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CI - mein Weg in ein Leben 4 0

thegirlnextdoor


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Deine Schilderung ist Wahnsinn. Sowohl was dir passiert ist als auch wie du die Ereignisse und deine Wahrnehmung schilderst.
Du könntest ein Buch darüber schreiben, ernsthaft.
Du kannst unglaublich gut schreiben!

12.05.2022 13:28 • x 3 #16


n3xst

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18.01.2022
Es ist mitten in der Nacht. Der Schädel spielt komplett verrückt. Ich kann nicht schlafen. Kopf links legen tut weh, Kopf rechts legen tut weh. Auf den Hinterkopf legen geht überhaupt nicht . Hatte da nicht einer was von einem Bruch erzählt? Muss ich jetzt in einer bestimmten Position schlafen, damit es nicht noch schlimmer wird?
Ich drücke den roten Knopf und die Schwester hängt einen neuen Tropf an. Schlafen geht trotzdem nicht.

Der Schmerz lässt nach. Es gibt zu viele Gedanken, die mich plötzlich beschäftigen. Mein Gehirn arbeitet auf Hochtouren und die Gedanken sind klar und deutlich.
Ich wurde angegriffen? Von wem? Wieso? Wer hat den Rettungsdienst gerufen? Wie bin ich von D***ln nach Leipzig gekommen? Was genau ist denn überhaupt los mit mir? Wann weiß ich, ob ich über den Berg bin? Wo sind eigentlich meine Sachen? Ich trage ein OP-Hemd. Handy, Schlüssel, Brieftasche? Wann wird das Ohr wieder besser?
Werde ich jeh wieder laufen können - oder meine Gedanken im Gehirn zu normalen Worten formen?

WIE GEHT ES WEITER?

Endlich geht das Licht an. Blutdruck messen. Blut ziehen. 38.
Frühstück. Ich habe seit Freitag Mittag nichts gegessen. Keinen Appetit. Auch jetzt nicht.

Visite. Ein ganzer Tross aus Ärzten und Studenten steht bis in den Flur hinaus. Ich liege hier, wie ein Ausstellungsstück. Es wird geredet - ich verstehe kein Wort. Ich möchte wissen, wie es um mich steht. Das Kauderwelsch, das aus mir rauskommt - ich habe mir doch extra etwas zurecht gelegt - versteht kaum jemand. Ich ja nichtmal selber. Einer der Ärzte greift es auf. Sie werden weiter beobachtet. Wenn es ihnen schlechter geht, dann klingeln sie bitte. Eine Aussage wie in Gummiband.

Der Vormittag zieht sich. Ich schlafe immer wieder kurz weg.
Ein junger Mann kommt herein. Physiotherapeut. Ob ich mich aufsetzen kann, möchte er wissen. Im Bett geht das. Ich brauche den Spuckbeutel gar nicht... Fortschritt. Er hält seine Hände an meine Füße. Ich soll dagegendrücken. Fester. 2 - 3 Mal, dann sinke ich völlig erledigt zurück. Er möchte morgen wiederkommen.

Ich werde wieder mit meinem Bett durch die Gegend geschoben. Gänge. Flure. Lampen an der Decke. Das kenne ich schon. Gleich kommt das Gerät, wo ich hineingeschoben werde. Richtig. Dann geht es zurück.

Das Mittag steht ungefragt auf dem Nachttisch. Essen geht nicht. Keinen Appetit. Schlafen.

Wieder ist es meine Mutter, die mich weckt. Ich setze mich auf. Sie strahlt. Sie hat mit den Ärzten gesprochen. So schlecht sieht es nicht aus - zumindest besteht keine akute Lebensgefahr mehr. Genaueres zu sagen ist derzeit noch nicht möglich. Es weiß also immer noch keiner, ob ich das nun wirklich überlebe?
Ich sei in besten Händen sagt sie und verabschiedet sich mit Tränen in den Augen. Fck. Warum weint sie?

