Neeela
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ganz neu hier schreibe ich einfach mal „irgendwas“. Natürlich wird es nicht irgendwas, sondern ein Auszug meiner Geschichte. Es war ja auch nicht die Langeweile die mich her brachte.
Ich stehe in den Scherben meiner achtjährigen Ehe. Und ich stehe dort allein. Und es gibt verzweifelte und dunkle Momente, und für die erhoffe ich mir hier einfach einen beruhigenden Austausch.
Wer nun mag, kann also ein wenig in meine Geschichte eintauchen. Aber Achtung, mit einem Happy End kann ich nicht dienen, und damit hätte ich niemals gerechnet. Ich hätte, nein Verzeihung, ich habe mich gegeben. In der absolut sturen Überzeugung, dass es möglich wäre, mit der richtigen Liebe den Schmerz aus jemandem herauslieben zu können.
Als ich meinem Mann das erste Mal auf einem Parkplatz gegenüberstand, haben wir uns eine Ewigkeit angesehen, und die Sache war klar. Da war er, der Mensch den wir in allen Ecken aller Städte dieser Welt so verzweifelt gesucht hatten. Endlich angekommen, endlich Zuhause. Wir haben schnell geheiratet, und ich hätte nicht glücklicher sein können. Ich liebte und liebe diesen Mann, den ich damals traf mit aufrichtigster Innigkeit. Was uns am Ende trennte, war eigentlich schon die ganze Zeit an Bord, ein blinder Passagier quasi, den ich einfach nicht erkennen konnte.
In meinem Leben hatte ich zuvor nie Berührung mit Suchterkrankungen gemacht, und so dauerte es, bis mir klar wurde, dass etwas gewaltig nicht stimmt. Auf diese Erkenntnis folgten einsame, stille, kämpfende und bittere Jahre. Keine Hilfe aus dem direkten Umfeld, ghosting und gaslighting. Auf jeden Auszug ( es waren insgesamt drei ) leere Versprechen und brennende Hoffnung. Die Sucht bestimmte viele Jahre mein Leben, und hat mich zu einer vorzeige Co Abhängigen gemacht. Heute habe ich Superkräfte. Ich erkenne funktionale Alk. an Bewegungen, dem Ton in der Stimme und all dem, was das ungeschulte Auge nur bei offensichtlich Betrunkenen erkennt. Ich bin eine Art Spürhund geworden, beim Zoll würde ich bravourös jedes Versteck und jeden Täter aufdecken.
Rückblickend hat das nicht geholfen. Egal wie gut ich war, wie informiert, wie wohlwollend und aufopferungsvoll. Es hat nicht gereicht. Ich habe nicht gereicht.
Im Herbst 2024 haben wir, nach einer langen Phase in der ich ihn krankheitsbedingt intensiv pflegen musste, unseren Hund tragisch verloren. Mir hat es das Herz rausgerissen, meinem Mann die Flasche in die Hand gegeben. Meine Trauer war zu schwer für ihn, und so hat er wenige Wochen nach dem Verlust aufgehört ins Bett zu kommen. Einige Tage später hörte er auf mit mir zu sprechen. Kurze Zeit später nahm er keine Notiz mehr von mir, und ignorierte mich über Monate komplett. Er hat sich kurz nach dem Verlust, und gegen mein betteln und flehen einen Welpen gekauft, mit dem er seither seine Tage teilt. Ich habe Ende 2024 bei mir schwerwiegende Veränderungen festgestellt, und ihn um Hilfe gebeten. Ich lag über Wochen nur im Bett. Alles an und in mir war dunkel, und der Wunsch nicht mehr aufzuwachen war damals sehr präsent. Mein Mann kommentierte dies nicht. Er verlies wortlos den Raum nachdem ich ihm davon erzählte.
Im Februar 2025 bin ich dann zum letzten Mal ausgezogen, um mich „zu retten“. Bis dahin fand keinerlei Kommunikation statt, ich war Luft. Am Tag des Auszugs lagen wir uns weinend in den Armen. Da war sie wieder, die Liebe wie am ersten Tag. Tragisch aufrichtig und verzweifelt tief. Ich bin trotzdem gegangen. Im ersten halben Jahr habe ich immer wieder versucht Brücken zu bauen. Wenn es aber um Einsatz seinerseits ging, war er immer sehr beschäftigt. Ich wisse ja wo er ist ( an dem Ort der unser Zuhause war ) und könne kommen wenn ich wollte. Kein Kampf, kein Einsatz und kein Wille seinerseits.
Rückblickend weiß ich, dass ich der größte Feind seiner Sucht bin. Und das eben diese gewonnen hat. Sie hat meinen Mann gewonnen, und all die Träume, Erinnerungen und Momente. Alles weg. Im Februar diesen Jahres habe ich die Scheidung eingereicht. Ich bin auch noch einmal umgezogen, und nun an einem Ort der sich gut anfühlt. Und obwohl man meinen sollte, dass das ganze ja nun in der Verarbeitung steckt und lange her sei, wird es aktuell wieder jeden Tag schlimmer.
Ich fühle, wie die Traurigkeit zurückkommt. Die Leere darüber, womöglich nichts bedeutet zu haben. Die Fassungslosigkeit über sein Schweigen, seinen ausbleibenden Protest zur Scheidung oder irgendwas. Die Trauer darüber, dass mein Kinderwunsch warten musste, damit er in Ruhe lügen und trinken kann. Es ist mir in Teilen unbegreiflich, wie man die Lebenszeit eines Menschen so verspielen kann. Ich sitze nun hier, im laufenden Scheidungsverfahren mit zwei Herzen in der Brust. Eines weint verzweifelt und voller Sehnsucht und Heimweh um diese große Liebe, und den unglaublich wundervollen Menschen der er war, als der Alk. ihn nicht so im Griff hatte. Dieser Teil in mir wacht noch immer nachts auf, weil ich ihn plötzlich riechen kann, seine Stimme höre, seine Haut spüre. Der Teil in mir wacht manchmal morgens auf, und denkt er wäre wieder zuhause.
Dieser Teil kämpft gegen die gesunde, erwachsene Frau die es auch noch in mir gibt. Die Dinge organisiert, eine Therapie gemacht hat, heute eine Selbsthilfegruppe leitet und ein Buch geschrieben hat. Die gesunde Frau in mir weiß, dass die Scheidung notwendig ist, nicht zuletzt um wirtschaftlichen Schaden von mir abzuwenden.
Diese beiden Teile bekämpfen sich in mir. Und ich bin irrsinnig erschöpft davon.
Vielen Dank fürs lesen, und euch allen auf euren Wegen ganz viel Kraft und Zuversicht.