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Verzeihen lernen

GastOhneNamen

Hallo @all,

ich weiß jetzt nicht mehr weiter. Meine Freundin ist mir längere Zeit fremdgegangen und bereut es sichtlich. Vor bereits ziemlich genau 8 Monaten habe ich es herausgefunden, davon waren wir 16 Jahre zusammen. In diesen 8 Monaten hatten wir so viele Höhen und Tiefen, dass ich jetzt gar nicht mehr zählen kann. Ich glaube, ich bin jetzt so richtig depressiv geworden deswegen. Es dreht sich so ziemlich alles in mir über die Fragen, ob das was ich mache, überhaupt richtig ist. Ob ich sie noch liebe oder eben nur mir das alles nur einrede. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Ich habe schon mehrmals versucht, ihr zu verzeihen. Doch es klappt irgendwie gar nicht. Ich meine, das Problem jetzt bin ich eindeutig. Am Anfang hat uns noch der S. gerettet, doch so langsam fällt die "heilende" Wirkung ab. Auf die Arbeit zu konzentrieren klappt irgendwie auch nicht mehr. Manchmal starre ich einfach auf den Bildschirm und verstehe nicht, was da steht. Also, so richtig grausam das alles. Das schlimmst ist, ich kenne keinen Menschen, mit dem ich mich so gut verstehen kann. Ich kenne auch keinen Menschen, dem ich mich so öffnen kann. Und was mich auch noch beunruhigt ist, dass ich jetzt ständig versuche, einen zu mimmen, der ich ja gar nicht bin. Ich meine Stark sein und stärke zeigen. Was ist an mir denn überhaupt stark? Dass ich keinen sauberen Schnitt ziehen kann. Dass ich hin und her schwanke? Das ist doch so was von schei. immer, dieses ewiges hin und her. Doch um sie zu "behalten" muss ich nun mal stark sein. Ich weiß einfach nicht weiter.

Doch, während ich es hier so schreibe, steigt plötlich auch die Gewissheit, dass das, was ich tue, richtig ist. Ich muss nur etwas länger durchhalten, ohne sie zu sehr zu verletzen. Ich kann mit dem Menschen noch glücklich sein/werden. Doch wie kriege ich es hin, mich selbst dabei nicht zu verlieren? Oder habe ich es schon gemacht? Ihr das ganze hier auf den Kopf zu werfen bringt einen auch nicht richtig weiter, da über die Affäre es ja schon alles gesagt wurde. Ich dachte immer, wenn ich keine Fragen mehr habe, wird es irgendwie besser. Doch es scheint ein Trugschluß gewesen zu sein.

Jedenfalls danke an den Forum, dass ich mich auskotzen konnte. Ich wünsche allen einen guten Tag noch.

28.01.2015 14:26 • #1


Gast1

Na Hallo Namensloser,

zum auskotzen bist du hier richtig, aber auch um Erfahrungen auszutauschen.

Gibt hier zig Männer die gleiches erlebt haben, oder erleben, bekommst bestimmt einige Meinungen und Hinweise.

Ich selbst konnte nicht verzeihen, auch nach einem Jahr nicht.
Also getrennt, auch nach langer Beziehung.

Grüße Gast1

28.01.2015 14:35 • #2


blechpirat

blechpirat

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Hallo GastOhneNamen,

auch ich bin mit meiner Frau seit fast 16 Jahren zusammen und auch meine Frau hat mich betrogen. Zwar ist ihr Seitensprung schon viele Jahre her, aber ich bekam es heraus vor nicht ganz 5 Monaten. Durch einen dummen Zufall. Weil sie wieder den Kontakt zu dem Mann von damals gesucht hat. Zwar war er dieses Mal „nur“ virtuell (sprich per Whatsapp und Facebook), aber bis heute bin ich mir nicht sicher, ob es dabei geblieben wäre, hätte ich sie nicht vorher erwischt.

Ja, ich kann Dich sehr gut verstehen. Die Höhen und Tiefen sind nicht mehr zählbar. Die Löcher, in die man fällt sind nicht mehr so tief, aber dafür bedeutend länger. Tagelanges Grübeln, ohne eine sinnvolle Frage formulieren zu können. Dieses ständige schwere Gefühl im Magen, als ob ein Stein darin läge. Nichts ist mehr so wie es mal war.

