@Ema nun habe ich genug Ruhe, und nehme mich deiner tollen Idee an
Zitat von Ema: Aber willst du das hier nicht mal genauer beschreiben, für all jene, die in einer ähnlichen Situation stecken wie du und die sich das immer noch schönreden? Die immer noch zweifeln, ob ihr Partner wirklich ein Alki ist?
Ich finde, dass das ein total guter und wichtiger Punkt ist. Natürlich ist das Thema des Forums ein anderes, aber grad auch durch die Arbeit mit der Selbsthilfe Gruppe, und den Begegnungen rundherum hab ich gemerkt, wie viele Menschen eigentlich Berührung mit dem Thema Sucht erleben oder erlebt haben. Und ich empfinde dieses „gibt es ein Problem, oder bin ich zu empfindlich?“ noch immer sehr präsent in meiner Erinnerung. Das kneift, und treibt um, und zermürbt. Und deswegen teile ich jetzt hier die „Reise“ meiner Gefühle in dieser Zeit.
Sucht entsteht nicht von heute auf morgen. Und ja, mein Mann war sicher schon suchterkrankt als wir uns kennenlernten. Ich habe großes Verständnis für pauschale Gedanken dazu. Von „das wollte man nur nicht sehen“ bis hin zu „einen Süchtigen muss man fallen lassen, dann hat er eine Chance“ hat alles irgendwo seine Berechtigung. Aber alles ist auch ebenso falsch wie richtig. Menschen, auch suchterkrankte sind so individuell wie wir alle. Was dem einen hilft, kann dem anderen den letzten Halt nehmen. Da bin ich persönlich sehr vorsichtig geworden. Ich habe im laufe der Jahre viele Gespräche mit abstinenten Suchterkrankten geführt, und weiß nun ein bisschen um das Leid auf beiden Seiten. Das soll nichts entschuldigen, und bei Gott ich bin wütend auf diese Sche****. Aber ich weiß auch, dass das klassische Täter Opfer Ding ( explizit ausgeschlossen sind hier natürlich psychische und physische Gewalt im Zusammenhang der Sucht! ) nicht zutrifft. Wenn die Sucht gewinnt, gibt es nur Verlierer. Das ist keine Entschuldigung oder Glorifizierung für „eine Seite“ dieser Geschichte, sondern die Entscheidung neben all dem Frust, der Wut und der Verzweiflung menschlich zu sein. Für mich war und ist das wichtig, um nicht bitter zu werden.
Wo hatte ich angefangen? Mein Mann der schon Abhängig war, als wir uns kennenlernten, genau. Das wird so gewesen sein. Und bestimmt ist es grad in der Verliebtheitsphase schwer, so etwas zu erkennen. Durch die verschiedenen Phasen und Ausprägungen der Abhängigkeit kann es aber, wie in meinem Fall, auch sein, dass ein Alk. über lange Zeit nicht trinkt, weil es ihm gut geht. Die Veränderung des Konsums geht meist mit Belastungen, Stress und alten Geistern einher. So auch bei uns. Aus trinkfreien Wochen wurden Tage, dann halbe Tage, und dann war die trinkfreie Zeit weg. Über lange Jahre gab es immer Pausen zwischen diesen „Schüben“ - dann irgendwann nicht mehr. Das ist der Lauf der Erkrankung, eine Art Nächstes Stadium.
Nun aber genug dazu. Eigentlich wollte ich ja erzählen, mit welchen Gedanken und Hindernissen ich von der ersten Idee bis zur Überzeugung gerungen habe.
Anfangs war ich einfach ein wenig genervt davon, dass viel getrunken wurde. Es störte mich, dass mein Mann dann abends früh schlief, und ich „alleine“ meine Abende verbrachte. In dieser Zeit fühlte ich mich in meinem Empfinden nicht unsicher. Ich wusste, das nervt mich halt. Mit der steigenden Frequenz der Gespräche darüber ( an denen mein Mann von Anfang an nicht besonders freiwillig teilnahm ) verschob sich dort aber etwas. Durch äußere Einflüsse wie „sei doch nicht so streng mit ihm“ - „er arbeitet so hart, lass ihn doch entspannen!“ bis hin zu „er ist Handwerker, das gehört nun mal dazu!“ war alles dabei. Ich war mir also mehr und mehr unsicher, ob ich nicht einfach eine Spaßbremse war.
Als mein Mann dann irgendwann nicht mehr nur abends früh einschlief, sondern am Wochenende routiniert auch mittags, und auch an eher ungewöhnlichen Orten wie auf dem Teppich im Bad, wurde ich mir mit meinem Bauchgefühl wieder sicherer. Und auch die Einflüsse von außen, und die Reaktionen meines Mannes änderten sich. Von beiden kam nun recht gleichstimmig das erste Mal die Schuld dazu. Meine Schuld. Es wäre ja klar, dass er mehr trinken würde wenn ich so Druck mache. Und würde ich das nicht alles mit Adleraugen beobachten, dann wäre das auch nicht so. Das Gefühl dahinter? „Ich bin falsch“. Ein bekanntes, beinahe familiäres Gefühl, dass ich aus meiner Kindheit noch gut kenne. Und so auch das richtige Verhalten. Ich stellte mich mehr und mehr darauf ein, richtig zu reagieren. Ich begann auf Eierschalen zu laufen, mich zu Beginn von schwierigen Gesprächen prophylaktisch zu entschuldigen, und mich kleiner zu machen.
