Isnogud
Gast
in den letzten 6 Wochen heftigen Liebeskummers haben mir viele Threads hier wirklich geholfen. Oft gar nicht mal der "Schmerz der anderen", eher die Erkenntnis, wie viele reflektierte Menschen schon wieder herausgefunden haben und nun so tolle Hinweise und Antworten geben.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich hier Antworten erwarte. Ich glaube, ich möchte meinen Weg einfach nur mal niederschreiben. Vielleicht hilft das anderen jungen Frauen ja auch durch ein "aha-Erlebnis", die ein oder andere meiner Phasen zu überspringen. Auch wenn es sehr persönlich ist, denke ich, dass sich einige evtl. wiederfinden können.
Phase1:
Als junges Mädchen war ich "eine *beep*" (auch wenn es damals nur ums Knutschen ging), mein Selbstwert war gering und das zog sich trotz teilweise wirklich langer Partnerschaften bis in meine Studienzeit. Ich konnte mich auch nie trennen und bin bis zum bitteren Ende auf den toten Gäulen geritten - ich habe immer so lange an Beziehungen festgehalten, bis die Trennung mir selbst nicht mehr weh tat - bis mir die Männer vollkommen egal waren, und so habe ich mich auch verhalten.
Gleichzeitig war ich interessanterweise auch immer mit Männern zusammen, die mich nicht wirklich flashten und die mir emotional auch nicht das gegeben haben, was ich eigentlich gewünscht hätte (Zärtlichkeit, Geborgenheit außerhalb von Sex gab es meist nicht). Obwohl die Jungs im Grunde keine schlechten Kerle waren, würde ich im Nachhinein sagen, hier hat das Gesetz der Anziehung, ähnlich wie in toxischen Beziehungen, es wirklich krachen lassen.
Eigentlich sehnte ich mich nach Liebe und Halt, suchte mir schlafwandlerisch "coole" Typen und bekam dann genau das - emotionale Eisklötze a la "du weisst doch dass ich dich liebe, warum sollte ich es sagen oder zeigen. Oder: ich habe doch xy gekauft, reicht das denn nicht?"
Der Vater meiner Kinder war genau das. Rational, verlässlich, nicht sehr emotional - praktisch, in meinen damaligen Augen der perfekte Mann um eine Familie zu gründen
Wir schafften acht Jahre als Paar, dann hatte er eine Affäre (über ein halbes Jahr), unsere Beziehung war schon so tot, ich habe es nicht mal gemerkt, obwohl ich in dieser Zeit alleine eine "Paartherapie" gemacht habe - er wollte nicht mit.
Es hat mich dann noch über ein Jahr gekostet, mich zu trennen (der tote Gaul: "hey, aus dieser Kriese können wir gemeinsam gestärkt hervorgehen" - ja, andere Paare können das vielleicht, wenn sie davor eine gesunde Basis hatten)
Phase 2:
Ich war (endlich) frei, erleichtert über die Trennung und genoß mein Leben. Und trotzdem schlitterte ich sofort wieder in die nächsten Red-Flags. Ich verliebte mich in Männer, die sich später als vergeben herausstellten und gefiel mir sogar darin, jetzt die Affären-Frau zu sein. Ich hatte also einen Weg gefunden, mich wieder auf Männer einzulassen, die mir emotional nicht zu nahe kommen konnten
Rückblickend kam ich mit mir selbst überhaupt gar nicht klar, obwohl ich mir einredete dass mein "unabhängiges Leben" echt super läuft. (Übrigends denke ich, dass viele nach einer langen Beziehung eine ähnliche Phase haben, ob man das positiv als "Ausleben" oder negativ als "Bedürftigkeit" bewertet, hängt vom Kontext ab)Phase 3:
Und plötzlich kam er (ein tinder-match, haha)! Er wirbelte in mein Leben, gab mir Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Lebensfreude und alles war so leicht und selbstverständlich.
Ständig dachte ich: "wo ist der verdammte Haken? Was ist mit meinem alten Muster? Was findet dieser tolle Mann an mir?" Ich habe wirklich eine zeitlang gebraucht, es wahr-haben-zu-können, dass das passiert. Ich habe es geschafft, meine Mauern abzubauen, mich zu öffnen und auf ihn einzulassen.
Nach fünf Monaten hat er sich getrennt - nicht genug Liebe von seiner Seite. Und ja, vielleicht hebe ich ihn damit auf ein Podest, aber aus meiner Sicht finde ich es unheimlich stark, dass er sich so konsequent getrennt hat.
Er hat mich sehr verletzt - schließlich war er der Prinz auf dem Scheixx-Gaul (diesmal nicht tot), hat mich gerettet, mir gezeigt zu welchen Gefühlen ich überhaupt fähig bin und ist dann mit wehenden Fahnen davon geritten (mit Kontaktsperre von seiner Seite, was mich schier wahnsinnig macht und für die ich ihm gleichzeitig auch dankbar bin).
Ich leide wie ein Hund, habe seitdem große Verlustängste, kleinere Panikattacken, und es gibt Tage, da würde ich gerne im Bett liegen bleiben und mich einfach langsam auflösen im großen Weltschmerz.
Natürlich drehen sich viele meiner Gedanken darum, warum es bei ihm nach der ersten Knall-Verliebt-Phase nicht mehr weiterging. Evtl. war ich einfach noch zu bedürftig, evtl. lag es eher an seinem eigenen Lebens-Rucksack. Und ja, ich bin auch sauer, weil ich mir immer denke "wtf, konntest du dir das nicht früher überlegen, reite weiter, warum gibst du auf?! (ach, da ist ja das Muster wieder, prima
Trotz allem bin ich dankbar für diese Begegnung und das, was er mir an Selbstwert gespiegelt hat. Für die vielen Kleinigkeiten, mit denen er mein Leben bereichert hat und die auch jetzt nicht wieder einfach verschwinden werden. Ich habe für mich mehr Klarheit gewonnen (eigentlich mit jeder einzelenen Trennung, immer ein bisschen mehr), ich kann mich besser selbst akzeptieren und sogar "großartig" finden - das wirkt sich auch auf meinen Umgang mit meinen Kindern und im beruflichen Umfeld aus.
Tja, schade dass ich nicht schon viel früher rausgefunden habe, dass ich eigentlich ziemlich toll bin, sondern erst jemand kommen musste, ders mir erzählt.
Ich glaube wirklich: Wir alle können heilen, wir sind nicht dazu verdammt unsere alten Muster weiter mit uns herumzuschleppen. Wir verändern uns, sobald wir uns auf den Weg machen und über uns und unser Handeln nachdenken. Mit jedem Scheitern gehen wir den Weg ein Stückchen weiter. Morgen habe ich mein erstes Therapie-Gespräch und ich habe mir fest vorgenommen, endlich diesen ganzen Minderwertigkeits-Ballast loszuwerden. Und bei manchen Threads im Forum denke ich jetzt schon: "das hätte mir vor ein paar Jahren auch passieren können, aber heute nicht mehr."
Und falls sich hier gerade irgendwo eine 18 jährige überlegt, ob sie bei ihrem Freund bleiben soll weil sie Angst vorm Allein sein hat: Nimm dein Leben in die Hand Mädchen und sei dir selbst die beste Gesellschaft, warte nicht auf den Nächsten für den Absprung, LEBE für DICH und nur für dich und mach dich selbst glücklich, dann stehen die Chancen für eine erfüllende Partnerschaft in der Zukunft auch deutlich besser!
Und mir ist bewusst, wenn ich das mit dem "bedingungslos" ernst meine, dann muss ich ihn auch loslassen und seine Entscheidung respektieren.