Ich habe inzwischen verstanden was es bedeutet, das Vertrauen zu verlieren. Es ist nicht so, dass man seinen Partner nicht alleine vor die Tür oder in die Nähe eines Handys lassen möchte weil man Angst hat, er könnte wieder fremd gehen. Man merkt doch recht schnell, dass das eher unwahrscheinlich ist. Nein, eigentlich ist es viel schlimmer, denn was fehlt ist das Vertrauen in das was wir hören und sehen. „Ich liebe dich!“ sagt meine Frau zu mir und wie jedes Mal in den letzten 16 Jahren antworten meine Lippen mit „Ich dich auch!“. Nur leider ist da noch das Gehirn, das sich nicht mehr über „Ich liebe dich!“ freut sondern fragt „Wirklich? Oder sagst du das jetzt einfach so?“.

„Ich bin sehr glücklich mit dir!“ - „Sicher?“
„Es war wunderschön.“ - „Im Vergleich zu was?“
„Ich will mit dir alt werden.“ - „Weil's ja mit dem anderen nicht geht.“

Und wir betrauern den Verlust der Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit. Hätte man mich vor einem halben Jahr gefragt, wieso wir ein Paar sind, wäre die Antwort leicht gewesen: „Weil wir uns lieben. Darum.“ Ein simple und schöne Antwort. Heute kann ich sie nicht mehr geben. Wieso sind wir eigentlich noch zusammen? Ich sehe meine Kinder und frage mich, ob sie die Entscheidung bei mir zu bleiben, wirklich als Frau oder doch eher als Mutter getroffen hat. Wäre ihre Entscheidung anders ausgefallen, würde es unsere Kinder nicht geben? Ich sehe unser Haus und all sie Annehmlichkeiten, die wir uns erarbeitet haben. War es vielleicht nur mangelnder Mut, das alles aufzugeben, was sie dazu bewogen hat, mich nicht für ihn zu verlassen? Und sind es vielleicht sogar die selben Gründe, wegen denen ich überhaupt noch hier bin?

Mich hat das alles sehr verändert. Ich bin nicht mehr der Mensch, der ich noch vor ein paar Monaten war. Ich bin heute ein anderen, während meine Frau sich noch als die zu fühlen scheint, die sie schon immer war und es doch nicht mehr ist. Und ich mag diese beiden Menschen nicht. Der eine, der immer nachdenklich ist und jetzt weiß, dass nichts im Leben sicher ist. Und der andere, der in der Lage ist mich zu belügen ohne dass ich es merken würde. Oft habe ich das Gefühl, dass sie mir noch etwas verheimlicht. Oft interpretiere ich Sätze von ihr so lange, bis ich etwas negativen an ihnen finde. Oft trinke ich 2 B.ier mehr als mir gut tut, damit ich besser einschlafen kann. Und oft werde ich nachts trotzdem wach, weil mich Alpträume wecken.

Und so fragt man sich, ob die Welt um einen herum eigentlich real ist oder doch nur das, was andere einen glauben lassen. Wer liebt mich wirklich? Wer sind meine Freunde? Wer stünde noch an meiner Seite, wenn ich nicht mehr in der Lage wäre, alle Erwartungen die an mich gestellt werden, zu erfüllen?

Damals gab es diese Fragen nicht. Diese Fragen, mit denen ich mich heute oft allein fühle. Und ich betrauere diese Zeit von Herzen. Ich lese in Büchern, dass man nach 6 Monaten herausfindet, ob man wirklich bleiben will. Und ich habe Angst vor diesem Tag, obwohl ich eigentlich schon weiß, wie ich mich entscheiden werden. Nur weiß ich nicht, warum es so sein wird. Ich lese auch, dass der Jahrestag der Entdeckung schwer sein soll, und auch vor diesem Tag fürchte ich mich. Und ich lese, dass es zwei Jahre dauern soll, bis man drüber weg ist. Was auch immer das heißt. Zwei Jahre sind ein lange Zeit.

Die Unschuld unsere Beziehung ist für immer weg. Oder wie Hans Hartz einst sang:

Sieh dort Marie das leere Bett,
der Spiegel unsrer großen Zeit.
Ab Morgen gibt's statt Glas nur Scherben.
Komm her und schenk uns noch mal ein,
den letzten Schluck vom letzten Wein,
Marie die Welt beginnt zu sterben.
Die weißen Tauben sind müde,
sie Fliegen lange schon nicht mehr.
Sie haben viel zu schwere Flügel;
und ihre Schnäbel sind längst leer,
jedoch die Falken fliegen weiter,
sie sind so stark wie nie vorher;
und ihre Flügel werden weiter,
und täglich kommen immer mehr,
nur weiße Tauben fliegen nicht mehr.