Abendessen. Nein, danke! Meine Gedanken rotieren immernoch. Wenn du jetzt einschläfst, wachst du Morgen auf und dieser böse Traum ist endlich vorbei!

Heute Abend bekomme ich Tabletten. Schmerzmittel. Keinen Tropf mehr. In der Schachtel sind auch noch zwei für die Nacht. Auf geht's. Einschlafen. Aufwachen. Zu Hause. In meinem Bett. Hörend. Gesund. K. im Arm halten und wieder glücklich sein.

13.05.2022 12:38 • x 4 #17



CI - mein Weg in ein Leben 4 0

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@n3xst, ohne Tränen nicht zu lesen, trotzdem nochmal danke fürs Teilen deiner Geschichte.

13.05.2022 13:33 • x 3 #18


n3xst

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19.01.2022
Wieder dröhnt der Schädel. War da nicht was? Ich nehme die zwei Tabletten. Es dauert eine Weile, dann schlafe ich wieder ein.

Da wackelt jemand an mir. K., die mich weckt. Zeit auf aufzustehen. Kaffe trinken, eine rauchen. Ein Kuss und dann auf Arbeit.
Ich öffne die Augen. Das ist nicht unser Schlafzimmer. Das ist nicht K. Doch kein Traum. Ich versuche mich etwas zu sortieren.

Die Schwester misst den Blutdruck. Blut ziehen. 38.
Frühstück? Mir ist flau im Magen. Appetit habe ich nicht.

Visite. Mir ist heute nicht nach Fragen stellen zu Mute. Ich lasse das über mich ergehen. Verstehen kann ich wieder nichts von dem, was gesagt wird. Alle reden durcheinander. Liegt es vielleicht daran?

Die Rettungssanitäter kommen. Steht es so schlecht um mich? Ach, warte mal. Das sind die vom Fahrdienst. Mit ihrer Unterstützung schaffe ich es auf die andere Liege. Naja. Es ist eine Trage. Eng. Hart. Kann mich gar nicht erinnern, dass das Montag auch schon so war. Ich werde also wieder zur HNO gebracht?

Ich möchte heute nicht reden. Zu sehr bin ich enttäuscht, dass dieser böse Traum gar keiner ist. Außerdem käme eh nur Blödsinn raus. Der Fahrdienst, die Schwestern und Ärzte können ja gar nichts dafür. Sie geben ihr Bestes - davon bin ich überzeugt! Will ich das überhaupt? Will ich nach diesem Aufwachen in der Realität nicht lieber wieder einschlafen, meine Augen geschlossen halten und den Kopf für immer ausschalten?

Wir sind schon da. Fr. Dr. X lächelt mich an. Sie schon wieder?! Na sie hat wenigstens Humor. Was hat sie da hinter den Ohren? Ein komisches Gerät steckt sie mir erst in das eine, dann in das andere Ohr. Trommelfell sieht rosig aus. Rosig? Ist das gut oder schlecht? Es bedeutet, dass das Trommelfell völlig in Ordnung ist, mehr nicht.

Es fällt mir immer leichter, meine vorbereiteten Sätze auszusprechen. Oft suche ich nach Worten. Kann jetzt wirklich jemand etwas damit anfangen, oder ist das immernoch gequirlter Unfug, den ich von mir gebe? Dr. X scheint es zumindest zu verstehen. Fortschritt?

Sie schiebt mich persönlich in die Audiologie. Die zwei Audiologie-Assistentinnen vom Montag sind wieder da. Es wirkt schon fast ein wenig vertraut. Heute wird es besser, als beim letzten Mal!
Die Untersuchungen sind die gleichen.
Straßenlärm aus den Lautsprechern. Sätze, die ich nicht verstehe. Kopfhörer aufsetzen, Töne einspielen. Diesmal erst links. Geht richtig gut.
Jetzt rechts. Nichts. 0 Komma 0. Njente. Nitschewo. Es ist Totenstille. Ich kann meinen Atem hören. Spüre meinen Pulsschlag und wie mein Herz unaufhörlich seinen Dienst verrichtet. Nur die Töne höre ich nicht!

