Apex77
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Da bin ich nun. Am Ort, an dem wir alle nie sein wollten, aber es ist gut dass ihn/euch gibt. In den letzten 12 Wochen war ich eine stille Mitleserin und habe von euren Anregungen, Gedanken und kritischen Fragen schon sehr profitiert. Vielen Dank.
Ich schreibe hier meine Geschichte auf, weil ich das Gefühl habe, dass meine Freunde zwar zuhören und trösten wollen, ich aber auch weiß, dass alle froh sind, dass der EX weg ist. Rational kann ich dem auch folgen, nur das blöde Herz….
Es ist also der Versuch, mein Chaos im Kopf zu sortieren. Einen Abschluss zu finden. Es ist wirr und sehr, sehr lang geworden.
Zu mir 47w: mit meinem 10 jährigem Kind lebe ich im Wechselmodell. Habe beruflich eine verantwortungsvolle Position und arbeite Vollzeit. Körperlich geht es mir nicht so gut, mehrere Rücken OPs, Bewegungseinschränkungen und häufig Schmerzen. Nach dem Tod meiner Eltern kam ich nicht gut klar und rutschte in eine Depression, die medikamentös gut eingestellt ist. Der Vater meines Kindes und ich sind i.d.R. ein gutes Elternteam. Wir waren elf Jahre zusammen, davon sechs Jahre verheiratet.
Drei Jahre nach der Trennung lernte ich einen Mann kennen. Er ist 2 Jahre jünger, geschieden, 2 Kinder. Dazwischen gab es niemanden.
Von Anfang an war die Beziehung sehr intensiv, emotional, tiefe Gespräche, viel gelacht, sehr körperlich. Ich habe mich als Mensch und Frau wahrgenommen gefühlt. “Endlich angekommen."
Gleichzeitig stand ich von Beginn Erwartungen ggü., die ich nicht erfüllen konnte oder wollte oder noch nicht wollte (seine Familie kennenlernen, sein Liebesgeständnis nach 8 ! Tagen, unsere Kinder kennenlernen lassen, Pläne für gemeinsamen Familienurlaub, Zusammenziehen, Heiraten, zusammen altwerden).
Mir war das Tempo zu rasant, ich wollte die neue Beziehung langsam angehen.
Er warf mir vor unser Leben künstlich bremsen zu wollen. Habe nicht auf meinen Bauch gehört und mich von seinen Argumenten überzeugen lassen. War jedoch ein Punkt abgearbeitet, kehrte keine Ruhe oder gar Zufriedenheit ein, sondern es galt das nä. Ziel zu erreichen. Ich meinte mal, es sei wie im Computerspiel. Next Level.
Häufig hatte ich das Gefühl nicht zu genügen. Seine Erwartungen nicht erfüllen zu können -ohne aber diese Erwartungen zu kennen.
Der überwiegende Teil des Alltags war wunderbar, wir hatten richtig viel Spaß, er hat mich unterstützt (wurde operiert, war in Reha) und ich ihn, wenn er mich brauchte. Wir haben so viel gelacht, er hat einen wunderbaren Humor, geknuddelt, mein Kind hat ihn so gemocht.
Aber immer wieder brach ein Vulkan aus.
Es gab keine Diskussion, sondern immer extremen Streit. Es war kein Austausch auf Augenhöhe. Es war eine Aneinanderreihung von Beleidigungen, Erniedrigungen, Vorwürfen, die ich wortreich widerlegte. Ich war häufig sehr verletzt von seinen Worten, irgendwann wurde ich dann auch sauer und pampte ab dem Zeitpunkt zurück oder so verletzt, dass ich nicht mehr reden konnte. Häufig endete es mit seiner Drohung, dass es dann alles keinen Sinn mache und die Beziehung wohl beendet sei oder der Frage, ob ich Schluss machen wolle. Am Anfang bin ich auch blöd in diese Falle getappt und wollte natürlich nicht, dass wir uns trennen und habe eingelenkt. Aus welchem Grund auch? - es waren ja nur Kleinigkeiten.
Er war extrem eifersüchtig, z.b. weil ich mit einer Freundin auf einem Konzert eine Strophe eines Liedes gemeinsam sang, er war eines morgens zu tiefst verletzt, weil ich nach dem Aufwachen der maunzenden Katze auf dem Teppich ZUERST meine Aufmerksamkeit schenkte, weil ich auf dem Weg zu ihm, mich in einem Bus mit einem MANN (!) unterhielt und es naiv einfach erzählte. Diese und andere “Männergeschichten” waren übrigens mind. jeder 3. Eskalation wieder Thema. Grundsätzlich sei ich ja auf Grund meiner Vergangenheit* nicht wählerisch und würde jeden ranlassen. Das tat sehr weh.