Letztlich warte ich auf den Tag an dem ich erkenne, wofür ich das eigentlich alles auf mich genommen habe. An dem mir jemand sagt, was die Belohnung dafür ist. Klingt das nach Depressionen? Ich weiß es nicht. Ich hoffe nur, dass es sie 20 Minuten Spaß wert war, die meine Frau damals hatte. Ich finde, sie sind zu teuer bezahlt. Aber das mag meine Frau anders sehen. Ich zahle ja. Nicht sie.

29.01.2015 08:24 • #3


GastOhneNamen

Hallo blechpirat,

danke für deine Antwort. Ja, du hast es erfasst. Eigentlich geht es ja darum, dass man versteht, dass die Frau, die man (auch in der Zeit) angenommen hat, zu lieben, eben nicht bei dir war. Dieses Selbstverständnis, mit dem man immer gelebt hat, ist weg. Das Gute an der ganzen Geschichte ist natürlich, dass man dadurch die Frau nicht mehr selbstverständlich ist. Andererseits fragt man sich: wieso wurde denn darüber nicht geredet?

Meine Frau ist auch einem "Machotypen" ins Netz gegangen. Und ich frage mich auch immer, wieso sie sich zumindest manchmal nicht die Frage gestellt hat, was das alles bedeutet. Das man unter Umständen alles, was man hatte, aufs Spiel setzt. Das war keine "Hilfeschrei" oder ähnliches. Doch das zeigte mir doch deutlich, was unsere Verbindung für sie eigentlich bedeutet hat. Nämlich nichts! Und ich komme irgendwie nicht darüberhinweg, dass ich mich so richtig ausgenutzt fühle. Ok. Bei uns gab es Probleme. Ok. Ich war überarbeitet und gestresst. Ok. Ich hatte nicht unbedingt sehr viel Zeit für sie zu dem Zeitpunkt. Doch wieso zahle immer nur ich für? Die Zeit hatte ich doch nicht um aus dem Hause zu flüchten, sondern damit wir auch in der Zukunft uns alles leisten können, was wir wollen. (Also schuften.) Sie wollte und hatte eben Spaß. Jetzt zahle ich, damit wir weiterhin zusammen bleiben können. (Also weiter schuften.) Für sie ist es jetzt auch kein Spaß mehr, doch so schmerzhaft wie es mir geht, geht es ihr sicherlich nicht. Und in der Zukunft darf ich weiter schuften, damit wir beide wieder alles haben, was wir brauchen. Irgendwie sehe ich mich gerade nicht in der Position.

Und ja, es ist ein Problem, dass das Vertrauen weg ist, dass wenn es wieder kriselt, sie mich dann unterstützt. Dann kommt aber gleich die Frage: Nun ja, das kann ich auch alleine haben, wenn ich mich eh nur auf mich selbst verlassen kann.

Und mich beschäftigt noch die Frage, wie konnte ich die Anzeichen übersehen? Ich habe am Anfang dieser Affäre von ihr ihre SMS-Nachrichten gesehen. (Das war keine Spionage.) Ich war mir so sicher, dass daraus eh nichts wird, dass ich sie darauf nicht angesprochen habe. Vielleicht könnte ich sie zu Besinnung damals bringen. Wie konnte ich nur so blauäugig sein? Und was mich noch schmerzt: Während der Affäre habe ich, obwohl ich ja nicht gerade viel Zeit hatte, mehrmals versucht, etwas zusammen zu unternehmen. Doch ich habe immer nur die Absagen gekriegt. Bei uns war ich immer die treibende Kraft, die etwas für die Beziehung gemacht hat. Bei ihm war sie es meistens. Er musste eigentlich gar nichts machen? Nur eine SMS senden: "Mir geht es schlecht..." Und schon war sie da. Ich habe immer versucht, unsere Beziehung von meinen Problemen zu schützen und habe mich bei ihr eigentlich kaum/selten ausgeweint. (Das sehe ich als etwas Gutes.) Doch dann sehe ich, dass mir das noch (unterschwellig) als Minuspunkt angerechnet wird. ("Du hast mir ja gar nichts erzählt.") Jetzt heißt es für mich dann plötzlich: "Ok. Du musst noch mehr investieren, damit wir zusammen bleiben (können)." (Nein, das wird so nicht gesagt, doch so fühle ich es.) Geht's noch? Noch mehr? Ich habe mich schon verloren! Ich habe nichts mehr zu geben! Insbesondere jetzt!

