Zitat von carlos7: Was bei all dem der schwierigste aller Punkte ist: Sich bewusst von Konventionen und gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. Das haben wir total unterschätzt. Dieses "so muss es eigentlich sein" sitzt tief in mir und meiner Frau drin. Nach wie vor fühle ich mich extrem unwohl, jemandem zu erzählen, dass meine Frau einen dauerhaften Zweitpartner hat. Ich habe das Gefühl, dass mir stets ein Gefühlsmix aus Mitleid, Abwertung meiner Männlichkeit und Unverständnis entgegenschlägt.
Erst einmal finde ich es gut und für uns, die dich schon so lange begleitet haben schön, das du
dein virtuelles Tagebuch wieder neu gefüllt hast. Auch wenn es keine großen Neuigkeiten gibt,
so hat mich dein Post dennoch berührt, weil neben dem Positiven, zwischen den Zeilen lesend,
es in Teilbereichen eben doch nicht so gut und toll ist.
Dass du die Konventionen und gesellschaftlichen Zwänge total unterschätzt hast, war eher das
nicht wahrhaben wollen, da du oft vielfach in deinem Thread oft und eindringlich darauf hingewiesen
wurdest. Deine eigene Erfahrung hat die Richtigkeit bestätigt.
Zitat von carlos7: Man wird plötzlich zum Außenseiter. Erstaunlicherweise tut sich meine Frau leichter damit. Während ich damals notgedrungen einen Kollegen eingeweiht hatte (der meine Frau händchenhaltend mit dem Schreiner sah), hat meine Frau zuerst unseren DrVater und inzwischen die engsten Kollegen am Institut eingeweiht. Inzwischen verbringt sie manche Mittagspause mit Kollegen + Schreiner.
Diese Entwicklung ist folgerichtig und wurde von dir entweder so gefördert, gewollt, oder aber durch
deine Frau geschickt so eingefädelt und gesteuert.
Zitat von carlos7: Ich kann inzwischen gut nachvollziehen, dass sie queere Menschen nicht outen wollen oder sich sehr schwer damit tun. Dieses Gefühl, anders zu sein, Außenseiter zu sein, gegen Konventionen zu verstoßen, klingt zwar aufregend rebellisch, aber in Wirklichkeit ist es einfach nur sehr belastend.
Damit wirst du und deine Frau umgehen müssen, da Ihr euer Eheschiff in dieses Gewässer bewusst
gesteuert habt. Ich denke, das ist selbst gewählt und damit Teil der damit verbundenen Auswirkungen.
Das hätte man auch diskreter halten können. Dennoch, ich halte offen damit umgehen für richtig.
Eure beiden Kinder hingegen konnten sich nicht entscheiden und sind dennoch Teil eurer gesell-
schaftlich im mini kleinen Randbereich angesiedelte Beziehungsart.
Und genau das was du beschreibst könnte, da der Kreis der Wissenden in eurem Umfeld mittlerweile
bereits recht groß ist, noch zu einem nicht zu unterschätzenden Problem werden. Vermutlich ist es
nur noch eine Frage der Zeit, bis das in der Schule oder über einen anderen Weg, den Kindern - in
welcher Form auch immer - bekannt wird. Für eure Kinder könnte das, sie sind in einem Alter wo
beide das vermutlich verstehen und bereits zuordnen können, zumal wenn damit hänseln etc. ver-
bunden sein sollte, etwas mit den Kindern - nicht vorhersehbar - machen..
Meine Frage: Willst du/ihr vorbeugend mit den Kindern und Altersgerecht zeitnah offen reden, oder
darauf hoffen, dass sie das möglichst noch lange Zeit nicht über andere Wege erfahren? Ich weiß,
eine unangenehme Frage. Ich halte das jedoch für wichtig und richtig, da das jederzeit nun passieren
kann, dass die Kinder von dir/euch altersgerecht informiert werden.
Die zumindest angedachte Patenschaft sehe ich auch mit gemischten Gefühlen. Allerdings ist das
für mich ein Nebenkriegsschauplatz. Die ZW-BZ deiner Frau mit dem Schreiner wurde immer mehr
und beständig aufgewertet und steht jetzt - zumal nun weitestgehend öffentlich geworden - quasi
gleichberechtigt zur Haupt-BZ. Ja, deine Frau hat sich selber viel zugemutet und ja das kann/wird
zunehmend zur, nicht nur empfundenen, Belastung. Das war aber von Anfang an klar. Ihr einen
eigenen Freiraum zu verschaffen, wird wohl nur zu Lasten der eigenen Ehe/Kinder/Familie gehen.
Das wird vermutlich genau so kommen, weil sie nach meiner Einschätzung die BZ zum Schreiner
nicht mehr aufgeben wird. Und ja, lieber Carlos, die Risiken, die du insgesamt eingegangen bist,
waren dir alle bekannt und ja, gebe es die Kinder nicht, hätte es vermutlich eine andere Entwicklung
bei euch gegeben. Ich wünsche dir, dass diese seit Mitte Januar 2025 bestehende gute Phase
weiter anhält.
Carlos, dir und deiner Familie alles Gute.