@unregistriert
So, jetzt will ich Dir noch antworten, bevor ich unter die Dusche hüpfe. Es kam noch eine Auseinandersetzung mit "best friend" dazwischen. Anscheinend habe ich gerade kein Händchen für Menschen.
Offenbar ist die Situation als etwas dramatischer angekommen, als ich sie akut empfinde. Es hat mich beschäftigt, wie meine Familie sich an meinem Geburtstag verhalten hat und ich fragte mich, wie das alles so weit kommen konnte. Ich denke, das ist ein natürlicher Vorgang und darf so sein. Dass das alles gerade neulich auch Thema war, lag an dem Eltern-Thread. Ja, jeder Kontakt zu meiner Mutter wirft für eine Weile die Denkmarmel an. Aber das hört auch wieder auf.
Was das Freisein und die Revolution angeht. Letzte habe ich längst hinter mir. Seit der Pubertät habe ich mich gerieben, gestritten, verschiedene Dinge ausprobiert, als Erwachsene Schläge angedroht bekommenn, bin rausgeflogen, wurde geliebt, unterstützt, gelobt und angeschrien. Ich war gütig, ich war herausfordernd, ich war verständnisvoll. Ich war eine gute und eine schlechte Tochter. Ich habe unterstützt, gepflegt, sie für sich die Dinge regeln lassen. Ich habe alle Klaviaturen gespielt, die mir eingefallen sind. Ich habe mich offenbart und in verständnislose Gesichter geschaut. Ich habe Grenzen aufgezeigt und auf ihre Verletzungen reagiert. Ich habe ihnen Anerkennung gezeigt und sie kritisiert. Nichts hat an an dem Verhalten meiner Eltern etwas geändert.
Seit dem Tag vor zwei Jahren, als ich ging, fühle ich mich familiär so frei, wie nie zuvor. Dieser Zustand hält immer noch an. Er ist noch genauso präsent, wie an dem Tag, als meine Schritte mich irgendwo in der Pampa von meiner Familie wegführten. Es gibt kein Zusammenspiel mit meinem Vater mehr. Es gibt eine unglückselige Rolle von meiner Mutter und einen Bruder, der genau das macht, was er gelernt hat. Er geht Konflikten aus dem Weg und tut so, als wäre alles in Ordnung.
Ich glaube auch, dass wir über zwei verschiedene Dinge geschrieben haben. Ich habe über das Wesen meiens Vaters geschrieben, dass mit meinem nicht kompatibel ist. Du hast das Thema Missbrauch im Hinterkopf. Natürlich kann ich fehlendes Vertrauen nicht von der heutigen Situation trennen, aber in meinem Beitrag ging es vorrangig um den Choleriker.
Mit der Gegenwart bin ich zufriedener und ich bin in ihr freier, als ich es zuvor war. Wenn ich von Zeit zu Zeit erstaunt bin über vieles und mich verlassen fühle, dann leide ich doch weniger als ich mich frei fühle. Denn trotz aller Schwierigkeiten um meine Mutter geht es mir so, wie es ist, besser.
Was mich umtreibt (und das auch ganz gewiss nicht täglich, Auslöser war mein Geburtstag), ist die Zukunft und die Frage, wie es mir dann damit gehen wird. Denn ausgerechnet mein Vater war es ja, der mir vor Augen führte, dass es ihm zunehmend schwerer fällt, mit dem schlechten Verhältnis zu seiner Mutter seinen Frieden zu machen, nachdem sie gestorben war. Je länger sie nicht mehr lebte, desto mehr trieb ihn das Thema um, desto mehr quälten ihn unbeantwortete Fragen.
Derzeit fühle ich mich in keiner Schuld gefangen, aber ich schließe nicht aus, dass es so kommen kann. Und dennoch bin ich froh (und auch ein bisschen stolz), dass ich mich -zumindest für die letzten Jarhe - frei machen konnte.
Du schreibst davon, wieder integer zu sein, aber ich glaube, Du schreibst das in Bezug auf Deine angeheiratete Verwandtschaft, die Deiner Tochter natürlich "entgeht" und umgekehrt. Ich glaube, es ist ein Unterschied, ob man sich frei machen muss, von den eigenen Eltern oder von angeheirateter Mischpoke.
Ich bin kein Mensch für Dramen (die Familienseite meines Vaters leider schon). Ich möchte keine Dramen an Krankenbetten oder auf Beerdingungen. Darum beschäftigt es mich gelegentlich, ob es nicht doch einen Weg gibt, eine immerhin so friedliche Coexistenz zu erreichen, dass man im Ernstfall sachlich miteiander reden kann. Das ist das, was ich mir wünsche und wofür ich im Moment keinen Weg sehe. Irgendwo keinen Weg zu sehen, ist für mich ein ziemlich blöder Zustand, denn normalerweise finde ich immer einen. Ich denke, es ist normal, sich im Hinblick auf die Zukunft wenigstens ein sachliches Verhältnis zu wünschen. Na gut, für manche vielleicht nicht. Aber für jemanden, der meist eingermaßen reflektiert ist, dann eben schon.
Und nein, ausnahmsweise weiß ich wirklich nicht genau, was Du meinst, in Bezug auf das, was ich tun muss. Aber wenn es das ist, wovon ich glaube, dass Du es meinst, sehe ich das anders. Sofern nichts Unvorhergesehenes passiert, werde ich meine Eltern nicht mehr mit einer Sache konfrontieren, die selbst vor dem Gesetz verjährt ist.
@all
Danke, dass Ihr Euch so intensiv meiner Sache annehmt. Aber momentan ist es okay. Es ist so okay, wie es eben sein kann. Ich habe mich wohl nur nicht deutlich genug ausgedrückt.