Jetzt wird gesagt, dass der S. bei uns besser/viel besser wurde. Doch dann denke ich: "Nun ja, im Vergleich zu dem S. bei ihm, ist es jetzt bestimmt nicht viel besser. Du hast ja dafür alles aufs Spiel gesetzt!"

Ich glaube, ich muss mich einfach trennen, damit ich wieder ich werde. Doch wieso schaffe ich es nicht? Können wir beide wieder wir werden und unseres ich wieder finden?

@blechpirat: Macht ihr/Habt ihr eine Paartherapie gemacht? Wollt ihr es machen? Bringt das euch etwas?

29.01.2015 12:04 • #4


Tiefes Meer

Tiefes Meer

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Hallo GastohneNamen

was ich jetzt sage, wird mancher hier ketzerisch finden. Vielleicht auch Du. Aber ich schreibe es trotzdem, weil es ja auch möglich ist, dass Du es annehmen kannst und weil das, was ich übers Verzeihen zu sagen habe, der einzige Weg ist, den ich kenne.

Also mal angenommen, Du trennst Dich. Mal angenommen, Du verliebst Dich in eine andere. Woher willst Du dann wissen, dass die Neue niemals fremd gehen wird ?

Es gibt diese Sicherheit nicht. Jeder von uns ist in der Lage zu sündigen. Jeder von uns ist in der Lage fremd zu gehen, wenn die Umstände uns in eine Versuchung führen, die mächtig ist. Es ist nur solange leicht, den Stein zu werfen, wie man sich selbst für sündenfrei hält.

Du wirst jetzt sagen, du hast es aber nicht getan. Und viele andere auch nicht. Und dass Fremdgehen keinesfalls in Ordnung ist. Es ist verletzend.
Und mit alledem bist Du im Recht. Völlig im Recht.

Doch beim Verzeihen geht es nicht darum, wer im Recht ist. Es geht darum zu erkennen, dass mein Gegenüber ein schwacher Mensch ist. So wie man selber auch.

Beim Verzeihen geht es darum, das Recht-haben abzulegen. Die eigene Schwäche zu erkennen. Dem anderen und sich selber die Schwäche zu verzeihen und trotzdem zu lieben. Sich selbst und den anderen.

Verzeihen ist auch nicht das gleiche wie vergessen. Man sollte nie vergessen, was geschehen ist. Weil man daraus lernen kann, jeder für sich und gemeinsam.

Alles Gute Dir

29.01.2015 17:28 • x 3 #5


minna

ich kann alles mögliche verzeihen,
aber verrat
und das ist es für mich,
wenn mich
der mensch, dem ich am meisten vertauen sollte hintergeht....

da will ich nicht mit,
das verstehe ich nicht,
(und ich finde, ich muß auch nicht alles verstehen )
da verlässt mich die liebe und der glaube...

da lasse ich lieber los
und fange wieder mit allen risiken
aber auch chancen ganz neu an,

wahrscheinlich auch noch wenn ich 80 bin....

29.01.2015 17:45 • x 1 #6


Jay da B

@TM
diese Definition von Verzeihen teile ich zu 100%.
Man nennt es auch Vergeben.
Ja es war falsch, aber ich nehme das von deinen Schultern.
Das kann nur aus freien Stücken passieren und zum eigenen Wohl.

Alles andere ist Entschuldigen (das verstehen, dass es zu keiner schuldhaften Handlung kam).
Im Falle von Betrug ist das nicht der Fall....nie!

29.01.2015 17:53 • #7


meine Liebste

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Viele bleiben, weil sie feige sind.
Die Wenigsten tragen die Konsequenzen der eigenen Handlungen.

29.01.2015 18:10 • x 1 #8


blechpirat

blechpirat

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Zitat von GastOhneNamen:
@blechpirat: Macht ihr/Habt ihr eine Paartherapie gemacht? Wollt ihr es machen? Bringt das euch etwas?


Nein, bisher waren wir nicht bei einer Paartherapie, allerdings haben wir von Anfang an vereinbart dass wir beide hingehen, sollte einer von uns das Gefühl haben, ohne fremde Hilfe nicht mehr weiter zu kommen. Kurz vor Weihnachten hatte ich so eine Phase, in der ich nicht mehr konnte. Das Angebot meiner Frau war noch immer da, allerdings haben uns die freien Tage doch ganz gut getan und ich habe die Möglichkeit dann doch nicht genutzt.


