Zitat von Kauzette: Das ist das Thema: wie geht man damit um, wenn man es nicht weiß, aber viel empfunden hat.
Du musstest ja schon vorher damit Umgang finden. Das ist es nicht, was sich geändert hat.
Du bist den Weg über die Emails gegangen, was ich nachvollziehen kann und hast damit Deiner sich verändernden Perspektive zu dem was war, auch unter Maßgabe der veränderten Beurteilung von Machtverhältnissen Rechnung getragen.
Was hat sich also geändert?
Jede Form von vielleicht irgendwo verbliebener Hoffnung Klärung oder gemeinsamen Frieden zu finden, ist dahin. Manchmal denken wir Dinge sind geklärt, halten dann aber doch noch in unseren Untiefen an Hoffnungen fest.
Du hast grooming und bread crumbing angesprochen. Unter der Annahme er hat seinen Nachruf selbst verfasst, ist dieser doch dann sehr on Brand. Keine Klarheit nur ein vielleicht, ein man/du kannst es so lesen. Ein Anerkennen, dass etwas war, ein Vermeiden des was es war.
Und bei der Vorgeschichte triggert das. Auch nach Jahren der Abstinenz erkennen Deine Rezeptoren “ihren Stoff”.
Bleiben wir bei was ist neu: assistierter Suizid löst eine Menge Gefühle aus. Egal wie verständlich, egal wie begründbar. Es ist eine Entscheidung wider der Natur und oft auch wider der eigenen Natur. Das zu erfahren löst Große Betroffenheit aus.
Es könnte aber auch noch etwas andere offenbaren: einen wahrnehmbare aber irgendwie schlecht greifbare Disonanz.
War sein Nichtentscheiden für Dich mit einem Nicht-Verlassen seiner Familie, einem seinen gewählten Verantwortungen und Verpflichtungen gerecht werden, erklärbar, also als Integrität maskiert, so erleben Deine Gefühle (nicht Deine Verstand), dass auch das so nicht eindeutig gestimmt hat. Der gewählte Weg offenbart auch Freiwilligkeit. Die Familie, die Verantwortungen, die Verpflichtungen bleiben zurück.
Er konnte diese Entscheidung treffen, er konnte sie nur nicht für dich/euch treffen. Und egal wie wenig vergleichbar und wie gut argumentierbar die Unterschiede, auf der Gefühlsebene nimmst du das war und auf dieser Ebene ist es verletzend.
Das muss aber nicht so bleiben. Du könntest dies auch als ein weiteres Stück der notwendigen Demontage des Damaligen nehmen.
Sein letztes Geschenk ist nicht die Fortsetzung seiner Ambivalenz, ein du weißt es doch eh, aber ich spreche es nicht direkt aus mittels des Nachrufs. Sein letztes Geschenk ist die sehr schmerzhafte Klarheit, dass er sehr wohl zu harten Entscheidungen fähig war, dass er sehr wohl in der Lage war, alles und alle zu verlassen.
Nur eben nicht für Dich. Er war kein ambivalenter Mann. Er war nur in dem Verhältnis zu Dir ambivalent. Bewusst. Gewollt.
Und damit landest du dann bei dem Kern, was hast du damals eigentlich gesucht. Welchen Zweck hat diese Ambivalenz für dich erfüllt und tut es bis heute.
Zum Schluss der Verlust eines geliebten Menschen ist immer hart und wenn jemand stirbt, dann nimmt die Trauer ein paar weniger Unmittelbarer einen sehr, sehr großen Raum ein und die Trauer der anderen wird davon häufig überdeckt. Daher mein tiefes Beileid zu Deinem Verlust.