Zitat von Umbra_: Oh je, das sind ja unvorstellbar viele Jahre. Wie hast du das bloß ausgehalten? Ich weiß, man wächst da so rein und irgendwie geht es dann. Hast du in der Zeit auch Freiräume für dich gehabt?
Das hast Du gut auf den Punkt gebracht. Man rutscht rein. Keiner weiß, wie lange so eine Situation anhält und man denkt, wenn überhaupt, dass es doch nicht lange so gehen wird.
Hätte man im Vorfeld diese Info
😨 äh, nee, das schreckt extrem ab.
Bei meiner Mutter war es noch so, dass mein Vater in erster Linie alles gemacht hat im täglichen Leben. Da war mit meinen Anfang 20 besonders dieser rasante Abbau und Verfall einer vorher starken Person zu verkraften. Und ich fing an meinen Vater zu entlasten, indem ich da war; indem ich ihn und Mutti zu diversen Sachen fuhr, ua Familientreffen, an denen er ansonsten nicht hätte teilnehmen können. Vieles habe ich anscheinend vergessen, wie ich versucht habe, zu entlasten.
Hart war auch da schon der Punkt, dass alles weiterlaufen sollte wie vorher. Ok, nun hat Vatern gekocht und gebacken. Ansonsten blieben die Täigkeiten aber zu tun.
Und als er für zwei Wochen ausfiel, da er nicht mehr konnte und ins Krankenhaus mußte, da standen wir Kinder plötzlich da. Denn wir alle waren voll arbeiten. Wie sollten wir Mutti rund um die Uhr versorgen können, plötzlich?
Zum Glück haben die meisten mitgemacht. Eine Schwägerin fand die Lösung Tagesklinik, die auch kurzfristig funktionierte. Damit wurden Einsatzpläne erstellt, wer welche Schicht übernimmt. Das ging im großen und ganzen ganz gut.
Vatern raus aus dem Krankenhaus und alles zurückgezogen, was an Hilfen organisiert worden ist.
Da kannste die Wand hochgehen.
Denn wir hatten gerade erlebt, dass diese Forderung, daß alles wie gewohnt bleiben muß, einfach überfordert, uns alle. Egal. Grrr.
Ist irgendwo nachvollziehbar.
Andererseits ist das sehr egoistisch, alle volle Suppe mitzubelasten, nur weil man selber sich etwas in den Kopf gesetzt hat.
Also da die Balance zu finden ist fast unmöglich, bei Leuten, die bestimmen.
Wir haben irgendwann den Bogen raus gehabt, dass in eines der alten Kinderzimmer eine Untermieterin günstig wohnen kann. Dafür ist das Gefühl da, dass jemand mitbekommt, sollte etwas sein und um Hilfe rufen kann (wurde in all den Jahren doch nicht gebraucht. und das eine mal, wo doch, da reagierte niemand.)
Irgendwann doch Heim für Muttern. Was machen die dort? Legen sie ins Bett und das wars. Da hat sich niemand gekümmert, wie zu Hause, wo sie täglich ins Bad kam, angezogen wurde, am Tisch saß, stundenlang gefüttert wurde, etc pp
Nichts von alledem. Hatte Vater wohl gedacht, dass sie seine Arbeit übernehmen. Nein. Gar nicht. Nur noch bettlägrig. Fertig. (bzgl dieser Extreme haben wir alle gekocht. Keine Chance.)
Das zeigte aber wieder, dass u n b e d i n g t alles wie gewohnt weiterlaufen m u s s, ohne Rücksicht auf Verluste. Und dann, wenn man deswegen abgeben muss, tja. doof.
Vatern fuhr ab dann jeden Tag mit dem Rad zum Heim, oder ins Krankenhaus, und fütterte ne Stunde lang einen Becher Joghurt oder Apfelkompott.
Das ist über 20 Jahre her. Wenn ich Euch lese, hat sich da nicht viel geändert.
Puh, das war bereits viel.
Ich war damals dafür bekannt, dass immer eine gepackte Tasche im Kofferraum war (und ein Schlafsack). Denn ich wusste nie, wann der nächste Hilferuf kommt und ich dort eventuell übernachte.
Meine Ehe hat diese Situation nicht überlebt. Das hat ua damit zu tun, dass ich mich fragte, mit was für einem unglaublichen Egoisten ich verheiratet war. Von der oben beschriebenen Situation waren alle beteiligt zu helfen, nur mein da noch Mann, fühlte sich nicht angesprochen. Er bestand darauf, das Auto, wie gewohnt zweimal die Woche für den Weg zur Arbeit zu haben. Dass ich in den zwei Wochen Mutti zur Tagesklinik hinfuhr und wieder abholte, weil ich am nächsten dran wohnte, war ihm egal. Dass ich dadurch die Nächte und das Wochenende frei hatte, war ihm auch egal. Hauptsache, ihm geht es gut.
DAS hat mich weit mehr fertig gemacht, als die Pflegesituation. Und das zog sich noch über Jahre hin, bis das Elend vorbei war.
Also gute Partner sind Gold wert. Das hatte ich danach und das waren Welten an Unterschied.