Zum Thema Verzeihen mal meine Sicht auf die Dinge:
Ja, Menschen machen Fehler. Und es ist keiner davor gefeit. Aaaaber: wer Fehler macht, muss dazu stehen. Und er muss respektieren, dass manche Fehler einfach ziemliche Auswirkungen auf andere Menschen hat.

Verzeihen darf nicht bedeuten, dass man das Verhalten des anderen gutheißt. In keinem Fall. Aber zum Verzeihen gehören für mich drei ganz wesentliche Dinge:

1. Reue: Denn wer nicht bereut, der vermittelt auch nicht das Gefühl, aus seinem Fehler gelernt zu haben. Den A. in der Hose haben zu sagen: Ja, ICH habe Mist gebaut. Nicht die Schuld irgendwie aufteilen oder abschieben wollen, sondern zu dem stehen, was man getan hat.

2. Buße: All das, was der "Betrüger" dem Dritten an Aufmerksamkeit, Liebesgeflüster usw. geschenkt hat, das schuldet er dem Betrogen. Und zwar mit satten Zinsen und einer nicht allzu kurzen Laufzeit.

3. Zeit: Ich bin jetzt seit knapp 5 Monaten dabei und noch lange nicht bereit zu verzeihen. Es ist zwar mein erklärtes Ziel, das irgendwann tun zu können. Aber dazu müssen Punkt 1 und 2 erfüllt sein. Und MEIN Herz sagt, wann der Zeitpunkt gekommen ist. Dafür brauche ich mich vor niemandem zu rechtfertigen. Vor allem nicht vor meiner Frau.


Es geht nicht darum, sie zu bestrafen oder irgendwie zu erniedrigen. Es geht darum, wieder auf Augenhöhe zu kommen. Sie hat mich in ein tiefes Loch gestoßen. Sie muss mir jetzt das Seil runterwefen und mich hoch ziehen. Dass meine Füße dabei an der Wand hoch laufen, dass ich somit also nach Kräften helfe ist klar. Aber alleine wird das nix.

So sehe ich das.

29.01.2015 19:38 • #9


Papaya

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Heute würde ich es so halten wie Minna, denn einmal zerstörtes Vertrauen lässt sich vielleicht für eine gewisse Zeit renovieren, jedoch werden die Zweifel und die tiefe Verletzung nie ganz verschwinden und sich in Krisensituationen massiv zurück melden.
Als ich aber vor 15 Jahren erstmals in der Situation war, den Betrug meines geliebten Partners zu realisieren, war der Schock unglaublich groß. Ich konnte es tatsächlich nicht fassen. Die Kinder waren klein, wir waren gerade in ein neues Haus gezogen und hatten Pläne. Das galt es alles zu bedenken und die Bereitschaft zum Verzeihen war groß.
Und damals war auch sein Bemühen um Wiedergutmachung und vertrauensbildende Maßnahmen groß.
Ich habe die Ehe danach phasenweise als sehr anstrengend empfunden, wollte mir das aber nicht eingestehen. Ich mühte mich unglaublich ab, um "die eine Frau" für ihn zu sein. Im Hintergrund schwang wohl immer die Angst mit, das Drama könnte sich wiederholen.
Statt mich sicher, geborgen und geliebt zu fühlen, wie es in einer Partnerschaft selbstverständlich sein sollte, war ich im Innersten tief verletzt.

Diese Gefühl hätte ich ernst nehmen und mich selbst mehr respektieren sollen. Aber das sagt sich im Nachhinein so leicht,- wäre ich gleich gegangen, hätte ich mir das später vielleicht auch vorgeworfen.
Letztendlich hat er mich verlassen, emotional womöglich schon sehr lange, verbal vor einigen Jahren, Kontaktsperre seit 30 Tagen.
Irgendwie eine bittere Nummer, aber es ist mein Leben, ich kann`s nicht revidieren und sehe auch die schönen Zeiten, die es gab.
Aber ich bin wachsamer geworden und höre sämtliche Alarmglocken läuten bei diesen Geschichten.
Manchmal ist das Verzeihen eben nicht die beste Wahl. Jetzt, nach der endgültigen Trennung, erscheint es mit tatsächlich eher möglich als in der Beziehung.

29.01.2015 20:30 • x 1 #10


Kundalini

Zitat von Tiefes Meer:
.....
Also mal angenommen, Du trennst Dich. Mal angenommen, Du verliebst Dich in eine andere. Woher willst Du dann wissen, dass die Neue niemals fremd gehen wird ?.....


Ich finde schon, dass da ein erheblicher Unterschied ist, zwischen dem Gefühl betrogen worden zu sein und dem Gefühl, dass es prinzipiell passieren kann.