Das flaue Gefühl im Magen krampf sich um meine Brust. Dieser furchtbare Traum geht weiter. Wenn ich nur fest daran glaube...? Nein. Es ist die Wirklichkeit. Es ist Realität. Ich sitze in dieser Achterbahn und kann nicht mehr aussteigen. Runde um Runde um Runde. Spuckbeutel? Danke! Die gibt es hier zum Glück überall. Eine Schwester kommt hereingerannt. Hängt mir einen Tropf an.

Ich sehe mich von außen auf dieser Trage liegen. Ein Wrack. Nur noch eine Hülle, die aufgehört hat zu funktionieren. Dieser leblose Körper existiert nur noch auf dem Papier. Ist es nicht genau das, was ich wollte?! Kann sein.

Ich öffne die Augen. K. steht weinend am Bett. Sie hat die Augen zu und hält meine Hand. Wispert leise etwas vor sich hin. Wieder eine Maschine, die rhythmisch vor sich hin piept. Der Ton wird schneller. K. drückt auf den roten Knopf. Eine Schwester kommt. Schiebt K. beiseite. Willkommen zurück! sagt die Schwester. Schön, dass sie sich entschieden haben bei uns zu bleiben. K. schluchzt und lächelt gleichzeitig.
Die Schwester sagt noch etwas und verschwindet. K. sinkt mit ihrem Kopf auf meine Brust und sagt ganz leise, von Tränen erstickt Danke...

Man wollte sie nicht zu mir lassen. Niemand redet mit ihr über mich. Wir sind nicht verheiratet. Langsam dämmert mir, was da gerade passiert ist. Meine Eltern haben K. geschickt. Sie wurden angerufen. Kritischer Zustand. Verabschieden sie sich. Ich bin ihnen dankbar, dass sie K. den Vortritt gelassen haben...

13.05.2022 13:43 • x 4 #19


n3xst

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Zitat von LikeTheStars21:
, ohne Tränen nicht zu lesen, trotzdem nochmal danke fürs Teilen deiner Geschichte.

Ich muss jetzt auch aufhören. Mir fehlt gerade die Kraft zum weiterschreiben...
Mit keiner Silbe habe ich ahnen können, was das in mir auslöst. Es tut gut, ja. Ich brauche dennoch eine Pause.

13.05.2022 13:47 • x 5 #20


Begonie


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Zitat von teardrops:
Ich bin gespannt, wie es weitergeht.
Es tut mir leid, dass du so etwas erleben musstest.
Ich hoffe, du konntest irgendwann eine Anzeige stellen.


Dem möchte ich mich anschließen. Deine Geschichte ist spannend aber auch erschütternd. Bitte weiter schreiben, wenn Du kannst! Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass man danach wieder in ein Leben wie vorher zurück finden kann.

13.05.2022 14:03 • x 4 #21


LikeTheStars21


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Zitat von n3xst:
Ich muss jetzt auch aufhören. Mir fehlt gerade die Kraft zum weiterschreiben... Mit keiner Silbe habe ich ahnen können, was das in mir auslöst. Es ...

Das war mir aber fast klar… Du musst ja auch nicht, mach einfach so, wie es dir guttut.
Ich drück dich mal.

13.05.2022 14:08 • x 2 #22


QueSeraSera


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Ich bin ganz ehrlich, ich kämpfe hier gerade, obwohl ich Dich nicht kenne und nicht extrem viel gelesen habe , mit den Tränen.

Meine PTBS ist schon sehr viel älter und hat den Ursprung in einem ganz anderen Trauma.

Wenn ich Deine Geschichte lese kann ich nicht mal erahnen wie hilflos Du Dich in der Situation und auch jetzt noch, immer wieder mal fühlen musst.

Das wollte ich Dir nur mit auf den Weg geben, ich muss hier gerade abbrechen, Das ist jetzt etwas zuviel ...

