Hallo lilli,
als ich diese Sätze oben las fühlte ich mich 14 Monate zurückversetzt ... da stand ich an einem ähnlichen Punkt wie du, hatte zuvor mit meinem Ex auch ähnliches erlebt, die neue Partnerschaft die er sich während den letzten Jahren unserer Ehe hinter meinem Rücken aufbaute, unseren 'Neuanfang' als ich bröckchenweise dahinterkam was da alles geschehen war ... 15 Monate später das endgültige Ende weil die 'Andere' auch während unseres 'Neuanfangs' immer im Hintergrund dabei war. Auch die Unsicherheit meines Exmannes ob es die richtige Entscheidung ist 22 Jahre Beziehung zu beenden ... anfängliche Unentschlossenheit seinerseits ... in mir der Wunsch auf ein schnelles Ende weil mein Vertrauen zu ihm vollkommen zerstört war.
An dem Abend als klar war dass nur noch die Trennung in Frage kommt war ich völlig aufgelöst ... ich setzte mich in mein Auto und raste wildentschlossen in die Nacht ... ich wusste dass ich dieses Leben nicht schaffen würde also wollte ich es beenden. Irgendwann landete ich auf einem Hügel weit ausserhalb, parkte und holte erst mal Luft ... ich ging gedanklich nochmal durch was da alles auf mich zukommen würde ... ich brauchte eine Arbeit, nach 13 Jahren als Nur-Hausfrau! ... eine Wohnung ... ich konnte nicht alleine sein ... das Kind würde bei mir leben, wie sollte ich das organisieren, sie war es genausowenig gewohnt alleine zu sein wie ich ... ich habe keine Verwandschaft die mir zur Seite stehen würde ... ich hatte große gesundheitliche Probleme in den letzten Jahren unserer Ehe und eine Muskulatur die mich phasenweise fast bewegungsunfähig machte ... je mehr ich über diesen Berg nachdachte umso mehr türmte ich auf ihn drauf ... die Versicherungen, die Steuersachen, das gemeinsame Haus, die Scheidung, der Schulwechsel der Tochter, die finanzielle Situation ... usw. ... da war mir dann endgültig klar dass ich das nie schaffen könnte!
Okay, ich stand also da oben und schaute verzweifelt in die vielen kleinen Lichter draußen in der Landschaft bis mir plötzlich mit Schrecken klar wurde: Ich stehe im Dunkeln! ... für jeden anderen sicher normal, für mich unfassbar ... ich stand da irgendwo weit weg von Zuhause in absoluter Dunkelheit mit meinem Auto und das wo ich doch im Dunkeln gar nicht Autofahren kann weil ich doch da nichts sehe!!! ... und das gab mir zu Denken!
Fast ein bisschen stolz fuhr ich nach Hause, ließ dort meiner Wut auf meinen Ex freien Lauf und einiges durch die Luft fliegen was sich so in der Küche befand ... stieg über die Sauerei hinweg und nahm nebenher noch eine Flasche Wein aus dem Kühlschrank ... giftete meinen Ex an dass ICH das jetzt sicher nicht in Ordnung bringen würde ... lächelte die Tochter an und beruhigte sie dass ich vollkommen normal sei und dass man so was, einmal im ganzen Leben!, tun dürfe und legte mich ins Bett!
Mein Kopfweh am nächsten Morgen war gemein ... mein Ex war bei seiner Freundin, ich suchte mir einen Anwalt, studierte die Wohnungs- und Stellenanzeigen und besprach mit meiner Tochter (damals 12) wie wir unser weiteres Leben gestalten wollten. Als mein Ex am Abend nach Hause kam und realisierte welche Veränderungen ich einleitete war er fast entsetzt. Einen Tag später fuhr ich, auf sicheren Wegen, in die Kreisstadt - auch das hatte ich mir 20 Jahre nicht mehr zugetraut - verfranste mich in meiner Aufregung dort total und hatte dann das geballte Erlebnis von 'Grosstadtverkehr' *seufz* ... und danach wieder die Erkenntnis: es geht!
Und genauso machte ich weiter! Wenn ich ohnehin nichts mehr zu verlieren hatte konnte ich genauso gut weitermachen ... auf diese Art sprang ich über sehr viele Schatten und regelte mein Leben Stück für Stück. Ca. 4 Monate nach diesem ersten Abend hatte ich einen Job, eine Wohnung, der Schulwechsel war geplant und nach Aussen hin insgesamt alles geregelt. Beim Renovieren der Wohnung und beim Umzug half allerdings das schlechte Gewissen meines Ex tatkräftig mit.
Und jetzt nach etwas mehr als einem Jahr ist das alles längst normaler Alltag ... ich will nicht sagen dass mein Leben jetzt leicht ist, es gibt so einiges woran ich manchmal verzweifeln möchte, aber ich wollte es nicht mehr gegen das Alte eintauschen! Mit meinem Ex verschwanden netterweise auch die psychosomatischen Beschwerden und ich habe insgesamt viel gewonnen an Selbständigkeit und Selbstbewusstsein ... allem voran aber die Erkenntnis dass man so einiges Schaffen und Aushalten kann (@ die, die mich kennen: diesen letzten Satz sollte ich mir wohl ans Brett vorm Kopf nageln wenn ich mal wieder feststelle, dass die Welt zum Heulen ist

)
Dieser ganze Berg den ich vor etwas mehr als einem Jahr vor mir sah, hat sich Stück für Stück abtragen lassen ... ich hatte übrigens früher total Angst vor alleine sein, Geschäftsreisen meines Ex ließen mich in Panik ausbrechen - das war von einem Tag auf den anderen plötzlich weg ... heute bin ich sehr gerne alleine, da kann ich tun und lassen was ich will und muss auf niemanden Rücksicht nehmen

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Lieben Gruss lilac