Ich bringe dann mal eine etwas andere Perspektive ins Spiel.
Meiner Ansicht nach liegt das Problem bereits hierin begründet:
Zitat von Halil:Das hängt damit zusammen, dass ich als Kind nie Liebe erfahren habe und eine wirklich schlimme Kindheit hatte. Mein Vater war gewalttätig und meine Mutter emotionslos. Zudem wurde ich mit 12 Jahren von einem Nachbarn missbraucht, was ich bis heute niemanden erzählt habe außer meinem Therapeuten.
Vielleicht springt mich genau dieser Aspekt bei der ganzen Geschichte am direktesten an, weil ich ziemlich genau weiss, was das bedeutet. Lieber TE - willkommen im Club!
Wir sprechen hier von ziemlich frühen Bindungstraumata, deren Auswirkungen (im schlimmsten Fall als komplexe PTBS) sich anschließend wie ein roter Faden durch das ganze weitere Leben ziehen. Da die erste, ursprünglichste und wichtigste Bindung, die ein Kind hat - die zu den Eltern - in diesem Fall verraten wurde, steigt genau dieses Bedürfnis nach Bindung in den Bedürfnischarts ganz nach oben. Das ist auch der Grund dafür, warum es dem TE so dermaßen schwerfällt, sich von der Beziehung zu lösen, die offenbar dieses Bedürfnis bis dato am besten hatte befriedigen können:
Zitat von Halil:Sie ist in meinen Gedanken immer präsent. Meine Gedanken drehen sich nur noch um sie. Das hängt damit zusammen, dass ich seit der Trennung auch von anderen Partnerinnen keine wirkliche Liebe erfahre habe. Meine Ex-Freundin war die einzige Person, die mir echte Liebe gegeben hat und das vermisse ich so sehr.
Mag sein, dass es auch einen expliziten externen Auslöser gegeben hat, warum das plötzlich seit einem Jahr wieder präsent ist. Ab Anfang / Mitte 40 brechen dann die Abwehrmechanismen zusammen.
Zitat von Halil:Eine Zeitlang hatte ich das Gefühl, sie endgültig vergessen zu können. Aber seit gut einem Jahr es geht gar nicht mehr:
Zitat von Halil:Ich bin seit vielen Monaten (erneut) tottraurig und habe kein Spaß mehr am Leben. Es macht mir nichts mehr Spaß. Ich kann mich an nichts, an gar nichts erfreuen. Ich schließe mich jeden Tag in mein Zimmer ein und weine hemmungslos.
Da es hier um das absolut basalste Bedürfnis geht, ist das natürlich der ideale Nährboden für eine depressive Entwicklung, in der sich der TE höchstwahrscheinlich gerade befindet. Ist bei solchen frühen Bindungstraumatisierungen regelmäßig "Begleitmusik".
Zitat von Halil:Ich bin seit 10 Jahren in auch wegen anderen Gründen in psychiatrischer Behandlung, aber ohne nachhaltigen Erfolg.
Das ist ein systemisches Problem: Für diese Art von Erkrankung gibt es formal noch keine Diagnose (die werden wir frühestens ab 01.01.2022 mit dem ICD-11 haben). Es wird - zwar nicht ganz so vehemment wie in den USA - negiert, was in den Familien bis zum heutigen Tag weiterhin hinter verschlossenen Türen passiert und gesellschaftliche Realität ist - legitimiert durch Artikel 6 GG. Keine Diagnose - keine Verantwortung - keine Therapie. Ich kann den TE hier sehr gut verstehen, dass man nach etlichen Jahren des herumdokterns an oberflächlichen Symptomen in die endgültige Resignation und Hoffnungslosigkeit fallen kann, weil ich selbst Ende 2018 auch an einem solchen Punkt gewesen bin.