Pilot66
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Zitat von Hola15:Geht es dir besser, wenn du mehr gibst als bekommst?
Fühlst du dich dann evtl. sicherer, überlegener?
Gibt es Muster in deiner Vergangenheit die ähnlich sind?
Dies ist eine in der Tat verdammt gut und auch berechtigte Frage!
Nein, "überlegener" fühle ich mich dann nicht, aber wohl, da hast Du sicherlich Recht, "sicherer".
Aber wenn ich zurückblicke, war das schon immer so in meinen Beziehungen gewesen, dass ich (wesentlich) mehr gegeben habe, als ich zurück bekommen habe. Und dabei meine ich jetzt nicht den 'monetären Mammon', sondern solche Dinge, wie "Zeit", "Verständnis", "eine Freude dem anderen bereiten", "eine Überraschung vorbereiten", "eine Mass. verabreichen", "ein delikates Essen kochen" (was ich übrigens grundsätzlich an ihrem Ankunftstag tat und das war dann auch fertig, wenn sie ankam) usw.
Als sie das allerletzte Mal hier war, meinte sie, dass das angeblich das leckerste Essen ever für sie gewesen wäre. Ich hatte Spargel in Silberfolie im Backofen gebacken gemacht, aber ohne Sauce Hollandaise, sondern mit einem selbst gemachten nicht so kalorienhaltigen Vinegrette aus Olivenöl, Apfelessig, Wein, Ei, Kerbel und Schnittlauch. Dazu gab es selbst marinierte Lammlachse und - natürlich - Kartoffeln. Ja, manchmal war ich richtig gut. Auch, weil ich der Ansicht war, Liebe ginge durch den Magen.
Und bei diesem letzten Abendessen, das wir hatten, sagte auch noch mein ältester Sohn zu ihr, wie gerne er sie hat und wie schön es ist, dass sie in unser Leben getreten ist. Und die beiden umarmten sich dabei. Fünf Tage später schmiss sie das Handtuch und verschwand in der Versenkung. Mein Sohn fragt mich jeden Tag, ob sie sich jetzt endlich mal bei mir gemeldet hat und meine diesbezüglichen Verneinungen quittiert er dann stets mit einem ungläubigen Blick.
Wie oft hatte ich 'meine Kleine' überrascht. Zu ihrem letzten Geburtstag z. B., wir waren in Berlin, gab es nach Mitternacht erst mal den Kerzen-Kuchen im Hotel nebst einigen Präsenten (ein Buch, eine Bluse, eine richtig hochwertige 4-teilige Intim-Shave-Komplett-Ausstattung [über die sie sich sehr freute], eine Orginal-Zeitung vom Tag ihrer Geburt, diverser Kleinkram und natürlich eine Geburtstagskarte) dann vormittags die bereits gebuchte Trabi-Ralley durch Berlin, dann den bereits gebuchten Ost-Berliner Fernsehturm - natürlich an den preisintensiveren Außenplätzen -, wir sind Hand in Hand durchs Brandenburger Tor flaniert, wir hatten uns geliebt und abends sind wir noch schick essen gegangen. Ja, ich wollte, dass ihr Geburtstag ein rundum gelungener Tag wird, den sie nicht mehr vergisst.
Dann fragte ich sie irgendwann, was ihr Mann ihr denn geschenkt habe. Ihre Antwort: "Wir schenken uns nie etwas." Das fand ich dann schon nicht nur ein bisschen komisch, was ich auch nicht überhörbar anmerkte.
Ihr Ehemann konnte ihr an diesem Tag nur fernmündlich gratulieren, da sie ja am 'Arbeiten' war, was ja auch zutraf, allerdings erst einen Tag später. Und was mir im Nachhinein auffällt: Ihr Mann hat sie so gut, wie nie, von sich aus in all den Jahren angerufen, vielleicht zu 2 %. Die verbleibenden 98 % rief sie ihn an zu festen Uhrzeiten, um ihn zu Hause in vermeintlicher Sicherheit zu wiegen. Mir erschien das so, wie ein stillschweigendes Agreement, weswegen ich sie an ihrem Geburtstag auch fragte, ob ihr Mann wohl von uns etwas vermute, insbesondere aufgrund der von mir seinerzeit versehentlich (!) fehlgeleiteten SMS. Sie meinte, sie denke schon, dass er eine Vermutung habe, aber die beiden sprächen nie über jenes Thema, wohl auch deswegen nicht, weil er sonst Angst hätte, sie zu verlieren.