13.05.2022 14:14 • x 3 #23


n3xst

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...19.01.2022
K. sitzt neben meinem Bett und weint. Ich kann kaum etwas sagen. Mir fehlt jede Kraft. Sie erzählt, wie mein Vater sie angerufen hat. Sie selber die weite Strecke nicht fahren konnte und deswegen P. jetzt im Auto sitzt und wartet. Sie hat sich krankschreiben lassen - kommt mit der Situation nicht zurecht. Schweigen. Die Schwester kommt wieder. Die Besuchszeit ist lange vorbei. Ich liebe dich so sehr, du darfst nicht so einfach gehen - damit steht sie auf und küsst mich zum Abschied.

Ich liege einfach in meinem Bett und starre an die Decke. Es ist dunkel geworden im Zimmer. Das Gerät hinter mir piept weiter gleichmäßig vor sich hin. Ein Tropf hängt an mir.

Was war das vorhin? War ich es, der nicht mehr wollte - oder hat mein Körper aufgegeben? Weder - noch. Sonst wäre ich jetzt einfach nicht mehr da.

Zweifel, Wut, Trauer und Gefühle, von denen ich nichtmal den Namen kenne, begleiten mich in einen unruhigen Schlaf.

14.05.2022 23:37 • x 2 #24


n3xst

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20.01.2022
Müssen die einen hier immer so unsanft wecken?
Blutdruck messen. Blutziehen. 37 - irgendwas.
Keine Schmerzen gehabt diese Nacht. Zumindest kann ich mich nicht erinnern, heute Nacht wach gewesen zu sein. Der Tropf ist weg. Piep ... Piep ... Piep. Das Gerät läuft also noch.

Mir zieht es die Augen wieder zu.
Heute zwinge ich mich zum Essen. Ob ich es püriert haben möchte? Na nee. So alt bin ich doch noch nicht. Eine Scheibe Toast mit Marmelade wird für mich geschmiert. Essen fühlt sich komisch an. Der Kiefer schmerzt beim Kauen. Das erste Mal seit Freitag, dass ich im Stande bin, etwas zu mir zu nehmen.

Visite. Der Tross aus Ärzten passt wie immer nicht ins Zimmer. Leise Versuche ich gegen das Gerede anzusprechen.
Kreislaufkollaps. Herzstillstand. Wiederbelebung. Mehr verstehe ich nicht - wenn ich in diesem Durcheinander überhaupt etwas richtig verstanden habe. Was, echt jetzt? Mir wird wieder ganz flau im Magen. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich bin also wirklich noch nicht über den Berg.

Der Tross schiebt sich raus.

Die Sichtweise auf mein bisheriges Leben beginnt sich irgendwie zu verändern. Ich nehme nicht länger jeden Tag als selbstverständlich hin. Dieser eine Spruch geht mir schlagartig nicht mehr aus dem Kopf. Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter. Klischee? Abgedroschen? Das kann mich gerade Mal gerne haben. Es ist verda**t nochmal genau so!

Wieder werde ich abgeholt. Das gleiche Spiel. Gänge. Flure. Lampen an der Decke. Das mir mittlerweile Vertraute Gerät - und wieder zurück.

Eine Frau kommt ins Zimmer. Sie stellt sich vor. Ich bin nicht ganz bei der Sache. Wann und wo ich zur Reha möchte. So schnell wie möglich und so nah wie möglich an meiner Heimat. Sie kritzelt etwas, legt mir einen Zettel hin, den ich unterschreiben soll. Man, sieht meine Unterschrift komisch aus. Das ging auch schon schwungvoller und schöner.

Mittagessen. Es gibt Kartoffelsuppe. Nichts zum Kauen. Sehr gut.

