Hallo Marc,
wenn dein Sohn irgendwann wieder abnimmt, wenn du anrufst, dann konzentriere dich auf Themen, die euch verbinden: Fussball (Lieblingsmannschaft, bald geht die Saison ja wieder los), Sport, Computerspiele (welches, welche Level erreicht . ), gemeinsame Erlebnisse (ich war wieder da und dort und hab dies und jenes gemacht). Erzähl ihm ein bisschen was von dir und deinem Leben mit deinem Sohn (wir haben wieder . gekocht).
Alltag, Belanglosigkeiten sind wichtig und verbinden. Wenn dein Sohn dir dann was erzählt von seinem Alltag, höre einfach zu, versuch am Telefon daran teilzuhaben. Bewerte nichts im direkten Gespräch mit deinem Sohn. Sag ihm immer und immer wieder, dass du ihn lieb hast. Sag ihm, dass du dich freust, dass er mit dir spricht. Sag ihm, du freust dich darauf, ihn irgendwann wieder zu treffen, wenn der richtige Zeitpunkt wieder da ist. Mit am wichtigsten finde ich aber, deinem kleinen Sohn und auch deinen anderen Kindern, immer wieder zu vermitteln, dass du sie bedingungslos liebst. Das bedeutet nicht, keine Grenzen zu setzen oder Kritik zu üben, wenn Dinge aus dem Ruder laufen, aber deine Kinder brauchen die Gewissheit, deiner Liebe - unabhängig davon, ob sie bei dir, bei deiner Ex-Frau oder zur Zeit in England leben. Nimm deine Kids so an wie sie sind und liebe sie gerade deshalb.
Was du lassen solltest: keine Kommentare zu deiner Ex-Frau und ihrem Verhalten (nichts zu verpasste Fussball-Trainings!), keine Nachfragen, wann dein Sohn dich wieder besucht, keine Kommentare zu unterschiedlichen Äußerungen deines Sohnes zu seiner aktuellen Lebenssituation mit unterschiedlichem Inhalt bei verschiedenen Personen, nicht nach The Next fragen. Keine Dauerbefeuerung der Kids mit deiner Enttäuschung über deine Ex oder das Verhalten bzw. Nicht-Verhalten der Kids.
Ach ja: Ein 9 jähriges Kind ist ein Kind, zumindest in Deutschland. Damit darf es kindliche Verhaltensweisen haben und zeigen. Deine Erwartungen an deinen Sohn, wie er sich positionieren sollte, sind viel zu hoch. Das kann und will ein Kind seines Alters nicht leisten. Dein Sohn will beide Eltern, aber wenn er unter Druck gesetzt wird - von deiner Ex-Frau und/oder von dir - wird er sich für seine Mama entscheiden. Dort ist sein (momentaner) Lebensmittelpunkt und den will er nicht verlieren. Das sollte angekommen sein bei dir.
Einen Kommentar zur angedachten Fremdunterbringung durch das Jugendamt kann ich mir nicht verkneifen: So wie ich das verstehe, wird vom JA weder deine Frau noch du als geeignete Unterbringungsmöglichkeit angesehen, sonst würde vom JA nicht über eine Fremdunterbringung nachgedacht. Das wird schon einen Grund haben, auch wenn es nur der ist, dass das JA euren Rosenkrieg nicht noch mehr befeuern will.
Was deine Frau abzieht, ist mit das übelste, was man als Mutter tun kann: Anzeige bei der Polizei, manipulieren des Sohnes. Aber: Verantwortlich bist du für dich und dein Handeln. Ich kann verstehen, dass da viele Emotionen sind bei dir: Aber du bist wie alt? Deutlich älter als 9 und bekommst dich auch nicht auf die Reihe, erwartest das aber von deinem 9 jährigen Sohn. Und: Deine ganze Strategien haben nicht geholfen, die du bisher angewandt hast. Wenn man rein rational denkt, ist also höchste Zeit für einen Kurswechsel.
Ich sehe da nur zwei Möglichkeiten: Du gehst jetzt alle rechtlichen Schritte, die du nur gehen kannst. Hauptsache, du kannst dich und deine Verletzungen dabei weiter im Rachemodus halten und verklagst deine Ex jetzt auf Einhalten der Vereinbarungen, Besuchs- und Betreuungszeiten.
Oder: Du machst mal was anderes, versuchst eine ruhige, geduldige, nicht wertende Haltung in deiner Rolle als Vater und arbeitest daran, wie du deine Emotionen besser kontrollieren kannst und lässt dich stärken im Umgang mit der aktuellen Situation.
Ich war in Therapie bei einer Psychologin. Die erste Stunde fand ich auch noch ein bisschen komisch und die Therapeutin irgendwie auch. Aber: Mir hat das sehr geholfen, mit mir und meinem Leben wieder besser klar zu kommen. Ein Gedanke dabei war auch, dass ich lieber jemanden mit mir und meinen Problemen belasten wollte, der das professionell macht und mich dann auch professionell unterstützt. Ausserdem hat es mich irgendwann ziemlich genervt, Dauerthema im Familien- und Freundeskreis zu sein. Ich wollte wieder ein normales Leben mit normaler Aufmerksamkeit von meinem Umfeld und nicht permanent bedauert werden und hatte auch genug von den an sich nett gemeinten Nachfragen, wie es mir geht .
Ich kann dir daher auch nur raten, dir professionelle Unterstützung zu holen, um ein erwachsenes, emotional angemessenes Verhalten einzuüben und damit wieder Zugang zu allen deinen Kindern zu bekommen.