100

CI - mein Weg in ein Leben 4 0

n3xst

n3xst

815
3
1577
Vorworte

Warum schreibe ich das hier?
Dies wird ein Nebenstrang zu meinen beiden anderen Threads hier im Forum.
Ich habe einfach zuviel Zeit. Das wird im Verlaufe des Threads sicher klar.
Wer mag kann es lesen, wer nicht kann es lassen.
Versteht es als eine Art Tagebuch, welches sich nicht um den täglichen Kampf mit dem Liebeskummer dreht und in dem ich nicht jammern möchte.
Erfahrungsaustausch mit direkt oder indirekt Betroffenen und Fachleuten ausdrücklich erwünscht.
Alle anderen sind dennoch herzlich eingeladen, hier zu schreiben.
Ich bin kein Fachmann und einiges wird sicher nicht ganz richtig sein, dann ist das das, wie ich es verstehe.

Warum Leben 4.0?
Bei mir ist das einfach eine fortlaufende Zählung:

1.0 Ehe, drei Kinder, Forum, Scheidung es-ist-zu-spaet-nur-noch-freundschaftliche-gefuehle-t47028.html
2.0 Der Angriff und das neue, alte Leben
3.0 Wie kann man nur so sein? wars-das-jetzt-t67146.html
4.0 CI - Cochlea-Implantat

1.0 und 3.0 werden hier bewusst ausgeklammert - wird nicht immer funktionieren! Wer mag, liest die jeweiligen Threads dazu.

Warum hier?
Der Angriff und die Folgen beschäftigen mich bis heute. Ähnlich wie bei Trennungsschmerzen oder emotionalen Schwierigkeiten, dauert die Verarbeitung lange und wird wahrscheinlich nie abgeschlossen sein.
Ich bin im Forum angemeldet, hier gibt es eine Off-Topic Rubrik.
Den Ein oder Anderen interessiert es vielleicht und er oder sie nimmt etwas für sich mit.


Es gibt weit Schlimmeres, dessen bin ich mir bewusst! Ich möchte niemandem zu Nahe treten.
Ich verarbeite hier eine Situation, die mein Leben - und die Sicht darauf - verändert hat.

11.05.2022 16:01 • x 5 #1


n3xst

n3xst


815
3
1577
14.01.2022
Es ist Freitag. Kurz nach drei. Der Lehrling ist im Lager und wird wohl bald fertig sein, dort die Anlage an die Übungswand zu schrauben.
Zeit, Feierabend zu machen.
Ich packe meine Sachen für Montag - treffe mich mit einem Kollegen direkt beim Kunden. Der Kollege steht auch schon im den Startlöchern. Nochmal nach dem Lehrling sehen und dann Wochenende.

Wir verlassen das Haus. Da parkt doch einer in der Feuerwehrzufahrt. Ich zeige auf das Schild. Er steht genau darunter.
Gehe zu meinem Auto und lege die Sachen hinein. Achso. Mein Onkel wollte nächste Woche in der Möbelbörse einkaufen. Die ist mit bei uns im Haus. Wie haben die denn geöffnet - wegen Corona ist das jetzt jede Woche anders. Nochmal zurück zur Tür und schauen.
Da gibt der Falschparker Gas und dreht vor mir einen Bogen mit seinem Auto. Die Tür geht auf, der Motor läuft noch. Er springt heraus und kommt auf mich zu gerannt.

11.05.2022 16:13 • x 1 #2



CI - mein Weg in ein Leben 4 0

x 3


n3xst

n3xst


815
3
1577
15.01.2022
Wo bin ich? Was piept denn hier so rhythmisch? Piep ... Piep ... Piep ...
Was hält mich denn hier fest? Woher kommen die Schläuche und Kabel?
Der Kopf brummt. Ich muss pink** Ich kann nichts sehen. Habe ich die Augen auf? Bestimmt. Alles dreht sich.
Langsam nehme ich Schatten und Umrisse wahr.
Eine Ente. Ich möchte mich setzen. Geht nicht. Im liegen in das Ding ... Geht nicht. Ich möchte sprechen. Geht auch nicht.
Was ist hier los?

Eine Schwester kommt, das Piepsen ist schneller geworden, hat sie alarmiert. Ich kann nicht mit ihr reden. Sie macht irgendetwas an mir und ich weiß nicht was...

Ich trete immer wieder weg.

