sich öffnen können.
Eine Zeit lang war ich Teil einer „Männergruppe“ eines Coaches. Einige Männer lachten, als ich erzählte, dass ich im letzten Jahr den DE&I Champion Award in meiner Firma erhalten habe. Ich las daraufhin die Nominierung vor, die eine Kollegin geschrieben hatte – plötzlich lachte niemand mehr, und ich sah Respekt in den Gesichtern derjenigen, die mich zuvor ausgelacht hatten.
Warum erzähle ich das? Weil ich vermitteln möchte: Emotionen sind keine Last, die man alleine tragen muss. Es gibt keinen Grund, sich zu schämen, wenn man sagt, dass man sich überfordert fühlt. Hilfe zu suchen ist eine der mutigsten Entscheidungen überhaupt – gerade weil man sich dabei verletzlich zeigt.
Um ehrlich zu sein: Es wird nicht immer und überall funktionieren. Aber es hilft euch, die Menschen zu erkennen, denen ihr vertrauen könnt – und diejenigen zu unterscheiden, die nur für die „guten Momente“ da sind. Es wird euch stärker machen. Egal ob ihr mit Freund:innen, Therapeut:innen, Berater:innen, Kolleg:innen, Fremden sprecht oder etwas aufschreibt – ehrliches Feedback hilft. Auch wenn es manchmal hart ist.
Damit komme ich zum allgegenwärtigen Thema KI.
KI kann helfen – wenn ihr ein gewisses Maß an Selbstreflexion erreicht habt. Formuliert eure Fragen möglichst präzise und detailliert, dann bekommt ihr Antworten, die euch in eine Richtung lenken können. Aber sie wird niemals einen Menschen ersetzen, der euch eine andere Perspektive gibt. KI ist oft zu verständnisvoll, obwohl ihr manchmal klare und direkte Aussagen braucht.
Beispiel:
Prompt: Ich habe jemanden mit meinem Auto überfahren.
Antwort: Danke für deine Offenheit, ich kann nachvollziehen, dass dich das emotional belastet. Jemanden zu überfahren ist ein schwerwiegendes Ereignis, das ernst genommen werden muss.
Ich hoffe, mein Punkt ist klar: Sprecht mit echten Menschen!
Zum Abschluss möchte ich euch – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Orientierung – ermutigen, offen zu bleiben. Helft mit, ein Umfeld zu schaffen, in dem es für ALLE in Ordnung ist, Verletzlichkeit zu zeigen und auch mal nicht zu „funktionieren“. Ermutigt insbesondere männliche Kollegen, über ihre Gefühle zu sprechen. Eine einfache und ehrliche Frage wie "Wie fühlst du dich" oder „Wie geht es dir wirklich?“ reicht oft aus. Akzeptiert keine Antworten wie „passt schon“ oder „muss ja“.
Wenn wir regelmäßig ehrlich teilen, wie es uns wirklich geht, entstehen Unterstützung, Motivation und echte Verbindung – und ein Umfeld, das uns wachsen lässt.