Ab einem bestimmten Punkt konnte ich nicht mehr unterscheiden, ob ich einfach ein irrsinnig beschissener Partner bin, oder ob wir mit dem Alk. in unserer Ehe Probleme haben. Ich bettelte um Nähe, ich kochte Lieblingsessen, gab mich betont entspannt, und bezahlte tolle Urlaube. Um zu gefallen. Um geliebt zu werden. Um Verbündete zu bleiben. Ich dachte, wenn ich ihm einfach der beste Partner der Welt bin, dann kämpfen wir zusammen gegen den Alk..
Als dann irgendwann das Umfeld die ersten Kommentare zum Konsum brachte, zog ich randvoll mit Löwenmut an die vorderste Front der Verteidigung. Niemand außer mir wusste um die Schmerzen und das Leid, dass an meinem Mann frass. Ich kannte diese Geschichten, nur ich verstehe ihn. So mein Slogan damals. Das er nicht verstanden werden wollte, und das Trinken eine Entscheidung war, hab ich - sagen wir mal - eher ignoriert. Das hätte mich auf meiner Mission nur unnötig ausgebremst.
Nachdem ich mich an Schuld allein gewohnt hatte, wurde die Unsicherheit an der Einschätzung der Lage wieder lauter. Und so schlich ich, sobald mein Mann schlief, ans Auto und in die Werkstatt und suchte Flaschen. Nicht um ihn zu verurteilen, sondern um zu sehen, dass ich nicht verrückt bin. Das getrunken wird. Denn der Mann der immer schlief begründete dies darin, dass er hart arbeitete, und nicht nur wie ich immer am Schreibtisch hocken würde.
Der Wechsel aus Schuld, Unsicherheit und Hilflosigkeit begleitete mich über Jahre. Erst nach meinem Auszug und mit räumlichem Abstand konnte ich erkennen, dass ich niemals etwas hätte ausrichten können. Und auch, dass ich niemals so beteiligt war. Mein Fehler war, zu lange zu bleiben. Das ist das einzige, das man mir, wenn man denn will, sicher vorhalten kann. Aber manches braucht Zeit. Auch das lösen aus einer so funktional toxischen Beziehung braucht viele viele Versuche. Heute weiß ich, dass niemand viel trinkt, weil Du es nicht willst. Und auch, dass niemand körperliche Nähe verweigert, weil Du sie Dir zu sehr wünschst. Ich weiß ein bisschen genauer wer ich bin, und das Ich auch ohne Bestätigung Wert besitze. Und ich weiß, dass mein Bauchgefühl recht hatte.
Was sind also, für mich, klare Anzeichen einer Alk.?
- Trinken immer nur um den Kopf frei zu bekommen, und Gefühle leise zu stellen
- heimlich trinken. Mein Mann trank im Auto, auf Feldwegen, auf Toiletten. Nie vor mir, nie Zuhause.
- Wochenenden und Abende an denen eigentlich sofort, und ungewöhnlich tief geschlafen wird. Beim schlafen oft schwitzend, blass und extrem unruhig
- finanzielle Einbußen
- Lügen über Arbeitszeiten, freie Tage und Besuche bei Freunden ( stattdessen stundenlang im Auto irgendwo alleine getrunken )
- „aggressive“ Flucht aus Gesprächen über Alk. und klassische Schuldumkehr
- Trinken bis zu Bewusstlosigkeit
Vergesst nicht, denn das Umfeld bewertet gern danach, dass ein Alk. ja nicht
„betrunken“ ist. Er hat Mittel und Erfahrungen gegen die Fahne, lallt nicht, und ist körperlich nicht auffallend ausfallend. Bei meinem Mann waren einzig die Augen immer rot, und irgendwann kamen die geplatzten Adern um die Nase dazu.
Wenn jemand über lange Zeit trinkt, ist die Toleranz des Körpers hoch. Der Körper wurde trainiert. Und das Ziel ist nicht betrunken sein, sondern den Kopf leiser bekommen. Dass es dazu mit der Zeit immer mehr braucht, und es dadurch irgendwann klarer wird, bleibt lange Zeit verborgen.
Wer auch immer das hier liest, und in einer „ich weiß nicht, ob es ein Problem ist, oder ich zu empfindlich bin“ Situation ist: wenn Du das denkst, dann bist Du, meiner Erfahrung nach, schon mittendrin. Hör auf deinen Bauch, und lass Dir helfen. Lass dich nicht verunsichern, und fühle dich bitte nicht schuld
❤🫂