Eigentlich will ich nicht wissen, was ich tun soll. Ich will es nur irgendwo loswerden:
2018 hatte ich einen miesen Job, war nebenbei selbstständig und besaß ein fertig renoviertes Haus, das ich in den folgenden fünf Jahren locker abbezahlt hätte. Dann lernte ich eine Frau kennen. Sie schrieb mich an. In ihrem Online-Profil sah ich, dass sie drei Kinder hatte, und ich kommunizierte nett und höflich, dass ich leider wenig Interesse an Kindern habe, auch wenn ich ihre Interessen spannend fand. Sie antwortete ebenso nett und verständnisvoll, dass sie das nachvollziehen könne. Alles war in Ordnung, und wir hatten eine angenehme Schreibweise. Ich fand ihre Reaktion reif und schrieb hin und her mit ihr.
Tage später dachte ich: Kennenlernen kann nicht schaden. Vielleicht ist das jemand zum Reden. Bei unserem ersten Treffen fand ich sie anziehend und ließ mich von dieser Anziehungskraft mitreißen. Wochen vergingen, wir unternahmen hier und da etwas zusammen. Wir kamen näher, und ich lernte ihre Kinder kennen. Sie hatte mit den Kids ein paar Probleme und im Haushalt kam sie mit technischen Dingen nicht klar. Also half ich, wo ich konnte. Sie zog irgendwann in die Stadt, in der ich lebte. Ein Zusammenziehen kam für mich zunächst nicht infrage. Ich organisierte Freunde, die beim Umzug halfen, baute alle Möbel auf und kümmerte mich um ihren Internetanschluss. Ich mochte meine Rolle als Helfer. Ich spielte immer öfter mit den Kindern. Sie mochten mich, und ich mochte sie. Die Kleinste war zwei Jahre alt; sie nannte mich manchmal „Papa". Das mochte ich. Wir wuchsen zusammen, und plötzlich wollte ich keinen Tag mehr ohne die Kinder verbringen.
Eine Situation hat mich erkennen lassen, was in mir aufgewacht ist: Eines Tages kam die Kleinste weinend zu mir. Sie hatte sehr trockene Haut, und ihre Finger waren voll von getrockneten, aufgeplatzten Stellen. Ich verarztete ihre kleinen Finger mit vielen Pflastern. Sie suchte Trost bei mir, und das hat mir gezeigt, was ich eigentlich wirklich will.
Also habe ich mein Haus umgebaut, und wir zogen zusammen. Ihr ältester Sohn hat eine Autismus-Spektrum-Störung; deshalb war das kleine Haus mit den Kindern, die ständig laut waren, nicht der Idealfall. Durch einen Zufall fanden wir ein großes Haus für einen vergleichsweise sehr günstigen Preis. Gleichzeitig war die Zeit, in der ich mein eigenes Haus für deutlich mehr Geld hätte verkaufen können – genau so kam es dann auch. Ich gab meinen Job und meine Selbstständigkeit auf und suchte einen neuen Job mit deutlich flexibleren Arbeitszeiten. Der neue Job war gesellschaftlich und finanziell ein deutlicher Aufstieg. Wir versuchten, ein weiteres Kind in die Welt zu setzen. Es funktionierte nicht so einfach, und dann plötzlich doch. Wir heirateten, und sie gebar unsere Tochter. Wir lebten eigentlich recht glücklich.
