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Zwischen Dankbarkeit und Sehnsucht

Ta-lia

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Hallo zusammen,
ich bin Talia, neu hier und dachte mir, ich schreibe mal, warum ich hier bin.
Wobei ich schon beim ersten Satz merke: Über sich selbst zu schreiben ist irgendwie schwieriger, als man denkt. Es hat ein bisschen was von einer mündlichen Prüfung, für die man nicht gelernt hat. 😄

Warum bin ich also hier?
Vermutlich wegen eines Gefühls, das sich ziemlich schwer erklären lässt: Einsamkeit. Und zwar nicht die Einsamkeit, bei der niemand da ist. Ich bin verheiratet, habe Freunde, gehe arbeiten und eigentlich ist fast immer irgendjemand da. Ich bin objektiv betrachtet nicht allein. Und trotzdem gibt es diese Einsamkeit.

Nicht unbedingt um mich herum, sondern irgendwo tief in mir. Und manchmal schäme ich mich dafür.
Weil es sich undankbar anfühlt. Weil ich weiß, dass es Menschen gibt, die froh wären, überhaupt jemanden an ihrer Seite zu haben. Aber Gefühle sind leider keine Excel-Tabelle. Man kann nicht in Spalte A „Ehemann vorhanden“ eintragen und in Spalte B daraus automatisch „Einsamkeit = 0“ berechnen. Schön wäre es. Funktioniert nur leider nicht.

Mein Mann hatte Weihnachten 2022 einen Schlaganfall. Seitdem ist unser Leben ein anderes.
Einige Hirnregionen sind geschädigt, unsere Kommunikation ist teilweise schwierig / aneinander vorbei und vieles, was früher selbstverständlich war, funktioniert heute anders oder gar nicht mehr. Und ich möchte eines ganz deutlich sagen:
Ich weiß, dass wir Glück im Unglück hatten. Er lebt. Er kämpft. Und er macht das wirklich gut. Ich bin dankbar dafür. Sehr sogar.

Aber Dankbarkeit und Einsamkeit schließen sich offenbar nicht gegenseitig aus.
Und genau das ist für mich manchmal schwer auszuhalten. Denn irgendwo auf dem Weg vom „Wir sind ein Paar“ zum „Wir organisieren unseren Alltag“ bin ich manchmal mehr Pflegerin, Organisatorin, Begleiterin und derjenigen geworden, die funktioniert, als zu der Frau, die ich eigentlich auch noch bin. Und ja – ich vermisse es, als Frau gesehen zu werden.
Nicht nur als diejenige, die sich kümmert. Nicht nur als diejenige, die funktioniert. Sondern als Mensch mit Nähebedürfnis, Sehnsucht, Humor, Macken, Leidenschaft und allem anderen, was man eben so mit sich herumschleppt. Es fühlt sich an, als sei ich irgendwo verloren und kaputt gegangen.

Für mich bedeutet Liebe nämlich vor allem Nähe. Vertrautheit. Unterstützung. Wollen. Dieses gegenseitige:
„Ich sehe dich.“
Damit meine ich übrigens nicht, dass man sich 24 Stunden verliebt in die Augen starren muss. Ich finde, man darf sich auch mal gegenseitig auf die Nerven gehen. 😄 Aber dieses Gefühl, wirklich wahrgenommen zu werden, fehlt mir sehr.

Und damit wären wir bei meiner vermutlich etwas widersprüchlichen Persönlichkeit.
Menschen, die mich kennen, würden sagen, ich bin eine kleine emotionale Gangsterin.😎
Ich tue im Alltag gerne so, als wären Gefühle etwas ziemlich Verdächtiges, das man besser nicht zu nah an sich heranlässt. Meine eigenen Gefühle schiebe ich gerne irgendwo ganz weit nach hinten und mache weiter.
Bei anderen/teil fremden Menschen bin ich dagegen plötzlich ganz anders. Da kann ich zuhören, auffangen, wertschätzen, mitfühlen und stundenlang versuchen, dafür zu sorgen, dass sich jemand gesehen und wohl fühlt. Nur bei mir selbst ist der Kundenservice leider manchmal geschlossen. 😂

Vielleicht bin ich deshalb hier. Ich suche keine große dramatische Liebesgeschichte und auch niemanden, der mein Leben für mich repariert. ☝🏻 Ich glaube, ich suche erst einmal Abwechslung. Leichtigkeit. Hoffnung. Menschen, mit denen man im Offtopic völlig albernen Unsinn schreiben kann. Aber genauso gerne möchte ich tiefgründige Gespräche führen. Über Liebe, Einsamkeit, Sehnsucht, Beziehungen, das Leben und all den anderen Kram, den man nachts um zwei unbedingt verstehen möchte. Und vielleicht Menschen kennenlernen, mit denen man auch einfach mal sagen kann:
„Boah. Heute ist alles sch..“ Und der andere sagt: „Ja. Ist es.“ Dann wischt man sich gegenseitig die imaginären Tränen weg, macht irgendeinen völlig unangebrachten Witz darüber und zieht am nächsten Tag trotzdem wieder los, um sich dem Leben zu stellen.