(*In der Sturm- und Drangphase vor 2002 habe ich viel geknutscht und 2 one night stands gehabt. Mit 24 war dann “Ruhe”. Seither hatte ich insgesamt 3 Beziehungen, inkl. ihm. ) … aber das Heute zählte nicht. Ich war aus seiner Sicht eine S*c*hlampe und würde es immer bleiben. Ich war bezüglich meiner "zügellosen" Vergangenheit offen, dachte mir nix dabei, als ich ihm das erzählte, warum auch? Es war ewig her und außerdem aus meiner Sicht nicht viel.
In den Ruhephasen nahm er die Beleidigungen, Abwertungen, dann immer zurück, das sei die Wut, die aus ihm spreche. Er würde in Wahrheit nicht von mir so denken…. versprach sich zu ändern, bat um Verzeihung.
Ich habe (hatte) einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Habe vor ihm sehr viel unternommen, war viel aus. Zu Beginn hatte ich nichts gegen die Zweisamkeit, dann wollte ich auch wieder raus, andere Menschen treffen. Mit ihm, aber auch alleine mit meinen Freundinnen. Vordergründig ok, er wünschte mir viel Spaß, bedeutete aber immer “Stress” am Telefon oder im Nachhinein. Ich zog mich immer mehr zurück, weil mir die Kraft für Diskussionen fehlte.
Er wollte mich für sich alleine.
Ich merkte, wie unfassbar zermürbend es immer mehr wurde -ich wollte Ruhe, Abstand. Er nicht, gab mir Abende mit me time, an dem wir dann aber mehrere Stunden telefonierten. Ich schaffte es nicht meine Grenzen zu halten, da er sich jedesmal ungeliebt fühlte, wenn ich das Telefonat kurz halten oder überhaupt nicht telefonieren wollte.
Nach einer Ohrfeige anfang diesen Jahres trennte ich mich, war geschockt. Vor drei Jahren war ich noch überzeugt, niemals jemanden nach einem Gewaltakt wieder in mein Leben zu lassen. Tat es dann doch. Ich liebte ihn, vermisste ihn. Hasste die Einsamkeit. Nach der Versöhnung war ich sehr vorsichtig,
Es war wochenlang schön, sehr innig (haha, weil fast völlig isoliert). Die ohrfeige nicht vergessen, aber er begann eine Therapie und ich dachte, jetzt wird alles gut…. nicht.
Dann fing alles von vorne an. Die Streits wurden wieder mehr, obwohl ich mich immer mehr verbog. Kein Chor, kein Sport. Versuchte den kräftezehrenden "Diskussionen" aus dem Weg zu gehen, indem ich kein “Fehlverhalten” zeigte. Nicht zu spät von der Arbeit kommen.
Meinen Freunden konnte ich nicht sagen, wie es zu dem Zeitpunkt wirklich war, ich wollte doch allen zeigen, dass er nicht “so einer” ist.
Beim Schreiben fühle ich gerade wieder die Verzweiflung , die während der "Diskussionen" in mir war. Mir fehlt hier echt die Logik, das alles Nachvollziehen zu können.
Vor zwölf Wochen habe ich es dann beendet. Er war sauer und fühlte sich zurückgesetzt, weil er mir den Rücken vor dem Schlafengehen massiert hat und ich …. eingeschlafen bin. Er weckte mich und hielt mir vor, dass ich das Schlafen spiele, um nicht Zeit mit ihm zu verbringen zu müssen. Danach konnte ich nicht mehr. Es würde sich nie ändern.
Mein Kopf kommt damit gut klar. Mein Herz trauert und ich vermisse ihn. Bei meiner alten Psychologin hatte ich jetzt zwei Sitzungen, dann erstmal nur zwei weitere und dann gucken wir, was ich brauche.
Mittlerweile hält er sich seit 3 Wochen an mein ausgesprochenes Kontaktverbot. Die letzten Male habe ich nicht reagiert. So wie er drauf war, halte ich dennoch immer die Augen offen, ob ich ihn oder sein Auto sehe. Ich habe Angst, ihm zu begegnen, mich wieder belabern zu lassen. Traue mir selbst nicht mehr.
#Kann ich mir verzeihen, dass ich nicht auf mich aufgepasst habe?
#Dass ich jemanden in die Nähe meines Kindes gelassen habe, der mir ggü. psychische und einmal physische Gewalt angetan hat? Zwar nie in ihrer Gegenwart, aber ich wusste ja trotzdem darum.
habe ich das so lange mit mir machen lassen?
konnte ich meine Grenzen zwar formulieren, aber nicht halten?
#Was hat mich in dieser Beziehung gehalten?
#Wie bleibe ich stark, wenn er mich gerade in einem einsamen Moment erwischen würde?
Eine gute Nacht.
Gretchen