Irgendwann werde ich verlegt. Das Piepsen wird leiser, bis es in der Ferne verstummt. Ich will fragen. Geht nicht.

Jetzt liege ich im einem Zimmer. Hell, freundlich. Jemand kommt. Musst mich. Jemand geht. Reden? Geht nicht. Warum nur?

Ich schlafe ein.

11.05.2022 16:26 • x 1 #3


n3xst

n3xst


815
3
1577
16.01.2022
Guten Morgen! - Das Licht geht an. Neben mir liegt jemand. In einem grünlichen Aufzug kommt jemand herein. Fragt mich irgendwas. Ich verstehe kein Wort. Will nachfragen. Geht wieder nicht.
Blutdruckmessen. Blut ziehen. Ein Gerät wird ins Ohr geschoben. 38-6. Das habe ich verstanden.
Wie geht es Ihnen?, Da haben sie aber Glück gehabt! Will antworten. Geht immernoch nicht.
Sie geht um das Bett. Es kommt gleich der Chefarzt, er wird sie un.... - un... was? Mehr verstehe ich nicht.
Der Schädel brummt. Alles dreht sich. Was zum Geier ist hier los?
Ein Spuckbeutel auf dem Nachttisch. Bloß gut...

Chefarzt hat er gesagt. Na endlich einer, der mir Fragen beantworten kann. Wenn ich sie nur stellen könnte...
Schön, dass sie bei uns sind. Was ist denn passiert? Das sollte er mir doch beantworten.
Erste Klumpen bilden sich zu Worten. Mund auf, Lippen bewegen, Zunge auch ... wo ist der Spuckbeutel?

So. Jetzt aber. Reden ist doch so einfach. Keeen Schmer kommt aus mir. Meinten Sie: Kein Schimmer? Fragt er nach. Ich nicke heftig - oh oh Spuckbeutel?

Sie wurden zusammengeschlagen. Die Notaufnahme in D****ln hat sie direkt zu uns in die Uniklinik verlegt. Dort hätte man ihnen nicht helfen können. Sie haben einen Schädelbruch mit mehreren subduralen und subarachnoidalen Hirnblutungen. Mehr können wir ihnen noch nicht sagen.

Ich habe Millionen Fragezeichen im Kopf. Fragen geht wieder nicht. Was hat der da gerade gesagt? Fck. Was ist los? Wo ist der Spuckbeutel schon wieder?

Es kommt jemand, rollt mich mit dem Bett heraus. Gänge, Flure, Lampen an der Decke. Ein Gerät, in das ich geschoben werden.
Dann geht es zurück. Gänge. Flure. Lampen an der Decke.

Ich hänge am Tropf. Schlafe ein.
Meine Mutter weckt mich vorsichtig. Erzählt mir irgendetwas. Ich verstehe nichts. Kann nicht antworten. Sie schaut so besorgt? Sie geht. Ich schlafe ein.

11.05.2022 16:55 • x 1 #4


LikeTheStars21


507
401
@n3xst
Ich denke, es ist für dich ganz wichtig, dass du diese furchtbare Erfahrung teilst und damit ein Stück weiter bearbeitest. Kann mich grad nicht erinnern, bist du wegen der PTBS auch in professioneller Betreuung?

11.05.2022 17:54 • x 3 #5


n3xst

n3xst


815
3
1577
Zitat von LikeTheStars21:
Kann mich grad nicht erinnern, bist du wegen der PTBS auch in professioneller Betreuung?

In Behandlung bin ich wegen meiner bipolaren Störung. Eine PTBS ist nicht diagnostiziert - ich war erst beim Fachmann. Er hätte schon was gesagt. Nächster Termin ist im Juli. Mal sehen, was bis dahin ist.

12.05.2022 00:50 • #6


VictoriaSiempre

VictoriaSiempre


8876
4
20842
Hat das CI etwas mit dem Angriff auf Dich zu tun oder warst Du bereits vorher taub?

12.05.2022 00:54 • x 1 #7


LikeTheStars21


507
401
Zitat von n3xst:
In Behandlung bin ich wegen meiner bipolaren Störung. Eine PTBS ist nicht diagnostiziert - ich war erst beim Fachmann. Er hätte schon was gesagt. ...

Hm, ich bin ja kein Fachmann, kann mir aber irgendwie nicht vorstellen, dass so ein Angriff phsychisch folgenlos bleibt.