Nicht, weil alles wieder gut ist. Sondern weil wir alle wissen, dass das Leben weitergeht. Genau das suche ich gerade.
Einen Ort, an dem ich nicht ständig funktionieren muss. Einen Ort, an dem ich ein bisschen albern, ein bisschen tiefgründig, ein bisschen verletzlich und auch zum Lachen sein darf. Ich bin gespannt, wer hier so herumläuft und welche Geschichten hinter den Menschen stecken. Und falls ich zwischendurch mal etwas trocken oder sarkastisch werde:
Keine Sorge. Das ist keine emotionale Distanz. Das ist mein eingebautes Überlebenssystem. 😉

• x 13 #1


M
Zitat von Ta-lia:
Hallo zusammen, ich bin Talia, neu hier und dachte mir, ich schreibe mal, warum ich hier bin. Wobei ich schon beim ersten Satz merke: Über sich selbst zu schreiben ist irgendwie schwieriger, als man denkt. Es hat ein bisschen was von einer mündlichen Prüfung, für die man nicht gelernt hat. 😄 Warum bin ich ...

ich denke Einsamkeit hat NICHTS damit zu tun ob man "jemanden hat".
Ich hatte Single Jahre in denen ich mich NULL einsam gefühlt habe.
Und umgekehrt auch schon Partnerschaften oder auch Freundschaften die mich leer und einsam haben fühlen lassen.
Ich hatte schon Geburtstage oder Feiertage, da waren mehrere Freundinnen da, und/oder Partner und TROTZDEM hab ich mich mutterseelenalleine gefühlt. Weil ich nicht gesehen oder gemeint war!

Irgendwann bin ich drauf gekommen, dass es tatsächlich dieses Gefühl bei mir gibt wenn ich nicht gesehen, sondern in irgendeinem Sinne benutzt werde (als Zweck zum MIttel, Reha Station, eine Lücke füllen soll, Aufladestation oder Unterhalter oder oder ohne menschlich gemeint zu sein).
Und dazu gehören auch Beziehungen, Partnerschaften oder sogar berufliche Beziehungen in denen ich um das Gegenüber kreisen sollte und einfach eine gewisse Funktion erfüllen ohne als Person und Mensch wichtig zu sein und wirklich wahrgenommen zu werden.

Daher achte ich seit einigen Jahren dezidiert darauf, dass nur Menschen Zugang zu meinem System und meinen Ressourcen haben- zumindest da wo ich es steuern kann, meistens geht das- die auch mich als Mensch in ihrer Gleichung berücksichtigen, statt meine Funktion (die ja AUCH gerne da sein darf).

Das Gefühl der Einsamkeit ist inzwischen nahe null dadurch. Egal ob ich alleine bin oder zu zweit oder in einer Gruppe. Es ist auch als hätte ich dadurch weit mehr Halt in mir selbst gefunden dadurch dass ich schlicht nicht mehr zulasse, in einer Beziehung (und ich meine nicht nur romantische) zu sein, in der das Gegenüber sich NICHT auf mich als Mensch bezieht.

Allerdings musste ich vorher phasenweise auch durch ziemliche emotionale Schmerzen durch, weil es letztlich das Gefühl meiner gesamten Kindheit war, von Menschen umgeben zu sein, die mich benutzt und nicht gesehen haben. Und irgendwann hab ich es als meine Aufgabe erkannt, da etwas anderes zu etablieren. Der alte Schmerz muss aber vermutlich vorher nochmal gefühlt werden, denke ich. und auch die Einsamkeit. Bevor es in eine neue Richtung geht.

• x 6 #2


A


Zwischen Dankbarkeit und Sehnsucht

x 3


A
Hallo Talia, das hast du sehr schön geschrieben,ich habe etwas Gänsehaut bekommen!
Erstmal,das meine ich so,hast du Talent zum Schreiben, vielleicht deine Geschichte oder eine andere...?
Ich stelle mir deine Situation vor,sie ist eine Herausforderung und alles andere als einfach. Ihr steht zueinander mit der Krankheit,die sich keiner aussucht, was ich großartig finde. Es ist keine Selbstverständlichkeit.
Ich glaube,dein beschriebenes Gefühl der Einsamkeit trotz der Menschen,die da sind,kenne ich,sie ist in dir,das hast du selbst geschrieben.
Du nimmst alles bereits an,was ist.
Dennoch oder deshalb? fehlt etwas.
Und vermutlich kommen Gedanken,wie soll das werden,wird es nun so bleiben,wo bleibe ich mit meinen Sehnsüchten?
Ich kann dir keinen "super"Rat geben,leider, positives Denken hilft vielleicht etwas,aber das machst du ja auch.
Ich lese nicht,dass du dich trennen willst,
vielleicht findet ihr als Paar eine Lösung für deine Bedürfnisse nach Nähe, Körperlichkeit...? Wäre Öffnen der Beziehung eine Option?