Wieder schlafe ich ein.
Diesmal weckt mich der Physiotherapeut. Ich soll mich langsam hinsetzen. Geht ganz gut. Jetzt die Beine aus dem Bett und auf den Bettrand. Geht nicht so gut. Um mich herum dreht sich alles. Habe ich zu lange einfach nur gelegen? Hat da nicht einer etwas von einem kaputten Gleichgewichtsorgan erzählt?
Nicht: alles um mich dreht sich - ich schwanke. Selbst im Sitzen habe ich meinen Körper nicht unter Kontrolle. Ist das anstrengend. Ich darf mich wieder hinlegen. Wenn er morgen kommt, soll ich versuchen, mit ihm aufzustehen.

Heute besucht mich mein Vater. Er hat den Nachhilfekurs für die Lehrlinge übernommen, den ich Donnerstags gegeben habe. Vorher ist er bei mir vorbeigekommen. Praktischerweise ist das ja auch hier in der Stadt. Er ist eher sachlich. Nicht so emotional. Ich kann allerdings sehen, wie sehr es ihn beschäftigt. Er hat eine Zeitschrift mit, die er mir gibt - falls mir langweilig werden sollte.

Langweilig wird mir nicht - das Abendessen wird gebracht. Eine Scheibe Schwarzbrot mit Käse. Kauen tut weh, geht aber besser, als heute Morgen.
Ich nehme meine Tabletten. Jetzt steht hier auch noch Nasenspray. Steht das schon länger hier? Ist mir noch gar nicht aufgefallen. Wozu soll das denn gut sein? Ist mir eigentlich egal. Ein Schub in jedes Nasenloch sollte genügen.

Heute keinen Tropf. Ich schlafe direkt nach dem Essen ein.

15.05.2022 00:32 • x 3 #25


n3xst

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21.01.2022
Wieder wache ich auf. Wieder ist dieses Rumoren in meinem Kopf. Den roten Knopf drücken. Die Schwester bringt zwei Tabletten. Ich nehme sie und schlafe irgendwann ein.

Als die Morgenroutine beginnt, bin ich schon wach. Blutdruck messen. Blutziehen. 37 - 3.

Eine Scheibe Toast mit Marmelade zum Frühstück. Kauen geht immer besser.

Visite. Heute nur ein paar Ärzte. Wenn ich mich weiter so gut mache, kann ich Montag gehen. Wie bitte - was? Montag schon?

Eine Woche ist das jetzt her. Fortschritte kann ich kaum wahrnehmen. Der Schädel pocht, alles dreht sich, kann nicht aufstehen, vorgestern zusammengebrochen. Und ihr wollt mich entlassen? Bin ich jetzt wirklich schon stabil genug dafür?

Die CT-Bilder sehen gut aus. Die Blutungen sind zurückgegangen. Folgeschäden zeigen sich erst im Laufe der Zeit. Ja, ich kann Montag gehen.
Folgeschäden? Jetzt rotiert mein Hirn aber gewaltig. Welche Folgeschäden...? Das können sie mir derzeit noch nicht sagen.
Die Ärzte verschwinden.

Werde ich jemals der Alte? Kann ich mein Leben wieder bewältigen? Kann ich irgendwann wieder arbeiten? Bin ich jetzt ein Pflegefall? Was meinen die mit Folgeschäden?

Ich werde abgeholt. Es geht nochmal in die HNO. Fr. Dr. X erwartet mich schon. Sie lächelt und sagt, dass ich ihr einen ganz schönen Schrecken eingejagt habe und dass sie sich freut, mich wiederzusehen.

