Moin Evan,
ich finde, dass du bisher unglaublich viele hervorragende Beiträge und Ratschläge bekommen hast. Und es scheint so, dass du dadurch auch schon aus der gedanklichen Sackgasse heraus kommen konntest, in der es nur das Irgendwie-Durchhalten gab. Du kannst also schon den Gedanken zulassen, deinen Schmerz durch eigenes Handeln zu minimieren. Und in dem Moment, in dem du das für möglich halten kannst, hörst du auf, nur Opfer zu sein und kannst nach deinen Täter-Möglichkeiten Ausschau halten.
Interessant ist, dass auch deine Frau sich weniger als Täter denn als Opfer zu fühlen scheint. Und das ist in solchen Situationen nicht ungewöhnlich. Sie hatte dir versprochen die Affäre zu beenden:
Zitat:>>Nach einem gemeinsamen Paarwochenende mit therap. Unterstützung hat sie gesagt, dass sie sich von dem "Zweitmensch" trennen muss, das sei ihr nun klar.<<
Soweit die verstandesmäßige Schlussfolgerung aus dem, was an beim Paarwochenende an Einsichten von ihr gewonnen wurde. Das, was sie an Gefühlen für den anderen erzeugt und gepflegt hat, ließ sich aber auch durch diese klare Kopfentscheidung nicht umsetzen. Und das führt in aller Regel zu einem Opfer-Gefühl dessen, der ja eigentlich Täter ist. Dieses Phänomen ist sehr häufig zu beobachten, denn die darin lebenden Protagonisten wollen ja eigentlich etwas anderes als das, was sie tun. Deine Frau will dir nicht weh tun, muss aber erfahren, dass sie die Trennung vom Geliebten nicht schafft. Also konstruiert sie die Formulierung vom der Polyamorie. Die gibt es nur dann, wenn beide Partner polyamor leben wollen und können. Und da erinnere ich mich an keine Beispiele, in denen das Bestand gehabt hätte.
Das, was sie vorgeschlagen hat, war also mehr eine Verzweiflungshandlung. Weil sie nicht genügend Leidensdruck hat, um für sich eine klare Entscheidung für oder gegen dich zu treffen.
Wir haben es nun also vertrackterweise gleich mit zwei Opfern zu tun, mit dir und mit deiner Frau. Sie ist zwar in der Außenbetrachtung Täter, will das aber gar nicht sein. Du aber willst bisher nicht Täter sein, sondern verharrst in deiner Opferrolle. Wenn man das zu lange tut und diese Rolle instrumentalisiert oder sich darin einrichtet, nimmt man sich sehr viel Lebensqualität. Langer Rede kurzer Sinn: Du musst bereit sein zu handeln und dann auch die Konsequenzen deines Handelns zu akzeptieren. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten:
Du kannst deiner Frau sagen, dass du ab sofort getrennte Wohnungen willst und dir anwaltliche Hilfe wegen bevorstehender Scheidungsformalitäten holen wirst. Dann ist der Zustand der doppelten Opfer beendet. Das bedeutet allerdings, dass DU dich trennst, nicht sie. Sie hat nur den Anlass geliefert.
Oder du kannst deiner Frau sagen (wie es hier schon angesprochen wurde), dass sie innerhalb einer kurzen Frist von einigen Tagen ihre Entscheidung für einen von beiden Männern fällen MUSS. Klar und ohne jede Hintertür. Das erzeugt dann den nötigen Leidensdruck, das sie sich klären und erklären muss. Das bedeutet, dass SIE sich dann trennen würde. Entweder vom Geliebten oder von dir.
Und dazu ein konkreter Vorschlag: versuche zwischen diesen beiden Alternativen innerhalb einer Viertel- oder halben Stunde auszuwählen. Wenn du länger wartest, wird es nicht einfacher. Was von den beiden Möglichkeiten fühlt sich also besser an, logischer nachhaltiger? Wenn DU dich trennst oder wenn SIE sich trennt?
In dir gibt es zwei Denksysteme, ein schnelles (Herz) und ein langsames (Kopf). Das langsame hat nun wochenlang abgewogen und es hat keine Entscheidung gebracht. Das schnelle kann das in wenigen Minuten. Also frage es.
Es geht ja aktuell darum, dich aus der Lethargie und dem Aushalten zu befreien. Dazu musst du tätig werden, eine Entscheidung treffen oder deine Frau dazu bringen eine Entscheidung zu treffen. Und wie diese Entscheidung bei ihr aussehen kann, hängt stark damit zusammen, ob ihr Affärenmann selber frei ist (und dann mit ihr leben will) oder nicht.
Zitat:>>Ja, und ich sitze hier, heule in regelmäßigen Abständen Rotz und Wasser, und kann die Situation so einfach nicht mehr ertragen. Ich will da raus und denke ernsthaft an Trennung. Und sobald ich daran denke, merke ich, wie viel Liebe noch da ist und ich sie nicht verlieren will.>>
Um es hart zu sagen: Du kannst sie nicht VERLIEREN, weil du sie nicht BESESSEN hast. Ihr seid ein langes Stück eures Lebensweges miteinander gegangen. Und jetzt (an einer Sollbruchstelle, an der viele Beziehungen beendet werden) fällt die Entscheidung, ob ihr auch das nächste Stück miteinander geht oder nicht. Wenn es gelingen sollte, wird das eh völlig anders als das bisherige. Weil ihr als andere Menschen aus dieser Situation heraus kommt.
Zitat:>>Auf der anderen Seite kann ich so aber auch nicht weiter. Es scheint ausweglos. und ich weiss ehrlich gesagt nicht mehr ein noch aus - es soll nur alles wieder so sein wie früher. .<<
Bitte lass unbedingt diesen Gedanken gehen. Es ist unmöglich, dass alles wieder wird wie früher. Und es ist auch nicht erstrebenswert. Denn aus dem, was früher war, ist ja bei deiner Frau das Bedürfnis entstanden fremd zu gehen. Ihr würdet euch in diesem Fall ja neu füreinander entscheiden. Und zwar ganz oder gar nicht.
Zitat:>>Aber auch das geht nicht mehr, da ich bei jeder Berührung sofort an den anderen denke, mein Misstrauen so stark gewachsen ist, der Vertrauensverlust so furchtbare Folgen für mich hat.<<
Da möchte ich dich gern beruhigen, denn ich weiß, dass das kein Hinderungsgrund sein muss und dass das von vielen Paaren bei einem Neubeginn geschafft wurde. Ich habe hier schon mehrfach darüber geschrieben, inwiefern sich das neue Vertrauen von dem alten unterscheidet. Und dazu können auch diejenigen etwas schreiben, die einen solchen Neuanfang selber geschafft haben.
Vielleicht kannst du damit beginnen, dich zu einer Entscheidung durchzuringen, wie es weiter gehen könnte. Siehe oben.