Vielleicht eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Schlaganfallpatienten,gibt es das in deiner Nähe?

Alles Gute euch!

Bleib hier, es gibt hier viele nette Leute und Hilfe.

• x 5 #3


Ta-lia
@amelie erstmal vielen Dank für das Kompliment.

Und ja, du beschreibst es im Grunde mit der einen Frage ganz richtig:
Wie soll das werden, wird es nun so bleiben, wo bleibe ich mit meinen Sehnsüchten?
Das Öffnen der Beziehung wäre für mich eine Lösung, ja. Allerdings bin ich auch ein Mensch, der Körperlichkeiten und Gefühle absolut trennt. Schon immer. Mein Mann hingegen noch nie. Das war vor dem Schlaganfall auch kein Problem für mich. Nun könnte es eben eines werden, bzw. ist es schon eines geworden.

Darüber sprechen würde sehr schwierig werden. Denn durch den Schlaganfall ist Kommunikation leider oft sehr schwierig. Das Verständnis.. nein, eigentlich meine Ausdrucksweise ist das Problem. Ich habe noch keinen Weg gefunden, wie ich meine Sehnsüchte und Gefühle äußern kann, so dass sie für ihn verständlich sind. Da muss ich einfach noch ein wenig an mir arbeiten. Ich bin nun auch dazu über gegangen, mir einen Therapieplatz zu suchen. Vielleicht hilft mir das, die Situation klarer zu sehen. Aber da bin ich noch auf der Suche. Das erweist sich als schwieriger, als ich mir erhofft hatte. 😒

• x 3 #4


FoolishHeart
@Ta-lia

Alleine zu sein ist eine Situation, ein "Zustand". Einsamkeit dagegen ist ein Gefühl, eine Empfindung.

Ich bin alleine, aber ich fühle nur selten Einsamkeit.
Jemand anders ist vielleicht ständig von Menschen umgeben - nie alleine -, aber dennoch einsam...

Alleine sein und einsam sein können gemeinsam auftreten, müssen es aber nicht. Ich kann - bis zu einem gewissen Grad - nachvollziehen, was in dir vorgeht... Einen Rat kann dir in deiner Situation vermutlich niemand geben, weil dein Gefühl der Einsamkeit aus deiner Situation resultiert. Aber zumindest hast du den Weg hierher gefunden, wo du vielleicht nicht ganz so einsam bist... 🤗

• x 2 #5


Liv225
Liebe @Ta-lia

Schön, dass Du Dich geöffnet hast.
Da kann ich mir den „Menschen dahinter“ besser vorstellen. 🤗

Wir alle haben unsere „Geschichte/n“.
Wir geben Trost und Zuspruch, manchmal Ratschläge, die aufrütteln…
Manche gehen wieder, einige bleiben.

Ich bin geblieben, weil hier fast immer jemand ist..Man kann traurige Gedanken teilen und im OffTopic in der Bar abhängen.
Der Ort hier gibt mir viel.
Und ich denke, vielen geht das so.

Du hast ein schweres Paket zu tragen, von der Freundin, Ehefrau zur oftmals Pflegerin. Das ist schwer.

Und einsam kann man sein, auch mit Menschen um einen herum.
Wenn sie einem nicht die Energie zurückgeben, die man ihnen gibt…

Pass auf Dich auf. 🌼

• x 6 #6


M
...was Deine persönliche Situation angeht, denke ich es wäre vielleicht hilfreich, dass Du auch Tätigkeiten was Deinen Mann angeht, delegierst wenn das möglich ist (Pflegedienst, Verwandte von seiner Seite?! oder andere Möglichkeiten). Denn Du bist mal in erster Linie SEINE FRAU und eben NICHT seine Pflegerin (auch wenn viele Frauen das irgendwie denken, dass sowas ihre gottgegebene Aufgabe wäre, aber das stimmt nicht).

Parallel solltest Du schauen, dass Du Kontakte etablierst in denen Du wirklich die Hauptperson sein darfst. Emotional könnten das Frauenfreundschaften sein. Körperlich könntest Du wenn finanziell möglich zB mal zu Mass. oder in die Therme gehen oder einen Sport beginnen oder einfach raus in die Natur gehen.