Wir beginnen wieder mit den Lautsprechern und dem Straßenlärm. Die Sätze verstehe ich natürlich nicht. Dann die Kopfhörer. Links ist gut. Rechts gar nichts. Mal wieder. In mir kommt Resignation hoch. Rechts taub. Wohl für immer.
Der nächste Raum. Ich liege hier und bin in Gedanken bei meinem Ohr. Es tut nicht weh. Es juckt auch nicht. Wenn ich es anfasse spüre ich meine Finger. Links das gleiche, nur höre ich die Finger dort auch.
Das kalte Wasser wird in das linke Ohr gespült. Augen auf. Einen virtuellen Punkt fixieren. Durch diese Brille geht das wieder nicht. Kurze Pause. Warmes Wasser. Augen auf. Punkt fixieren. Ihr seid echt lustig... Wie soll denn das gehen. Meine Augen wandern und suchen - keine Möglichkeit, irgendetwas zu deuten. Nur der Schwindel ist stärker geworden. Kurze Pause.
Das rechte Ohr ist dran. Erst kaltes Wasser. Dann warmes Wasser. Das Drehen ist hier kaum wahrnehmbar. Die Augen bleiben auch ruhig. Was bedeutet das?
Ihr Gleichgewichtsorgan rechts ist kaputt. Links funktioniert prima. Dazu kommt ein Nystagmus. Ein was bitte? Die Augen wandern langsam zur Seite und springen dann schlagartig zurück auf Null. Heißt? Das wird - gepaart mit anderen Dingen - für ihren Schwindel und das fehlende Gleichgewicht verantwortlich sein.

Auf dem Rückweg fasse ich das gedanklich für mich zusammen. Ohr rechts taub. Gleichgewichtsorgan rechts kaputt. Nystagmus. Schädelbruch. Hirnblutungen. Ich kann nicht stehen. Ich kann nur schwer sprechen. Soll aber Montag entlassen werden - zurück in meinen Alltag?

Mittagessen. Es gibt Nudeln mit Tomatensoße. Kauen geht. Die Schmerzen beim Kauen sind deiner Art Krampf gewichen.

Ich schlafe ein. K. weckt mich mit einem Kuss. Erzählt von Freunden und Familie. Wie sich alle Sorgen machen. Wie sehr sie selber leidet. Ich sage ihr, dass ich Montag nach Hause darf. Ein Lächeln. Eine Träne. Sie ist erleichtert und voller Hoffnung. Wie es dann weitergeht? Ich habe keine Ahnung.
Die Stunde vergeht viel zu schnell. Sch** Corona. Wir hätten gerne mehr Zeit gehabt. Wir küssen uns zum Abschied. Sie freut sich, dass ich bald wieder neben ihr Einschlafen und Aufwachen werde.

Ich versuche die Zeitschrift zu lesen, die mein Vater gebracht hat. Ich muss mich sehr stark konzentrieren. Immer wieder schweifen die Gedanken ab. Die Buchstaben verschwimmen vor den Augen.

Der Physiotherapeut kommt doch noch. Aufrichten. An die Bettkante setzen. Aufstehen. Langsam. Er stützt mich. Ich stehe ein paar Sekunden, bevor ich mich wieder setzen muss. Die Welt um mich herum rotiert wie verrückt. Wir üben das ein paar Mal. Stehen wird besser. Der Schwindel nicht. Ich brauche keinen Spuckbeutel. Fortschritt. Sehr gut.

Abendessen. Eine Scheibe Schwarzbrot mit Käse. Krampf. Krampf. Krampf. Ich esse etwas. Wenigstens das.

Ich nehme die Tabletten und schlafe ein. Ohne Tropf. Ohne Gedanken. Ohne Schmerzen.

15.05.2022 10:26 • x 4 #26


n3xst

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22./23.01.2022
Das Wochenende zeigt sich wie Gummi. Nachts wache ich mit Schmerzen auf, drücke die Klingel, bekomme zwei Tabletten und schlafe wieder ein. Frühstück kommt später, als unter der Woche.

Eine Schwester fragt nicht warum ich meine Sachen auf der Station verteilt habe. Wie kommt sie darauf - ich kann nichtmal ohne Hilfe aufstehen...!? Mein Zimmergenosse ist der Übeltäter. Nachdem die Schwester hoffentlich alles eingesammelt hat, schließt sie meinen Schrank zu und legt den Schlüssel in meinen Nachttisch.
Hier ist also mein Handy. Meine Schlüssel. Meine Brieftasche.
Ich versuche zu lesen. Die Buchstaben verschwimmen immer wieder. Konzentrieren geht auch nicht wirklich.

