Guten Morgen liebe Anrojahe (etwas sperrig, der Name)
Zitat:>>Was glaubt ihr? Gibt es noch eine Chance?<<
Kann sein. Das wird sich bald heraus stellen. Aber wenn du um ihn kämpfen möchtest, dann tu das. Wenn du ihm zeigen möchtest, dass du das Nebeneinander-Her-Leben bedauerst, dann zeig das. Wenn du mit ihm im Gespräch bleiben kannst, dann bleibe im Gespräch. Und redet bitte nicht über
SCHULD, sondern über die
URSACHEN, die euch in diese Situation gebracht haben. Später kann dann auch noch über die
VERANTWORTUNG gesprochen werden.
Tu das alles, weil DU das möchtest. Tu das nicht, um ihn um jeden Preis zurück zu gewinnen. Tu es, damit du in deinem weiteren Leben das gute Gefühl haben darfst, diese bisher wichtigste Beziehung nicht leichtfertig aufgegeben zu haben. Tu es, um vieles über euch heraus zu finden und um zu sehen, was das mit dir macht, was es mit ihm macht. Erwarte nicht, dafür mit einem Neuanfang belohnt zu werden, aber schließe es nicht aus. Die Phase, in der ihr euch gerade befindet, ist eine sehr wichtige Zeit. Wichtig vor allem, wenn darauf zurück geschaut wird, egal wie es weiter geht. Und diese Phase ist zeitlich sehr beschränkt, denn es findet dabei eine Entwicklung statt.
Diese Entwicklung betrifft jeden von euch. Du wirst bei diesen intensiven Gesprächen spüren, was in dir und zwischen euch an neuen und bisher unausgesprochenen Gedanken und Gefühlen sichtbar wird. Die gehen nicht verloren, auch wenn ihr euch trennt. Sie werden Bestandteil eurer Gedankenwelten. Sie können dir helfen dich zu entwickeln. Und bei ihm ist das ähnlich. Er kann heraus finden, an welcher Stelle es gekippt ist und er in Resignation verfallen ist, obwohl er es als Herausforderung hätte sehen können und nach einer gemeinsamen Lösung hätte suchen können. Das alles geht nicht verloren, auch wenn es nicht zum gewünschten Erfolg führt. Denn jedem von euch stehen noch viele Jahre bevor, die ihr in liebevollen Beziehungen verbringen könnt, auch wenn es nicht die Beziehung zwischen euch beiden sein sollte.
Tatsächlich bin auch ich der Meinung, dass eine andere Frau eine Rolle spielen könnte. Äußerst selten gehen Männer ausschließlich aus Frust aus einer solchen Beziehung. Es ist also naheliegend, dass er durch eine andere Frau erfahren hat, wie es sich anfühlt, wenn zugewandt, liebevoll und nach Nähe suchend mit ihm umgegangen wird. Das muss noch keine Affäre sein, aber er hätte dann gespürt, was ihm fehlte, ohne dass es ausgesprochen wurde. Der zeitliche Druck, die Trennung in Gegenwart von Besuchern aussprechen zu müssen, wird kein Zufall sein.
Seine Ablehnung einer Paarberatung spricht da ebenfalls eine sehr deutliche Sprache. Denn die legt ja vieles offen, und es ist eine klar, dass man dort vor professionellen Augen eine neue Beziehung nicht wirklich verbergen könnte. Dabei kann eine solche Beratung in der Hälfte der Fälle eine einvernehmliche Trennung begleiten. Allein das wäre schon ein Argument, dem er sich eigentlich nicht verschließen kann, es sei denn, er hat sich neu verliebt.
Zitat:>> Aber ich liebe ihn! Ich will mir keinen anderen Mann an meiner Seite vorstellen!<<
Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Ob sich zwischen euch wieder Liebe einstellen kann, muss herausgefunden werden. Aber es wäre hilfreich, wenn du den Gedanken an eine Trennung und jeweils andere Partner nicht ausschließen würdest. Lass es mal zu, dann könnte es an Schrecken verlieren. Ihn nicht gehen lassen zu wollen, hätte mit Besitzanspruch zu tun. Und der ist fehl am Platz. Er hat dir nie gehört und wird das auch nicht. Ihr habt eine lange gemeinsame Zeit sinnvoll und liebevoll miteinander verbracht. Und wenn diese Zeit zu Ende ist, ist damit nicht die Beziehung gescheitert. Die ist nur zu Ende. Die Beziehung selbst hatte ihren Sinn, ihren Platz und ihren Wert. Der geht nicht dadurch verloren, dass sie beendet ist.
Zitat:>> Wir haben in den letzten Tagen viel geredet und ja, ich habe gemerkt, dass es vor allem im letzten Jahr in unserer Beziehung Probleme gab. Und zwar der Art, dass wir beide immer mehr nebeneinander her statt miteinander gelebt haben. Er hat seine Probleme immer weniger mit mir besprochen und wenn ich ehrlich bin, hatte ich auch kaum ein Ohr für ihn, weil ich mit mir selbst beschäftigt war.<<
Bedenke das bitte, wenn dir der Gedanke kommt, dass er einfach mehr hätte drängen, reden oder sich beschweren müssen. Das ist zwar im Prinzip richtig, kann aber sehr zermürbend sein, wenn die Partnerin einfach kein Ohr dafür haben will und der Meinung ist, die Beziehung ist gerade genau richtig. Das macht einsam, dann wendet man sich anderen Menschen zu, die gerne zuhören.
Zitat:>>Und ja, wenn er sich mir annäherte oder Kontakt suchte, fand ich es in der letzten Zeit eher lästig und anstrengend.<<
Gerade das kann im typischen Alter der Midlife-Crisis der entscheidende Punkt sein. Man will wieder als sexuelles Wesen wahrgenommen und begehrt werden. Der Gedanke, dass es das jetzt gewesen sein soll bis zum Lebensende, verlangt mehr und mehr Beachtung.
Abschließend möchte ich aber noch klar stellen, dass dein Mann wenigstens dieselbe Verantwortung dafür trägt, wo ihr jetzt seid. Es wäre zu einfach, alles nur auf deine Distanzierung zu schieben, denn Distanzierung ist in langen Beziehungen ein wichtiger Baustein. Sie ist normal, aber sie muss von Gesprächen und emotionaler Nähe begleitet sein. Da hätte er ganz sicher mehr tun können, er hätte deutlicher sagen können, dass er über Trennung nachdenkt und dich fragen können, wie du dazu stehen würdest. Und das zu einem Zeitpunkt, in dem noch Chancen bestanden. Leg dir also nicht zu viel auf die Schultern. Ihr habt die Situation, in der ihr euch jetzt befindet, gemeinsam erschaffen. Und ihr könnt sie auch gemeinsam beenden, in welche Richtung auch immer.