Meine Frau wechselte die Jobs wie Unterhosen, weil sie mit nichts zufrieden war und ihr Beruf ständig gesucht wurde. Nebenbei machte sie jedoch Kunstfotografie. Sie kam in sozialen Netzwerken gut an, und dann wurde sie gefragt, ob sie Gast in einem Podcast sein wollte. Das fand sie super, und ich auch. Sie trat so gut in dem Podcast auf, dass sie schnell ins Team aufgenommen wurde und Co-Host wurde. Zwar völlig unbezahlt, aber jede Karriere fängt irgendwie an. Die Netzwerke erweiterten sich; sie fuhr zu Ausstellungen, wurde zu Events eingeladen und traf Leute in dieser Kunstszene. Ich freute mich, denn ich hatte dadurch auch etwas Zeit für mich selbst. Ein anspruchsvoller Job, vier Kinder, ein großes Haus – da ist es nicht einfach, eine Beziehung zu pflegen. Leider habe ich unsere Beziehung dabei ein wenig schleifen lassen. Wir wurden uns nicht fremd, aber gemeinsam etwas zu unternehmen, fühlte sich an wie eine Aufgabe, die man am Tag erledigen muss. Nach fast acht Jahren Beziehung war die Luft einfach etwas raus.
Ich weiß nicht, wann ich den Zeitpunkt verpasst habe, an dem die Kunst für sie die Nummer eins in ihrem Leben wurde. Vor ein paar Wochen sagte sie mir in einem eigentlich liebevollen Augenblick, dass sie dieses Leben hier nicht mehr möchte, dass sie verliebt ist. Verliebt in einen Podcast-Moderator, der sie damals eingeladen hatte. Der Mann ist 20 Jahre älter als wir, lebt in einer polyamoren Ehe, wohnt 450 km entfernt, und die beiden haben sich nur einmal gesehen – auf einer Foto-Convention, wo nichts laufen konnte. Aber per Nachrichtendienst und E-Mail lief da anscheinend schon länger etwas.
Ich meinte dazu: Kein Problem, genieß es. Es ist mir auch schon mal passiert, sich so ein bisschen zu verlieben. Das ist ein schönes Gefühl, und es passiert uns viel zu selten. Solange nichts Körperliches passiert, ist das für mich in Ordnung. Denn genauso sehe ich die Sache: Innerhalb unserer Beziehung ist mir das auch schon mal passiert. Ich habe das Gefühl kurz genossen, aber den Kontakt ziemlich schnell gekappt, bevor es körperlich wurde. Denn ich würde niemals für ein bisschen schöne Gefühle meine Familie aufs Spiel setzen.
Nach ihrem Geständnis und weiteren Aussagen mussten wir jedoch ein ernstes Gespräch führen. Und das Gespräch war gut. Wir beschlossen, an uns zu arbeiten und uns mehr um unsere Beziehung zu kümmern. Es entstand eine neue Ehrlichkeit zwischen uns, und plötzlich hatten wir den besten Sex, den wir je hatten. Doch die nächste Woche war ein Hin und Her. Irgendwann sagte ich, dass ich keine Beziehung möchte, die wir nur wegen der Kinder weiterführen, sondern eine Beziehung, für die sie sich auch, entscheidet den, nur dann hat die Ehe eine Bedeutung. Einen Tag später sagte sie, ich solle sie nie wieder berühren, und schlief in einem anderen Zimmer. Noch einen Tag später sagte sie mir, dass sie ausziehen möchte. Sie möchte Künstlerin werden. Die Familie steht ihr dabei im Weg.
Meine Welt passte nicht mehr zusammen. 20 Jahre lang habe ich keine Träne vergossen, danach weinte ich jeden Tag. Es hat mich gebrochen. In dieser Nacht habe ich in mein Kissen geschrien und darum gefleht das mich bitte jemand umarmt, mich in den Arm nimmt. In der Nacht kam meine kleine Tochter zu mir, legte sich auf meine Brust, legte ihre Ärmchen um meinen Hals und schlief einfach weiter. Das war der Moment, an dem mir klar, wurde das, ich jetzt konsequent sein muss.
Ich habe klargestellt, dass ich es allein mit vier Kindern nicht schaffen werde. Nach mehreren verschiedenen Modellen und Überzeugungsversuchen haben wir uns darauf geeinigt, dass der älteste Sohn auszieht und anfängt, selbstständig zu leben. Die zwei mittleren Kinder (15 und 9) ziehen mit ihr in eine Wohnung in der Nähe. Unsere gemeinsame kleinste Tochter bleibt bei mir; ich bleibe im Haus, sie zieht weg. Sie geht diesen Schritt, damit die kleinsten Kinder sich nicht auseinanderleben. Immerhin.