Bei der Physiotherapie mache ich erstaunliche Fortschritte. Samstag gehe ich mit einem Rollator. Das erste Mal verlasse ich das Zimmer aufrecht gehend. Der Rollator gibt mir Sicherheit. Es dreht immernoch alles. Ohne das Ding wäre ich wohl lange umgekippt.
Wie ein Betrunkener schaukele ich mich über die Station. Das muss urkomisch aussehen. Niemand lacht. Gang hoch. Wieder zurück. Genug für heute.
Meine Mutter kommt zu Besuch. Bisschen reden und zeigen, dass ich es ohne Hilfe schaffe, am Bettrand zu sitzen. Alles wird gut sagt sie und geht nach der Stunde.

Sonntag ist auch Physiotherapie. Diesmal ohne Rollator. Diese Geländer auf Station sind meine Freunde. Die zwei bis drei Meter zwischen den Stangen schaffe ich auch so.
Dabei schaue ich permanent auf den Fußboden. Laufe ich mit erhobenem Kopf verwackelt alles um mich herum. Ist das normal? Schilder kann ich nur entziffern, wenn ich still stehe. Hätte ich damals schon gewusst, wie lange mich das begleiten wird...

K. kommt Sonntag. Stolz zeige ich ihr meine Fortschritte. Sie freut sich so. Dann steht der Entlassung morgen nichts mehr im Wege? Nein. Ich darf nach Hause kommen. Endlich wieder zu ihr. Dann bist du endlich wieder bei mir! Ihre Freude ist echt. Morgen können wir wieder gemeinsam einschlafen. So lange waren wir noch nie getrennt. Ich bin so glücklich, dass du das überlebt hast und so stolz auf dich. Den Rest schaffen wir jetzt zusammen. Ich liebe dich!

15.05.2022 22:28 • x 3 #27


n3xst

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24.01.2022
Frühstück gibt es nochmal ans Bett. Nach der Visite darf ich gehen. Meine Reha ist vom 27.01. bis 17.02. geplant. Heimatnah. Nur etwa 25 km weg von zu Hause. Am 22.02. soll ich dann wieder in die HNO kommen und am 10.03. zur Kontrolle in die Neurochirurgie.

Entlassungsschreiben. Transportschein. Und nun? Ich kann gehen. Bin frei. Muss aber direkt zum Arzt. Darüber mache ich mir später Gedanken. Eine Schwester hilft mir beim Anziehen und Sachen einpacken. Jetzt muss ich nur noch hier rausfinden. Rucksack auf und los geht es.

Das Geländer hilft mir wieder. Um die Wegweiser zu lesen, muss ich stehen bleiben und den Kopf heben. Aus dem Bauch der Klinik ans Tageslicht zu kommen ist bestimmt schon für gesunde Menschen schwierig. Irgendwie schaffe ich es dann doch. Schwankend und unsicher. Keiner mehr da, der mir helfen kann.

Keine Geländer mehr. Die Sonne blendet. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich mich daran gewöhnt habe.

Ein Taxifahrer spricht mich an, ob er mir helfen kann, ob ich ein Taxi brauche. Er führt mich zu seinem Auto. Öffnet mir die hintere Tür. Ich sinke in den Sitz, den Rucksack neben mir. Er gibt das Ziel in sein Navi ein. Gut 70 km.

Vorsichtshalber hat mir die Schwester einen Spuckbeutel mitgegeben. Taxifahrer wissen ja nicht, in welchem Zustand die Patienten entlassen werden. Diesem hier ist es offensichtlich sowieso egal. Er rast durch die Innenstadt. Gas - Bremse - Gas - Bremse. Er will immer der Schnellste sein. Links - Rechts - durch die Lücke. Naja, Taxifahrer eben. Die Musik dröhnt in meinem Ohr. Durch die Plexiglasscheibe kann er mich nicht verstehen. Spuckbeutel! Puh. Er schaut nichtmal auf.
Ab auf die Autobahn. Jetzt wird es ruhiger. Dachte ich...
Bei 200 auf der linken Spur werden Nachrichten geschrieben. Dichtes Auffahren. Bremsen. Vollgas. Auch wenn ich bis jetzt überlebt habe, so wird das hier jetzt sicher nichts mehr.
Zu Hause angekommen begleitet er mich immerhin bis vor die Wohnungstür. Aufschließen kann ich - die Schlüssel habe ich ja.