Ich weiss, das sagt sich leicht, wenn der Mann krank ist. Aber es gibt ja nicht grundlos ein professionelles Pflegesystem mit Pflegestufen, stationäre und ambulante Rehaeinrichtungen, Pflegedienste etc. Es ist nämlich gerade heutzutage NICHT mehr gottgegebene Aufgabe von Frauen, sich für umme für ihre Angehörigen aufzuopfern ungeachtet der eigenen Gesundheit. Die meisten Männer tun das nämlich auch nicht! Heisst nicht dass Du Deinen Mann verlassen sollst (was umgekehrt übrigens statistisch! die meisten Männer in so einer Situation mit der Frau tun!). Aber Du solltest soweit Dinge abgeben und Dir Auszeiten schaffen dass Du selbst noch glücklich bist.

• x 3 #7


M
@Ta-lia Hallo und Herzlich Willkommen hier 🙂

Du scheinst Humor zu haben und das ist schön. Das Lachen sollte man sich immer behalten. Egal wie schwer das Leben auch manchmal ist.

Ich weiß was du meinst. Man fühlt sich einsam, nicht gesehen, Wert geschätzt. Man ist einfach da. Man ist unzufrieden, so wie das Leben gerade ist. Vielleicht solltest du daran arbeiten. Gucken was du möchtest, was du brauchst. Vielleicht auch mal mit deinem Mann darüber reden? Klar braucht er vielleicht jetzt etwas mehr Hilfe, zuwendung. Aber wenn dir was fehlt, kannst du ja trotzdem auch mal mit ihm drüber reden.
Wenn das natürlich nicht mehr geht, ist es schwierig.

Vielleicht auch mit anderen in dieser Situation reden.

Hier kannst du aber auch immer gerne schreiben, lesen, dich austauschen. Es sind so viele liebe Menschen hier, die einem mit Worten sehr helfen können.

Fühl dich mal gedrückt. Schaue Positiv in die Zukunft, dass deine leere, unzufriedenheit auch wieder verschwinden kann.

• x 1 #8


A
@Talia, ich drücke dir die Daumen für einen Therapieplatz, obwohl ich mir nicht sicher bin,ob du eine Therapie brauchst? Das meine ich nicht böse,ich lese eher,dass du Zuspruch oder etwas Bestätigung brauchst, dass du nichts falsch machst...?

merrettichs Beitrag finde ich gut,weil darin steht,dass es keine gottgegebene Aufgabe von Frauen ist sich aufzuopfern.
Das mit den Auszeiten für dich finde ich auch wichtig.

Wenn du Körperlichkeit und Gefühle trennen kannst,ist das eine Chance. Es gibt umgekehrt auch Männer,deren Frauen schwer krank sind. Klingt einfach,ist es nicht.
Aber doch eine Chance,solange das OK ist, mit einem anderen Mann Körperliches zu haben.
Allerdings wäre es mir auch nicht egal,wie ich es mit meinem Mann kommunizieren soll,wenn er das Handicap hat.
Mir fällt erstmal nur ein,dass ich Arzt oder Betroffene fragen würde.

• #9


Waris07
Liebe @Ta-lia


Zitat von Ta-lia:
Hallo zusammen,
ich bin Talia, neu hier und dachte mir, ich schreibe mal, warum ich hier bin.
Wobei ich schon beim ersten Satz merke: Über sich selbst zu schreiben ist irgendwie schwieriger, als man denkt. Es hat ein bisschen was von einer mündlichen Prüfung, für die man nicht gelernt hat.

Herzlich willkommen! Schön, dass du da bist und dich getraut hast, so offen zu schreiben. Dazu gehört schon einiges an Mut, sein Anliegen und sein Innerstes hier mit uns zu teilen. 🤗


Zitat von Ta-lia:
Warum bin ich also hier?
Vermutlich wegen eines Gefühls, das sich ziemlich schwer erklären lässt: Einsamkeit. Und zwar nicht die Einsamkeit, bei der niemand da ist. Ich bin verheiratet, habe Freunde, gehe arbeiten und eigentlich ist fast immer irgendjemand da. Ich bin objektiv betrachtet nicht allein. Und trotzdem gibt es diese Einsamkeit.

Ich finde, das ist gar nicht so schwer zu verstehen, denn ich glaube, dieses Gefühl kennen sehr viele Menschen. Einsamkeit hat ja ganz unterschiedliche Facetten.

Ich persönlich finde mich in diesen Zeilen sehr wieder und kann total gut nachvollziehen, was da gerade in dir vorgeht.


