Liebe KBR, jetzt wirst du aber etwas unfair, das, was die beiden da tun, ist wohl mit Tötungsdelikten wohl nicht zu vergleichen. Sie schädigen keine Dritten, das ist mE doch noch ein großer Unterschied. Und das Kinderargument lass ich nicht gelten, denn schließlich kann man nicht nur verhüten, diesem Argument folgend müsste ich jedem mit einer Erbkrankheit Beziehungen verbieten, da daraus ungesunde Kinder entstehen könnten. Und kranke Kinder als unter allen Umständen als zu vermeiden anzusehen, ist moralisch fragwürdig, denn diese sind ebenso ein Gewinn und Geschenk für uns.
Zudem kommt, dass es wohl nur wenige gibt, die immer absolut gesetzestreu sind. Ja, ich gestehe, ich habe schon mal das Geschwindigkeitslimit überschritten und vermutlich auch Ruhestörung begangen, verurteilt mich. Zurecht übrigens, denn das ist für Unbeteiligte deutlich gefährlicher bzw sind mehr betroffen, als was die beiden da tun. Hier haben wir regelmäßig Gras Raucher, Leute, die von Schlägereien berichten, etc da wird komischerweise selten die Illegalitätskeule geschwungen. Und ganz ganz abgesehen davon, sollten wir hier in unserer Erinnerungskultur durchaus wissen, dass Gesetze kritisiert werden sollten als auch müssen. Das ist einer der großen Vorteile einer Demokratie, dass man das kann und auch tut.
Meine moralische Empörung hält sich also genauso wie der Umstand, dass ich jedes aktuelle Gesetz für sinnvoll und durchdacht finde, in starken Grenzen. Da empören mich ganz andere, und davon gibts ohnehin schon genug. Mit wem zwei erwachsene Menschen freiwillig eine Beziehung eingehen und was die dann im Bett so treiben, geht meines Erachtens niemanden, schon gar nicht den Gesetzgeber etwas an.
Und was in unserer Gesellschaft los wäre, wenn es dieses Gesetz nicht gäbe? Vermutlich nicht wirklich etwas. Wie oft kommt das denn schon vor, dass sich jemand in seine Schwester und sie sich in ihren Bruder verknallt? Da gibts in ganz D vielleicht 10 Betroffene, wenn überhaupt. Denn auch die Franzosen oder Niederländer stürzen sich jetzt nicht mehr oder weniger in Liebschaften mit ihren Geschwistern. Aber gut. Ich habe wegen einem Anlassfall in der Zeitung länger darüber nachgedacht, auch etwas mit mir gerungen und bin eben für mich zu solchen Schlüssen gekommen, dass andere das anders sehen, ist genauso legitim.
Und um das klarzustellen, seltsam finden das wohl die meisten, genauso wie ich, aber strange finde ich so einiges, wofür es Gesetze oder wogegen es keine Gesetze gibt. Für sowas ins Gefängnis zu wandern oder vorbestraft zu sein, halte ich für unverhältnismäßig. Immerhin drücken wir und der Staat bei Kinderehen ja auch beide Augen zu - obwohl wir an sich Gesetze dagegen hätten. Da brauchen wir uns jetzt bei den paar Erwachsenen, die nur etwas näher miteinander verwandt sind als erlaubt, auch nicht übertrieben moralisch geben.
Der TE hat halt das Pech, dass er jemand von den paar Einzelfällen kennt, der ihm sehr nahe steht. Aber wenn er ihm wirklich nahe steht, wird er sich bemühen müssen, das zu akzeptieren. Dh nicht, keine Meinung haben und sagen zu dürfen, aber ich muss schon auch die Entscheidungen meiner Freunde respektieren, das sind auch erwachsene Menschen - und haben vielleicht auch mehr Recht als ich. Wir akzeptieren bei guten Freunden ja so einiges, auch über die Gesetzesgrenzen hinaus. Ich fand den Vorschlag gut, dass sich der TE überlegen soll, ob er bei anderen Gesetzesübertretungen wie zB küffen, auch so reagieren würde. Wenn nicht, dann ist das Illegalitätsargument vielleicht nur ein Scheinargument, um seine moralische Empörung eine Handhabe zu geben. Wenn man jeden Gesetzesübertritt seiner Freunde mit nachhaltiger Verachtung straft, sieht die Sache wieder anders aus.
Moralische Überlegungen fangen für mich erst wirklich dann an, wenn man wissentlich andere existierende Menschen physisch, psychisch oder wirtschaftlich schädigt. Das trifft für mich auf die beiden einfach nicht zu und deshalb lenke ich meine moralische Empörung lieber auf Menschen, die wirklich Opfer hinterlassen. Davon gibts - wie gesagt - ohnehin genug.