Außerdem unterstellte sie mir, dass ich die SMS damals absichtlich an deren Haustelefon geschickt hätte, was NICHT zutreffend ist!
Irgendwann habe ich mir selbst einmal genau diese Frage (s. Zitat) auch gestellt und die Antwort, welche aus mir herauskam, war gleichermaßen ernüchternd, wie auch erschreckend zugleich gewesen.
Ich habe in meinem Leben schon so viele menschliche und auch sonstige Verluste einstecken müssen, dass ich schon happy gewesen wäre, wenn ich nur einen Bruchteil meines Investierten einmal zurück bekommen hätte.
In meinem Leben musste ich immer überwiegend funktionieren, mit mir starben oder lebten Menschen, und da hatte ich es mir offenbar abgewöhnt, eigene Ansprüche an meinen Gegenüber zu stellen.
Das heißt jetzt nicht, dass ich gar keine partnerschaftlichen Ansprüche gehabt hatte und solche auch nicht artikuliert hätte. Ich habe immer aufbegehrt, wenn ich etwas nicht richtig fand. Aber in der Summe habe ich in allen meinen Beziehungen stets mehr gegeben, als ich zurück bekommen habe. Ja, das stimmt.
Bei einer Frage nach dem diesbezüglichen "Warum" komme ich zu der Erkenntnis, dass ich aufgrund extremer menschlicher Verluste wohl übersendibilisiert bin hinsichtlich "Verlustangst". Dies bedeutet jetzt nicht, dass ich generell ängstlich bin. Und ich bin auch eine souveräne Erscheinung. Aber tief in mir drin trage ich eine Verlustangst. Und jene "Verlustangst" ist es in meinen Augen auch, warum ich nicht eher in die Opposition gegangen bin bei 'meiner kleinen Großartigen', wie ich sie stets nannte.
Bis jetzt empfand ich null Bindungsangst bei mir, was sich nun aber womöglich nach der neuesten Enttäuschung ändern könnte.
Auch deswegen habe ich ja jetzt einen therapeutischen Termin für mich ausgemacht. Denn ich will die Muster, denen ich unterliege verstehen. Und ich will keine Bindungsangst entwickeln, obwohl dies, was ich gerade emotional durchmache, für mich schlimmer ist, als alle menschlichen Verluste, welche ich auf hoc seinerzeit zu überstehen hatte.
Aber bei den menschlichen Verlusten war das anders. Da war erst einmal keine Zeit zum Trauern. Da musste ich stets wie ein Schweizer Uhrwerk erst einmal präzise funktionieren, was ich ja auch tat.
Aber jetzt ist es anders: ich fühle mich irgendwie, als würde ich selbst neben mir stehen. Zeit und Raum erscheinen mir abgespalten. Und aus diesem 'diffusen Kontinuum' muss ich wieder 'raus - schnellstmöglich.
Deswegen gehe ich heute Abend mit einer Dame auch zu einem Tanzkurs, der bis zum Jahresende dauern wird. Ich weiß, dass sie mich sympathischer findet, als lediglich ein Tanzpartner zu sein. Aber ich habe ihr schon gesagt, dass ich aktuell nur als Tanzbein schwingender Buddy zur Disposition stehen kann, stehen werde.
Denn meine Situation ist ja so, wie Andreas Bourani es besingt:
"Mein Herz schlägt schneller als Deins, sie schlagen nicht mehr, wie eins, mein Herz schlägt schneller als Deins, so muss es wohl sein, so muss es wohl sein ... Damm, Damm, Damm, Damm, Damm, Damm, Damm ..."
Und jenes "Damm" empfinde ich als das Schweigen, das sie jetzt eingeläutet hat.