Zitat von Ta-lia:
Nicht unbedingt um mich herum, sondern irgendwo tief in mir. Und manchmal schäme ich mich dafür.
Weil es sich undankbar anfühlt. Weil ich weiß, dass es Menschen gibt, die froh wären, überhaupt jemanden an ihrer Seite zu haben. Aber Gefühle sind leider keine Excel-Tabelle. Man kann nicht in Spalte A „Ehemann vorhanden“ eintragen und in Spalte B daraus automatisch „Einsamkeit = 0“ berechnen. Schön wäre es. Funktioniert nur leider nicht.

Du musst dich dafür nicht schämen. Und das hat auch nichts mit Undankbarkeit zu tun. Das Leben ist häufig nicht geradlinig. Nach außen hin kann alles perfekt und schön aussehen und trotzdem kann einem innerlich etwas fehlen. Aufmunternde Emojis


Zitat von Ta-lia:
Mein Mann hatte Weihnachten 2022 einen Schlaganfall. Seitdem ist unser Leben ein anderes.
Einige Hirnregionen sind geschädigt, unsere Kommunikation ist teilweise schwierig / aneinander vorbei und vieles, was früher selbstverständlich war, funktioniert heute anders oder gar nicht mehr. Und ich möchte eines ganz deutlich sagen:
Ich weiß, dass wir Glück im Unglück hatten. Er lebt. Er kämpft. Und er macht das wirklich gut. Ich bin dankbar dafür. Sehr sogar.

Das tut mir sehr leid - für dich, für ihn und für euch als Paar. 😔
Und oft ist es wohl tatsächlich so, dass ein solcher Schicksalsschlag das gesamte Leben und das, was man sich gemeinsam aufgebaut und für die Zukunft vorgestellt hat, massiv ins Wanken bringt.

Darf ich fragen, inwiefern er nun auf Hilfe angewiesen ist und wie sich euer Alltag dadurch verändert hat? Du musst darauf natürlich überhaupt nicht antworten, wenn dir das zu persönlich ist.

Ich finde es übrigens schön, wie liebevoll du von ihm sprichst und dass du trotz allem siehst, wie sehr er kämpft und sein Bestes gibt. ☺

Ich kenne es von einer Bekannten aus meinem Umfeld. Ihr Mann hatte einen schweren Unfall mit bleibenden Beeinträchtigungen. Ich bewundere sie beide dafür, wie sie mit dieser Situation umgehen. Beide geben ihr Bestes und machen trotzdem kein Geheimnis daraus, dass es nicht immer leicht für sie ist und dass es auch Tage gibt, an denen einfach alles zu viel ist.


Zitat von Ta-lia:
Aber Dankbarkeit und Einsamkeit schließen sich offenbar nicht gegenseitig aus.
Und genau das ist für mich manchmal schwer auszuhalten. Denn irgendwo auf dem Weg vom „Wir sind ein Paar“ zum „Wir organisieren unseren Alltag“ bin ich manchmal mehr Pflegerin, Organisatorin, Begleiterin und derjenigen geworden, die funktioniert, als zu der Frau, die ich eigentlich auch noch bin. Und ja – ich vermisse es, als Frau gesehen zu werden.

Nein, ganz sicherlich nicht. Ich glaube, beides kann nebeneinander existieren. 😉

Das auszuhalten, ist wahrscheinlich sehr schwer zu tragen. Auch diese vielen Aufgaben, die plötzlich da sind, sind herausfordernd und kosten Kraft. Und es ist nur logisch, dass du dir wünschst, wieder als Frau gesehen zu werden und auch wieder so etwas wie Leichtigkeit und Lebendigkeit zu fühlen. Tröstender Smiley


Zitat von Ta-lia:
Nicht nur als diejenige, die sich kümmert. Nicht nur als diejenige, die funktioniert. Sondern als Mensch mit Nähebedürfnis, Sehnsucht, Humor, Macken, Leidenschaft und allem anderen, was man eben so mit sich herumschleppt. Es fühlt sich an, als sei ich irgendwo verloren und kaputt gegangen.

Ich glaube dir, dass es sich für dich so anfühlt, als hättest du dich bei all dem, was inzwischen an dir hängt, selbst verloren.
Wem würde es nicht irgendwann genau so gehen? Wir sind Menschen. Klar können wir funktionieren, aber nicht auf Dauer. Wir sind schließlich keine Roboter.

Und man spürt beim Lesen, dass dir das sehr fehlt. Vermutlich fragst du dich gerade auch: Wie soll es weitergehen? Wie sieht dein weiteres Leben aus? Darf und kann es das, was dir fehlt, auch wieder geben? Welche Wege wären gangbar - für dich, für deinen Mann und für euch als Paar?


