Hallo du.
Ich denke, ich werde nicht anders können. Ich werde dir nach meiner Prüfungsphase einen letzten Brief schreiben. Warum? Weil ich nie dazu kam, dir meine Bedürfnisse und Gefühle, positiv oder negativ, mitzuteilen. Ich tu das nicht, um dich wiederzubekommen. Ich werde es tun, um mir die ganze trübe Suppe von der Seele zu schreiben und werde es dir dann schicken. Ob du es dann liest oder den Brief wegschmeißt ist mir mittlerweile egal. Es geht mir nur um das befreiende Gefühl, dass ich letzten Endes doch noch irgendwie sagen konnte, was du aus mir gemacht hast, wie du mit mir umgegangen bist.
Zwei Jahre lang habe ich um unsere Beziehung und um deinen Respekt gekämpft. Zwei Jahre lang habe ich mich zurückgenommen, dir helfen wollen, für dich da sein wollen. Bekommen habe ich den pauschalen Vergleichshammer, Unverständnis und falschen Trotz.
Deine nicht vorhandene Streitkultur hat mich zerstört. Bei jedem noch so kleinen Anschein einer Konfrontation hast du Stunden lang zu gemacht, den Spieß umgedreht und mich beleidigt. Verbal und gedanklich. Vorwürfe über Vorwürfe. Und wenn ich mich gewehrt habe, war ich das Po-Loch, dass dir was böses wollte.
Menschen wie ich sind nicht fähig sich durchzusetzen, weil sie immer wieder in die Beschützerrolle fallen und sich schuldig für das Missempfinden des Gegenübers fühlen. Das habe ich mittlerweile realisiert. Mittlerweile weiß ich, dass ich dir in sehr vielen Situationen deine Grenzen aufweisen hätte müssen.
Ich konnte es nicht, aus Angst dich zu verlieren. Aus Angst alleine zu sein. Aus Angst den Menschen nie wieder zu sehen, denn ich doch so sehr zu lieben geglaubt hatte. Auch hier weiß ich mittlerweile, dass ich dich so oder so verloren hätte, weil du mich nie als den Menschen gesehen hast, der ich wirklich war.
Die bittere Erkenntnis für mich: Ich habe mich selbst verleugnet, meine Prinzipien über Bord geschmissen und mir die Liebe zu einem Menschen vorgelogen, der mich mit Füßen getreten hat. Man kann sich nur temporär so dermaßen selbst verleugnen. Irgendwann schwindet die Kraft.
Ich habe dir vor einem knappen Jahr in einer ganz unangenehmen Situation, in der du mich mal wieder als den Volldeppen der Nation dargestellt hast, mal gesagt, dass du mich krank machst. Deine bescheuerte Reaktion darauf: Krass, ich wusste nicht, dass du so über mich denkst. Da muss ich erst mal ein paar Tage drüber nachdenken. Geh bitte.
Wieso ich damals nicht gegangen bin ist mir schleierhaft. Wieso habe ich mir selbst immer wieder so weh getan?
Aus fast schon ekelhafter Liebe. Liebe bis zur Selbstkasteiung. Liebe bis zur totalen Aufgabe.
Du hast mir im Februar gesagt: Wenn wir es jetzt noch mal versuchen und es wieder scheitert, dann wirst du mich hassen.
Ich kann nicht hassen. Menschen wie ich sind dazu überhaupt nicht fähig. Wenn wir lieben, dann lieben wir. Das einzige was ich für dich fühle ist die gnadenlose Enttäuschung. Enttäuschung über meine Selbsttäuschung. Enttäuschung über deinen fehlenden Respekt. Enttäuschung über die Gewissheit, dass ich die Vorzeichen nicht wahrhaben wollte und dir auch noch Recht gegeben habe wenn ich mich für Dinge entschuldigt habe, die ich nicht falsch gemacht habe.
Der Brief, den ich dir dann schreiben werde, wird die Kernessenz dieses Tagebuchs sein. Er wird schonungslos, er wird ehrlich. Aber eines kann ich dir versprechen: Ich werde niemals so sein wie du. Dieser Brief wird so dermaßen respektvoll geschrieben sein, dass dir die Galle hochkommt.
Und dann kannst du mir, wenn du ihn überhaupt ließt, aufs Neue Vorwürfe machen. Dann kannst du mir wieder sagen wie verzerrt meine Wahrnehmung doch ist. Und weißt du was? Es ist mir dann so unfassbar egal. Denn wenn ich eines weiß, dann ist es die Tatsache, dass ich auf dich und deine Meinung. Dass ich auf dich und deine Einstellung und deine Gedanken einen riesigen F I C K geben kann und werde.
In mir herrscht nur noch Leere und Wut. Leere bezüglich der Tatsache, dass ich dich überhaupt wollte. Ich will dich nicht mehr. Ich will keinen Menschen der mich in allen belangen tritt. Wut im Bezug auf mich. Wut über die Tatsache, dass ich mir was vorgegaukelt habe. Denn wirklich wichtig war ich dir nie. Du warst nur froh, dass du jemanden hattest, der abends mal ne Runde für dich da war und mit dem du tollen GV haben konntest. Das war doch sowieso der einzige Moment in dem du mir mal großartig Komplimente gemacht hast. Danke dafür, wenigstens war ich ja zu was gut
Ich werde den Menschen in Erinnerung behalten, der in seinen hellen Momenten glaubhaft "Ich liebe Dich" sagen konnte. Deine andere Seite, dieses dunkle Molloch voller Respekt- und Anstandslosigkeiten verachte ich auf's tiefste.
Bis demnächst.