K. strahlt über das ganze Gesicht. Wir fallen uns in die Arme, küssen uns innig. Sie hat das Sofa zum Bett umgebaut. Ich muss mich erstmal hinlegen. Schlafen.

Sie ist noch bis Montag krankgeschrieben. Wir haben also fast 3 Tage gemeinsam.
Wir kuscheln und auf das Sofa. Freunde kommen und gehen.
Abends liegen wir endlich wieder gemeinsam im Bett. Ich habe sie in meinen Armen. Wir sind glücklich.

Ich habe den Weg zurück geschafft - bis jetzt.

15.05.2022 23:02 • x 3 #28


n3xst

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Danke!
Vor gut 40 Jahren bin ich in dieser Uniklinik zur Welt gekommen. Im Januar 2022 wurde ich hier nicht aufgegeben - auch wenn ich dem Tod näher stand, als dem Leben. Ich habe erst spät verstanden, wie schlecht die Aussichten wirklich waren.

Dem Team aus Ärzten, Schwestern, Pflegern, Therapeuten und all den Anderen danke ich aus tiefstem Herzen dafür.

Auch wenn Ihr vielleicht nur eure Pflicht erfüllt habt, so habt Ihr mir die Chance gegeben, mein Leben weiter zu leben. Die Hoffnung nicht aufzugeben. Wieder auf die Beine zu kommen, den Blick nach vorne gerichtet.
Danke! Einfach Danke!

15.05.2022 23:29 • x 6 #29


n3xst

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25./26.01.2022
Die Tage sind geprägt von Liebe und Zuneigung. Von Freundschaft und ehrlichem Mitgefühl.
Viele wollen mich besuchen. Mir fehlt die Kraft dazu. Wie ein Häufchen Elend liege ich auf dem Sofa. Wenn K. nicht kocht oder einkauft, legt sie sich zu mir. Nimmt mich in den Arm. Schmiegt sich an mich. Genießt die Zeit.

Ich schlafe viel. Schwanke zur Toilette. K. unterstützt mich beim Baden, Rasieren, Zähneputzen - bei einfach allem bin ich auf Hilfe angewiesen. Das zehrt an mir.
Wird das etwa für den Rest meiner Tage so bleiben? Werde ich je wieder selbstständig irgendetwas tun können?
So ganz dringt die Wirklichkeit nicht zu mir vor. Es fühlt sich immernoch wie ein Traum an. Ich habe das Lachen verlernt. Auch wenn ich glücklich bin - warum eigentlich? Wie kann ich glücklich sein, wenn ich doch eigentlich keine Zukunft mehr sehe? Gefangen in diesen Gedanken wird das Karussell immer schneller. Ich kann meine eigene Zukunft nicht mehr sehen! Noch zum Jahreswechsel hatte ich Pläne. Hatten wir Pläne. Und jetzt? Ausgelöscht binnen Sekunden.
Die Prioritäten haben sich verschoben.

Wir schlafen abends Arm in Arm gemeinsam ein und wachen genauso morgens wieder auf. Ich liebe dich! höre ich immer wieder von ihr. Sie spricht über Hochzeit. Verlobt sind wir ja schon.

Sprechen fällt mir immer leichter. Hier in meinem gewohnten Umfeld kann ich mich mittlerweile bewegen, ohne anzustoßen. Das Drehen wird langsamer - es hört allerdings nie ganz auf.

15.05.2022 23:59 • x 4 #30



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