Zitat von Ta-lia:
Für mich bedeutet Liebe nämlich vor allem Nähe. Vertrautheit. Unterstützung. Wollen. Dieses gegenseitige:
„Ich sehe dich.“
Damit meine ich übrigens nicht, dass man sich 24 Stunden verliebt in die Augen starren muss. Ich finde, man darf sich auch mal gegenseitig auf die Nerven gehen. Aber dieses Gefühl, wirklich wahrgenommen zu werden, fehlt mir sehr.

Das gehört für mich alles dazu. 🤗

Darf ich fragen, inwiefern du und dein Mann genau darüber gesprochen habt? Ich könnte mir vorstellen, dass es ihm vielleicht in irgendeiner Form ähnlich geht, auch wenn seine Situation natürlich eine andere ist.
Und wenn ich ganz vorsichtig nachfragen darf: Wie viel Nähe und Intimität ist zwischen euch heute noch möglich? Auch hier natürlich nur, wenn du darüber sprechen möchtest.


Zitat von Ta-lia:
Und damit wären wir bei meiner vermutlich etwas widersprüchlichen Persönlichkeit.
Menschen, die mich kennen, würden sagen, ich bin eine kleine emotionale Gangsterin.
Ich tue im Alltag gerne so, als wären Gefühle etwas ziemlich Verdächtiges, das man besser nicht zu nah an sich heranlässt. Meine eigenen Gefühle schiebe ich gerne irgendwo ganz weit nach hinten und mache weiter.
Bei anderen/teil fremden Menschen bin ich dagegen plötzlich ganz anders. Da kann ich zuhören, auffangen, wertschätzen, mitfühlen und stundenlang versuchen, dafür zu sorgen, dass sich jemand gesehen und wohl fühlt. Nur bei mir selbst ist der Kundenservice leider manchmal geschlossen.

Ja, da musste ich tatsächlich ein bisschen schmunzeln. 😄

Wie gesagt, ich kenne diese Situation zumindest ein Stück weit durch meine Bekannte. Nach außen wirkt bei ihnen vieles strukturiert und geordnet. Man denkt vielleicht: Die machen das Beste daraus. Aber wie es natürlich hinter verschlossenen Türen aussieht, kann man als Außenstehender nur erahnen. Wobei beide auch durchaus offen sagen, dass es nicht immer einfach ist.

Da würde mich bei dir etwas interessieren: Bist du selbst diejenige, die das Gefühl hat, man dürfe dir nicht ansehen oder anmerken, wie kräftezehrend das alles für dich ist? Dass dir etwas fehlt? 🤔
Gibt es Menschen in deinem näheren Umfeld, denen du dich anvertrauen kannst? Menschen, die dich auch einfach mal halten oder in den Arm nehmen, wenn es gerade besonders anstrengend ist?



Zitat von Ta-lia:
Vielleicht bin ich deshalb hier. Ich suche keine große dramatische Liebesgeschichte und auch niemanden, der mein Leben für mich repariert. Ich glaube, ich suche erst einmal Abwechslung. Leichtigkeit. Hoffnung. Menschen, mit denen man im Offtopic völlig albernen Unsinn schreiben kann. Aber genauso gerne möchte ich tiefgründige Gespräche führen. Über Liebe, Einsamkeit, Sehnsucht, Beziehungen, das Leben und all den anderen Kram, den man nachts um zwei unbedingt verstehen möchte. Und vielleicht Menschen kennenlernen, mit denen man auch einfach mal sagen kann:
„Boah. Heute ist alles sch..“ Und der andere sagt: „Ja. Ist es.“ Dann wischt man sich gegenseitig die imaginären Tränen weg, macht irgendeinen völlig unangebrachten Witz darüber und zieht am nächsten Tag trotzdem wieder los, um sich dem Leben zu stellen.

Finde ich schon mal super, dass du den Weg hierher gefunden hast. Ich habe auch schon gesehen, dass du dich sehr rege an verschiedenen Threads beteiligst und - wenn ich das so sagen darf - eine positive Vibes reinbringst. ☺

Das finde ich wirklich schön. Und wenn dir das selbst zusätzlich Freude bringt und dir guttut, dann ist das doch schon mal etwas sehr Positives. 🤗


Zitat von Ta-lia:
Nicht, weil alles wieder gut ist. Sondern weil wir alle wissen, dass das Leben weitergeht. Genau das suche ich gerade.
Einen Ort, an dem ich nicht ständig funktionieren muss. Einen Ort, an dem ich ein bisschen albern, ein bisschen tiefgründig, ein bisschen verletzlich und auch zum Lachen sein darf. Ich bin gespannt, wer hier so herumläuft und welche Geschichten hinter den Menschen stecken. Und falls ich zwischendurch mal etwas trocken oder sarkastisch werde:
Keine Sorge. Das ist keine emotionale Distanz. Das ist mein eingebautes Überlebenssystem.