Vor zwei Tagen habe ich mit einem Therapeuten in einem Kriseninterventionsgespräch gesprochen. Er sagte mir, dass nach meinen Darstellungen diese Ehe niemals eine Chance auf eine feste, intakte Familie hatte. Er erklärte mir ein Muster, das perfekt auf eine Kombination aus Autismus-Spektrum-Störung und ADHS passt. Die Kernessenz ist: Damals hatte sie einen Hyperfokus auf die Familie, und ich war deswegen sehr nützlich. Das war kein beabsichtigtes Ausnutzen, sondern ihre Liebe funktioniert für den Menschen, der für sie am nützlichsten ist. Genau dieser Platz hat gewechselt. Der Podcast ist für sie jetzt viel nützlicher, weil der Hyperfokus aktuell auf Kunst und Karriere liegt. Die Familie ist dabei eine sehr enge Pflicht geworden.
Seitdem ich das weiß, geht es mir wirklich viel besser. Wir müssen natürlich noch die Scheidung und die Finanzen regeln, aber wir reden cool miteinander. Trotzdem war es schmerzhaft, was ich durchgemacht habe. Denn die Kinder werden für immer meine Familie bleiben. Meine Tochter bleibt bei mir. Aber ich habe die Stabilität der Familie verloren, von der ich immer dachte, ich sei für diese Stabilität verantwortlich. Ich habe in einen Augenblick den Menschen verloren, mit der ich alles geteilt habe und alles bei ihr losgeworden bin. Das tut immer noch weh. Ich weiß gar nicht, was ich allein mit meiner Tochter in diesem riesigen Haus soll. Ich weiß noch nicht, ob ich es allein mit ihr schaffe. Zurzeit baue ich mir gerade Netzwerke auf, die mir behilflich sein werden. In diesem Haus ist noch so unglaublich viel zu tun. Die Energiekosten sind die Hölle.
Ich glaube daran, dass der Therapeut recht hat. Denn wenn es nicht so ist, wie er es dargestellt hat, dann bin ich einfach nur der Packesel, der die letzten Jahre ausgenutzt wurde. Wenn es so ist, wie er es sagt, dann bin ich zwar ebenfalls der Packesel, aber ich wurde nicht bewusst ausgenutzt, und ich muss diese Zeit in guter Erinnerung behalten, so wie sie war.
Am liebsten würde ich jetzt 450 km fahren und dem Podcast-Moderator klarmachen, dass er eine Familie zerstört hat. Auch wenn sie schuld ist. Er hat nun einmal an einer verheirateten Frau Interesse gezeigt. Nicht nur das, er hat mich mal Interviewt und mich dabei viel über unsere Ehe ausgefragt, obwohl es eigentlich über meinen Beruf ging, das fand ich damals irrelevant, heut sehe ich das anders. Aber ich will noch nichts riskieren, solange die Scheidung nicht durch ist. So etwas kann später gegen mich verwendet werden. Gleichzeitig sollte ich meine Energie jetzt auf meine Tochter und unser weiteres Zusammenleben verwenden. Ich muss es irgendwie schaffen, meinen Beruf auszuüben, sie gut zu versorgen und dieses Haus zu renovieren. Denn das braucht es.
Zwei Sachen habe ich bei der ganzen Geschichte gelernt, die ich jedem geben möchte, der bis hierhin gelesen hat:
1. Wenn ihr vieles tut und dafür von eurer Frau geliebt werdet, dann kann es passieren, dass ihr irgendwann nur noch aus Dankbarkeit geliebt werdet. Das hat keinen Bestand.
2. Gegensätze ziehen sich an, aber Gemeinsamkeiten sind deutlich wichtiger.