Für mich liegen diese beiden Gefühle auf gegenüberliegenden Polen. Das eine ist ein Vertrauensvorschuss, das andere ein Vertrauensverlust. Man kommt ja als Paar zusammen mit einem Vertrauensvorschuss an den anderen. Das muss auch so sein, gegenseitiges Vertrauen ist in einer Beziehung die Grundlage für ein Begegnen aus Liebe.

Wenn es zum Betrug kommt, entsteht da ein Vertrauensverlust und automatisch ist die Begegnung eine völlig andere.

Eine Chance auf Fortführung derselben Beziehung gibt es nicht, weil es die dieselbe Beziehung nach einem Betrug nicht mehr gibt, auch wenn die Menschen, die sich da begegnen, ja auf den ersten Blick gleich geblieben sind.

Das Paar sollte sich auf ein neues "Miteinander " einlassen können und jeder einzelne Partner sollte ein neues Miteinander aufrichtig wollen, aber die vormals unbekümmerte liebende Leichtigkeit wird es nicht mehr geben.

Vielleicht ist das neue Miteinander auch als tragfähige Beziehung belastbar, ich würde es überhaupt nicht ausschließen, es bleibt aber zu der vorherigen Liebe, eher abgeklärt. Ich will das nicht als besser oder schlechter bewerten. Die Beziehung ist anders eben.

Man weiß in einer "abgeklärten Beziehung" gleichzeitig, wozu der andere fähig ist. Dieses Wissen ist gekoppelt an erlebte Gefühlen, d.h. jedes mal, wenn man daran denkt, fühlt man es (das Wissen) gleichzeitig (Ohnmacht, Wut, Ärger whatever etc.).

Das ist aber nicht der Fall, wenn man prinzipiell davon ausgeht, dass der andere einen eventuell mal betrügen könnte. Für diesen Fall gibt man dem anderen von vornherein nicht den Vertrauensvorschuss, den Liebe braucht, um gedeihen zu können. Ich gehe sogar noch weiter. Man sollte sich in so einem Fall fragen, ob man überhaupt (schon wieder) in der psychischen Verfassung, sich auf einen anderen Menschen aufrichtig einzulassen. Denn Liebe kennt keine Berechnung.

29.01.2015 21:24 • #11


gast78

ich bin da eher wie minna, denn ich konnte auch nicht verzeihen. nicht so, dass man danach uns als paar weiter definieren kann.
vielleicht hätte ich es einen dummen ausrutscher gekonnt, eine affäre die quasi eine nebenbeziehung war, konnte ich nicht.
was mir aber auffällt hier bei den zwei männer, die haben nebst dem ganzen schmerz und verzweiflung eine opfer haltung eingenommen. reue erwarten, statt respekt. buße statt annerkennung und augenhöhe des partners. ich denke, so kann es nix werden.
das ist eine art bestrafung, was ihr auf tageslicht bringt.
es war eure entscheidung verziehen wollen und zusammen weiterhin das leben beschreiten. und ich glaube nicht wirklich, dass eure partnerinnen nicht bereuen, und büßen tun sie schon alle male, denn sie müssen euch jetzt so ertragen und diesen schmerz was ihr nicht ablegen könnt mittragen, tag für tag.
von einer partnerschaft ist nicht mehr die rede, eher ist es ein kriechen. das was ihr nicht mal sieht. denn was ist denn das für eben, wenn man das tagtäglich sehen muss! das ist die buße, die ihr so wollt.
was noch müsssen sie machen? auf die knie nach mekka?!

fazit, wenn eure ehen eines tages zu ende sind, weil diese täter-opfer haltung nie abgelegt worden ist, sagt ja nicht, dass es wegen dem seitensprung passiert ist.
es ist passiert, weil ihr das verzeihen nicht gelernt habt.

29.01.2015 21:38 • #12


Tiefes Meer

Tiefes Meer

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Ich möchte allen, die hier geschrieben haben danken.

Ich habe Eure Beiträge gelesen und geweint, nicht nur vor Trauer sondern auch vor Erleichterung. Erleichterung, weil ihr mir geholfen habt, wieder etwas über mich zu verstehen. Ich bin auf dem Weg, das Verzeihen zu lernen. Spannende Erfahrung, allerdings ziemlich schmerzhaft.