Du bist ja nun hier. Das ist schon mal ein Anfang.

Und vielleicht ist das auch ausbaufähig im Sinne von: Du schaust einfach mal, welcher Schritt der nächste sein könnte. Vielleicht ein Hobby oder eine Freizeitaktivität nur für dich. Etwas, bei dem es nicht ums Kümmern und Funktionieren geht, sondern einfach mal um dich.

Und vielleicht findest du hier tatsächlich Menschen, mit denen du genau das haben kannst, was du beschrieben hast: mal völlig albernen Unsinn schreiben, mal bis nachts um zwei über das Leben reden und vielleicht auch einfach sagen können: "Boah, heute ist alles sch…" und jemand antwortet: "Ja. Ist es." Tröstender Smiley

• x 4 #10


M
@Ta-lia Vielleicht solltest du dir auch mal selber sagen, wie toll du bist. Das du das beste aus dieser schwierigen Situation machst. Dein Lachen nicht verloren hast. Dankbar dafür bist das er kämpft und es auch gut macht.
Das du das alles siehst, positiv denkst. Das ist doch auch viel Wert. Den Kopf nicht in den Sand steckst.

Das dir was fehlt können wahrscheinlich viele verstehen. Man möchte Frau sein, nicht nur Pflegerin. Inwieweit dass bei Euch noch möglich ist, wissen wir ja nicht.

Eine Auszeit nur für dich wäre bestimmt auch gut. Eine Sportart, Hobby. Ein Besuch in der Therme.
An einem Tag wo du dir ne mee Time machst. Einfach Abschalten und für Dich sein. Weiß ja nicht ob du das machst oder wie oft.

Klar ändert das nichts an deinem Nähe Bedürfnis. Aber es ist gut zum Entspannen, einfach sich selbst zu sehen.

Und mit anderen in dieser Situstion zu reden hilft wahrscheinlich auch. Eine Selbsthilfegruppe für Angehörige oder sowas.

Die haben vielleicht auch gute Ratschläge oder können aus ihrer Sicht der Dinge erzählen. Neue Möglichkeiten vielleicht erwähnen.

Wünsche Euch alles Gute, dass ihr aus dieser schwierigen Situation das Beste macht und dass DU auch wieder glücklich wirst.

• x 1 #11


Pippa
@Ta-lia

Ich finde Deinen Text ziemlich berührend. Vor allem, weil ich merke, dass Du Deinen Mann nicht einfach auf das reduzierst, was durch den Schlaganfall nicht mehr funktioniert.

Und genau da musste ich beim Lesen auch kurz schlucken: Dein Mann kann für diese Veränderung ja genauso wenig wie du. Er hat sich dieses Leben auch nicht ausgesucht.
Für ihn ist vermutlich ebenfalls vieles verloren gegangen – vielleicht sogar Dinge, die er selbst gar nicht mehr so ausdrücken kann.

Ich finde überhaupt nicht, dass Du undankbar klingst. Eher nach jemandem, der sehr lange funktioniert hat und irgendwann gemerkt hat: Moment mal, ich bin da ja auch noch.

Und dieses "als Frau gesehen werden" kann ich gut verstehen. Man kann einen Menschen lieben, für ihn da sein und trotzdem etwas vermissen.
Das macht die Liebe nicht kleiner und Dich schon gar nicht zu einem schlechten Menschen🤗.

• x 6 #12


Heffalump
Zitat von Liv225:
Ich bin geblieben, weil hier fast immer jemand ist

Du bist lieb

• x 1 #13


B
Liebe @Ta-lia, in der Pflegeforschung gelten die permanenten Rollenwechsel zwischen Partnerin, Pflegerin des eigenen Ehe- oder Lebenspartners als eine der psychisch und emotional intensivsten Belastungssituationen. Der permanente Switch zwischen liebender Partnerin, Sorgerin, Pflegerin, Organisatorin laugt aus.
Zitat von Ta-lia:
Denn irgendwo auf dem Weg vom „Wir sind ein Paar“ zum „Wir organisieren unseren Alltag“ bin ich manchmal mehr Pflegerin, Organisatorin, Begleiterin und derjenigen geworden, die funktioniert, als zu der Frau, die ich eigentlich auch noch bin.

Ja, das ist wahrscheinlich auch genau so, wie es sich für dich anfühlt.
Zitat von Ta-lia:
Und vielleicht Menschen kennenlernen, mit denen man auch einfach mal sagen kann:
„Boah. Heute ist alles sch..“ Und der andere sagt: „Ja. Ist es.“ Dann wischt man sich gegenseitig die imaginären Tränen weg, macht irgendeinen völlig unangebrachten Witz darüber und zieht am nächsten Tag trotzdem wieder los, um sich dem Leben zu stellen.

