Sowas ähnliches habe ich erst kürzlich auch erlebt.
Ich hatte jemanden kennengelernt, mit dem ich von der ersten Sekunde an reden konnte, als würden wir uns schon ewig kennen. Es hat einfach sofort funktioniert, allerdings habe ich von Anfang an deutlich gemacht, dass ich nur ein rein freundschaftliches Interesse habe (er war eben einfach nicht mein Typ und außerdem ein Kollege von meinem Ex. Das wollte ich einfach nicht!).
Anfangs hatten wir nur geschrieben, nach zwei Wochen kam er mich dann aber mal besuchen und hat mir am Tag nach dem Treffen dann gesteckt, er hätte sich verliebt. Das alleine fand ich schon etwas sehr bedenklich, immerhin kannten wir uns gerade mal 2 Wochen und hatten uns nur ein einziges Mal getroffen. Dann ging es aber weiter. Er sagte, er würde sich nie wieder in eine andere verlieben können, seit er mich kennt. Es hätte sich für ihn erledigt, nach anderen Frauen zu suchen, weil er sowieso nie eine finden würde, die besser wäre als ich. Und er wüsste auch nicht, ob er es ertragen könnte, wenn ich irgendwann mal wieder einen anderen Mann haben haben sollte.
Ehrlich, ich war völlig platt! Er kannte mich im Prinzip kein Stück, hat mich aber idealisiert, wie es schlimmer nicht geht und die anfängliche Euphorie mit Liebe verwechselt. Gut, ich wusste, dass er seit mittlerweile 10 Jahren schon Single ist, aber das war für mich nur ein weiterer Grund, von Anfang an deutlich zu sagen, dass ich für Beziehungszwecke nicht zur Verfügung stehe. Ich wollte einfach nur eine harmonische Freundschaft. Jemanden, mit dem ich reden kann, mit dem ich rumalbern kann, mit dem ich was unternehmen kann. Jemanden, der mich ein Stück weit aus der Einsamkeit raus holt, ohne dass es gleich wieder in einem Beziehungsdrama endet.
Es endete letztendlich in einem Beziehungsdrama, ohne dass wir jemals eine Beziehung hatten. Er hat mich mit seinen Äußerungen so unter Druck gesetzt, dass ich mich gezwungen sah, die Krallen auszufahren. Ich verstehe, was in ihm vorging. Er ist seit 10 Jahren Single, wünscht sich eine Beziehung und eine Frau an seiner Seite, die ihn erfüllt und mit der er sein Leben teilen kann. Dann komme ich, habe die gleichen Interessen, die gleichen Ansichten und passe auch noch optisch voll in sein Beuteschema. BÄM! Da hat er gedacht "Die und sonst keine". Er hat im Prinzip nur mit dem Herzen gedacht, hat sich eingeredet, ich würde nur keine Beziehung wollen, weil ich über meinen Ex noch nicht hinweg wäre und er müsse nur warten, bis ich wieder bereit bin für was Neues. Ich habe mehrmals freundlich versucht, ihm das auszureden. Am Ende musste ich ihn anfahren, weil er die nette Tour einfach nicht verstehen WOLLTE. Er war so in seiner Euphorie und seiner Gefühlswelt gefangen, dass er die Realität zwar gesehen, aber komplett ignoriert und sich schön geredet hat. So dass es eben zu seinem Wunschn nach einer Beziehung im Allgemeinen und konkret nach einer Beziehung mit mir passte. Ich war eben einfach da und entsprach seinem Bild. Es hätte auch jede Andere sein können. Es ging da nicht um mich als Person, sondern viel eher um die Tatsache, dass er jemanden gefunden hatte, mit dem er voll auf einer Wellenlänge war. Da wird die bittere Wahrheit gern mal ausgeblendet.
Im Prinzip war es, wie du schon selber sagst: Auch er hat versucht, seine Probleme durch die Euphorie zu betäuben. In dem Fall war er es aber nicht selbst, der das Ganze ausgebremst hat, sondern ich. Weil er mich mit seinen Gefühlen so in die Ecke gedrängt hat, dass ich nicht mehr anders konnte, als mich mit "Gewalt" aus seinem Klammergriff zu befreien. Das war nicht schön und tut mir ehrlich leid, aber es musste sein. Der Kontakt ist seitdem abgebrochen und ich kann nicht gerade sagen, dass es sich gut anfühlt. Ich hatte auf eine schöne Freundschaft gehofft. Die große Liebe wäre es nie geworden, aber deswegen ist mir trotzdem etwas entgangen. Nämlich die Chance, einen guten Freund zu finden. Und abgesehen davon habe ich ihm vermutlich sehr weh getan. Das ist nichts, worauf ich stolz bin.
Aus genau solchen Gründen habe ich gelernt, Gefühle nicht mit dem Herzen, sondern mit dem Verstand zu leben. Klingt paradox, aber genau wie du bin ich eher der Analytiker und führe Beziehungen eher mit dem Kopf als mit dem Herzen. Der Kopf betrachtet Situationen neutral. Der kopf wägt ab und analysiert, was passieren könnte, wenn ich A tue oder B unterlasse. Das Herz ist nur auf aktuelle Bedürfnisse ausgerichtet. Wie ein kleines Kind, das JETZT UNBEDINGT SOFORT seinen Lolli will und total ausrasten wird, wenn es seinen Lolli nicht bekommt. Das Herz ignoriert mögliche Konsequenzen. "Mir geht's schlecht und ich will jetzt SOFORT nicht mehr leiden. Also stürze ich mich in das nächste Abenteuer, fühle ganz, ganz viel Gutes und ignoriere dabei gekonnt, dass mich meine Probleme schon mal wieder einholen werden und ich damit alles nur noch schlimmer mache!". So in etwa könnte sich das Herz wohl ausdrücken, wenn es denn sprechen könnte und noch dazu schonungslos ehrlich zu sich selbst wäre. Ist im Prinzip wie das Kind mit dem Lolli. Konsequenzen sind egal. Der Lolli schmeckt ja. Gejammert wird hinterher trotzdem, wenn der Zahnarzt bohren muss. Das Herz ist hinterher oft auch nur noch noch verletzter, während der Verstand dann sagt: "Tja... hätte ich dir vorher sagen können, dass das vielleicht eine eher dumme Idee ist!"
Irgendwie ist das nicht ungewöhnlich, dass Menschen so handeln. Ich kann ein Lied singen von solchen Begebenheiten. Wobei die oben Geschilderte noch so ziemlich die Harmloseste ist.