Ich habe einiges zu verzeihen. Mein ehemaliger Partner und ich waren viele Jahre zusammen. Die andere hat er in einem Forum im Internet kennengelernt. Es hat ihn gejuckt. Als ich ihn erwischt habe, ist er abgehauen, hat sich getrennt. Es war so eine Mischung, der Reiz des Neuen und dazu eine grosse Portion Feigheit. Angst davor, was ich ihm antun könnte, wo ich doch so verletzt bin. Nun, jetzt lebt er mit ihr. Die Trennung war furchtbar.

Dieses Gefühl, dass ich verraten worden bin, das war nicht weg nach seinem Auszug. Die Unsicherheit, die Fragen, auf was und wen ich mich noch verlassen kann im Leben, das habe ich alles mitgenommen in mein neues getrenntes Leben. Ich muss es alles alleine tragen. Das ist eine ziemliche Last. Ich möchte die gerne ablegen. Wohin damit ?

Der, den ich dafür verantwortlich mache, der will davon nichts wissen. Der hat mir durch die Trennung die Geschäftsgrundlage entzogen. Der braucht sich das weder anzusehen noch anzuhören noch irgendwie Reue oder Buße zeigen. Der steht dafür nicht zur Verfügung. Der ist weg. Die Erkenntnis, dass er feige ist, hilft mir nicht weiter.

Wie werde ich meine Last los ? Mit Yoga und Atemübungen ? Ich bin rasend wütend auf den Kerl und ich fühle mich völlig im Recht dabei. Das Blöde ist nur - wohin mit dieser ganzen Wut ? Ohne ihn ?

Ich habe mir Ventile gesucht, konstruktive Ventile. Die Wut hat mich vorangetrieben, dafür gesorgt, daß ich vieles anpacke, was mich schon lange genervt hat. Ich domptiere mein Rumpelstilzchen also ganz gut, aber es ist höllisch anstrengend damit zu leben.

Dann wäre da noch die Bitterkeit. Ich schäme mich für meine Bitterkeit. So möchte ich nicht sein, so voller Groll. Ich möchte doch so gerne ein souveräner ausgeglichener Mensch sein.

Dann dieses Misstrauen. Die Angst, der nächste könnte ja genauso sein. Will ich überhaupt jemals wieder einen Partner ?

Ich versuche mich zu beruhigen. Ich sehe, dass ich loslassen muss und ich sehe, dass sich alles in mir dagegen sträubt.

Ich erkenne, dass ich mit meinem getrennten Partner eine offene Rechnung habe. Eine elend lange Liste - Lügen, Verletzungen, Verrat. Das alles ist geschehen. Dafür schuldet er mir was. Theoretisch. Doch er wird nicht zahlen. Er ist ziemlich konfliktscheu

Und nun ? Ich kann die offene Rechnung nur auf einem Weg loswerden. Sie abschreiben. Verzeihen. Schuldenerlass. Doch das ist so ungerecht. Dass ich mich damit befassen muss und er sich kein Stückchen bemüht. Und doch werde ich es tun - Um meinetwillen.

Damit ich diesen Schmerz loslassen kann. Diesen tiefsitzenden Schmerz über seinen Verrat. Ich will wieder Frieden in mir. Doch wie mache ich das ? Wie geht das? So eine Rechnung schliessen ? Verzeihen ?

Ich las von Colin Tipping. Er schreibt - Vergeben heisst, die eigene Schwäche annehmen. Finde ich die Schwächen meines getrennten Partners in mir ? Dagegen sträubt sich alles. Nie im Leben kann ich so böse sein. Wirklich nicht ?

Ich werfe meinem Ex vor, mich belogen zu haben. Doch wie ehrlich bin eigentlich ich ? Gibt es wirklich nur diese klitzekleinen harmlosen Notlügen in meinem Leben ? Wie bin ich denn so, wenn ich mal richtig unter Druck gerate ? Mich mal so richtig für etwas schäme ? Passiert mir nie ? Doch, tut es.

Ich werfe meinem Ex vor, mich zutiefst verletzt zu haben. Habe ich noch nie einen anderen Menschen tief verletzt ? Doch, habe ich. Bin ich ok, wenn ich dafür Erklärungen und Entschuldigungen vor mir selber finde ? Wirklich immer ok ?

Er hat mich verraten. Habe ich noch nie einen Menschen verraten ? Wirklich ? Oder gibt es verdächtige Stellen in mir, die ich lieber nicht anschauen mag ? Ja, die gibt es. Auch in meinem Keller sind Leichen.

Was fange ich damit an ? Ist das etwa ein Grund ihm zu verzeihen ? Ich sage mir - "... hey, was immer Du selber in Deinem Leben getan hast, das gibt ihm wohl doch lange nicht das Recht Dich so behandeln. Und was er Dir angetan hat, ist viel, viel schlimmer als alle Leichen." Wirklich ?