Wie schaut es in deinem realen Leben aus, welche Unterstützung bekommst du, wie stehst du zum Austausch mit Gleichgesinnten -sprich Selbsthilfegruppen, Gesprächskreise pflegender Angehöriger, Austausch mit Betroffenen, deren Angehöriger, ...-?
Zitat von Ta-lia:
Und damit wären wir bei meiner vermutlich etwas widersprüchlichen Persönlichkeit.

Bevor ich Widersprüchlichkeit an deiner Persönlichkeit festmachen würde, solltest auch du diese extremen Ambivalenzen, die du nun schon seit 2022 gezwungenermaßen lebst, anschauen und für dich als solche anerkennen. Schwarzer Humor hilft da sicherlich, Anerkennung und Sichtbarmachung vielleicht noch in einem ganz anderen Maße. Denn dann darfst du auch deine Wünsche und Bedürfnisse als das anerkennen, was sie sind, wertungsfrei. Ohne sie als egoistisch verschämt von dir zu weisen.

Wie ist der Zustand deines Mannes, welchen Zugang hat er noch zu seinen Emotionen und denen seines Umfeldes, inwiefern könnt ihr kommunizieren, wie schaut euer Alltag aus?

Zitat von Ta-lia:
Aber dieses Gefühl, wirklich wahrgenommen zu werden, fehlt mir sehr.

Kann dein Mann dir das noch geben, ist er in der Lage dazu oder musst du dir das im Außen suchen, um dieses Bedürfnis zu erfüllen?

• x 3 #14


Ta-lia
@amelie
Zitat von Malina84:
@Ta-lia Hallo und Herzlich Willkommen hier 🙂 Du scheinst Humor zu haben und das ist schön. Das Lachen sollte man sich immer behalten. Egal wie schwer das Leben auch manchmal ist.

--> Ein Lehrer sagte mal zu mir: Bewahr du dir deine Heiterkeit - die bringt doch noch ganz weit im Leben. 😉 daran versuche ich immer zu denken. Ich weiß zwar nicht, wohin sie mich noch bringen sollte, aber ich vertraue ihm einfach.


Ihr lieben alle,
ich habe mir eure Beiträge durchgelesen und in der letzten Zeit ganz viel nachgedacht, weil vieles dabei war, was nochmal ein wenig Perspektivwechsel in mein Denken gebracht hat. Ich danke euch!

Ich weiß nicht, wie oft ich hier schon angefangen habe und jedem einzelnen antworten wollte. Letzten Endes - so wie jetzt auch - sitze ich dann vor der Tastatur, fange an zu tippen und gebe direkt wieder auf. Ich frage mich, wozu soll ich weiterschreiben? Meine Möglichkeiten sind ganz klar definiert:

1. es läuft weiter wie bisher
2. ich suche mir eine Affaire, weil ich beides trennen kann
3. ich trenne mich

Da brauche ich gar nicht herumphilosophieren. Das Dilemma ist: Nummer 3 will ich (noch) nicht. Soweit bin ich einfach nicht. Mein armer Mann. Und solange ich noch so denke, kommt das eben nicht in Frage. Für Nummer 2 fehlt mir aktuell die Kraft (nicht die Möglichkeit) und Nummer 1 hat mich irgendwann in den letzten Jahren kaputtgemacht.

Auszeiten nehme ich mir übrigens. Schon seit Jahren. Ich fahre alleine weg, mache es mir gemütlich, lese, kaufe mir schöne Dinge. Anfangs war das auch toll und hat mir ein gutes Gefühl vermittelt. Aber inzwischen sind diese Auszeiten nur noch anstrengend und ich möchte lieber eine Auszeit zu zweit.

Was mich wirklich berührt hat war übrigens etwas, das @Waris07 geschrieben hat. Als du schriebst, es täte dir sehr leid.. für mich, für ihn und für uns als Paar, da war mein erster Impuls: Ganz genau! Für alle DREI ist es furchtbar. Wäre es nur für mich schlimm, wäre ich ganz klar bei Lösungsweg 3. Ist es aber nunmal nicht.

Jetzt gerade merke ich, wie mich schon wieder alles überfordert. Alleine das darüber nachdenken ist mir oft schon zu viel. Es wurden so tolle Fragen gestellt und ich MÖCHTE noch auf jeden einzelnen eingehen. Wollte ich eigentlich jetzt. Aber nun mache ich hier Schluss und versuche mal, mein Köpfchen in den Sand zu stecken. Das gefällt mir aktuell irgendwie besser.

• x 3 #15


A


x 4