Tief unten in meinem Keller lauert ein Teil von mir, den ich so gar nicht leiden kann. Dieser Teil findet es gut, die eigenen Hände in Unschuld zu waschen. Ich schäme mich dafür, dass das auch da ist. Aber ja, wenn ich ganz genau hinschaue und zu mir selber ehrlich bin - auch das ist da.

Ich habe Schattenseiten, die ich nicht mag. Die ich nicht ausleben will. Gefühle, die nicht zu meinem Selbstbild passen. Ich wäre so gerne immer nur edel und gut. Doch diese Gefühle sind trotzdem da. Ich kann sie nicht wegbefehlen. Ich habe sie lange unterdrückt, so dass ich sie nicht mehr ansehen musste.

Meine Güte - ich bin so lange durch dieses Tal gegangen und nun stelle ich fest, dass ich selbstgerecht sein kann. Dass ich gerne den Balken in meinem Auge übersehe. Im Moment kann ich tatsächlich bei dem Gedanken daran ein wenig grinsen. Bis vor kurzem dachte ich, dass es unmöglich ist, dass ich Selbstgerechtigkeit in mir habe. Ich hasse das doch so an anderen Menschen. Aber nur, weil ich etwas unwürdig finde und bei anderen hasse, verschwindet es nicht in mir. Die Wahrnehmung zu unterdrücken hat Kraft gekostet.

Meine Schatten zu sehen ist schmerzhaft, aber heilsam.

Ich werde ihm und mir verzeihen. Ich werde es schaffen. Uns beiden verzeihen, dass wir manchmal ganz schön schwache Menschen sind. Akzeptieren, dass es eine Ebene gibt, auf der keiner von uns besser ist als der andere.

Dies zu akzeptieren macht seinen Verrat nicht ungeschehen. Verzeihung macht gar nichts Ungeschehen. Unrecht bleibt Unrecht. Doch Verzeihung macht das Herz frei für Frieden. Und wo Frieden ist, ist Raum für Neues. Den wünsche ich mir so sehr.

Deswegen werde ich es schaffen. Es ist mir gleichgültig, ob er sich meine Verzeihung verdient hat. Es geht hier um mich. Also warum sollte ich mich da von seinem Wohl-Verhalten abhängig machen ?

Verzeihung kann sowieso nicht verdient werden. Er könnte sich noch so anstrengen. Es wäre immer noch meine Entscheidung.

Im Moment herrscht Frieden in mir.
Ich weiss nicht, wielange das andauern wird. Das Leben hat mir in letzter Zeit gerne die lange Nase gezeigt. Wenn ich dachte, ich wäre endlich bei mir angekommen, gab's prompt wieder was, was alles in Frage stellte.

Doch das spielt hier & jetzt keine Rolle. Ich werde einfach den Moment genießen und hoffen, dass ich diesen inneren Ort künftig öfter erreichen kann.

Ich wünsche uns allen inneren Frieden
Möglichst oft. Welchen Weg auch immer jeder von uns geht

30.01.2015 03:38 • #13


minna

Er hat mich verraten. Habe ich noch nie einen Menschen verraten ? Wirklich ? Oder gibt es verdächtige Stellen in mir, die ich lieber nicht anschauen mag ? Ja, die gibt es. Auch in meinem Keller sind Leichen.

und selbst wenn man früher ein serienmörder und schwerverbrecher war und mit allen böse,


selbst dann hofft man bei dem menschen mit dem man selbst aufrichtig ist
und dem man seine ganze zeit und seine liebe anvertraut,
darauf,
daß er einem nicht mit verrat in den rücken fällt.

30.01.2015 07:47 • #14


BeinHart

Eime übung kann dir vlt ein wenig behilflich sein:

Atme ein und sag dir innerlich "ich verzeihe dir"
dann kommt demas Ausatmen und bei dem Ausatmen lässt du alles luft raus und sagst "ich lasse dich los"
Und beim nächsten Einatmen sagst du dir "Ich vergebe MIR".

Das ist eine leichte aber sehr effektive Übung!
Wirst sehen wenn du das konsequent wirst du bald ne kleine Erleichterung spüren.
Ich hab mit der Übung des öfteren versucht meinen Gedankenkreislauf zu durchbrechen, nicht immee aber immer öfter war es auch erfolgreich!

Alles Gute

30.01.2015 08:07 • x 1 #15




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