12.05.2022 05:08 • x 1 #8


thegirlnextdoor


3275
7441
@n3xst mir lief es bei deiner Schilderung eiskalt den Rücken runter und ich konnte deine Übelkeit körperlich spüren.
Gut, dass du deine Erfahrungen hier teilst, und ich denke wie @LikeTheStars21 dass eine traumatische Bearbeitung (aber bitte in moderner Form, ohne Konfrontation, die re-traumatisisiert!) dir viel helfen könnte.
Wahnsinn, dass du das überlebt hast - das ist wirklich Leben 4.0. Ich hoffe und wünsche dir sehr, dass noch sehr viel Gutes vor dir liegt.

12.05.2022 05:14 • x 4 #9


n3xst

n3xst


815
3
1577
Zitat von VictoriaSiempre:
Hat das CI etwas mit dem Angriff auf Dich zu tun oder warst Du bereits vorher taub?

Das wird hoffentlich klarer, wenn ich heute weiterschreibe.
Spoiler / Trigger

ich konnte bis dahin ganz normal hören



Zitat von thegirlnextdoor:
mir lief es bei deiner Schilderung eiskalt den Rücken runter und ich konnte deine Übelkeit körperlich spüren.

Ups. Das war so nicht geplant.

Zitat von LikeTheStars21:
ich bin ja kein Fachmann, kann mir aber irgendwie nicht vorstellen, dass so ein Angriff phsychisch folgenlos bleibt

Zitat von thegirlnextdoor:
Gut, dass du deine Erfahrungen hier teilst, und ich denke wie dass eine traumatische Bearbeitung (aber bitte in moderner Form, ohne Konfrontation, die re-traumatisisiert!) dir viel helfen könnte

Wenn ich dann im Schreiben bei der Reha angekommen bin, wird es deutlich, warum da (bisher) nichts passiert ist.

Danke für das bisherige Feedback! Heute geht es weiter.

12.05.2022 09:14 • x 2 #10


thegirlnextdoor


3275
7441
Zitat von n3xst:
Wenn ich dann im Schreiben bei der Reha angekommen bin, wird es deutlich, warum da (bisher) nichts passiert ist.

Ich denke, jetzt wäre es vielleicht auch noch zu früh, @n3xst.
Du machst das schon alles richtig.
War von mir nur ein Bezug zu @LikeTheStars21 Beitrag, du hast ganz sicher noch nichts verpasst, du machst alles ganz richtig.
Schließlich musstest du jetzt erstmal deine körperlichen Baustellen nach dem Angriff in Ordnung bringen. Es geht immer nur eins nach dem anderen.

12.05.2022 09:41 • x 3 #11


n3xst

n3xst


815
3
1577
17.01.2022
Mitten in der Nacht wache ich auf. Der Schädel dröhnt. Der rote Knopf neben dem Bett. Ich drücke und kurz darauf kommt jemand. Ich zeige auf meinen Kopf und sage nur Au. Wieder hängt da so ein Tropf an mir und ich schlafe ein.

Das Licht geht an. Guten Morgen! Blutdruck messen, Blut ziehen. Gerät ins Ohr. 38-6.
Ich zeige auf mein rechtes Ohr. Im Kopf habe ich mir einen Satz zurechtgelegt: Ich höre hier nichts. Meine Lippen bewegen sich: kaputt kommt heraus. So war das nicht gedacht.
Sie antworten, dass nach der Visite einige Diagnostiken angesetzt sind.

Ich wache auf, als mein Bett bewegt wird. Gänge. Flure. Lampen an der Decke. Ich werde wieder in dieses komische Gerät geschoben. Gänge. Flure. Lampen an der Decke.
Ich soll die Liege wechseln. Mit Unterstützung schaffe ich das. Jetzt werde ich in einen Rettungswagen geschoben. Was passiert hier? Unterwegs bekomme ich die Erklärung. Die Uniklinik ist nicht unterkellert, also werden die Patienten mit dem Rettungswagen zwischen den Gebäuden verlegt. Dieses Schaukeln. Der Sanitäter hat das wohl gemerkt und hält mir einen Spuckbeutel hin. Danke!

Mein Ziel ist die HNO. Dort angekommen werde ich direkt in die Audiologie geschoben.
Dicke Türen und Fenster. Styropor an den Wänden und der Decke. Ich kann Lautsprecher um mich herum erkennen.
Zwei Audiologie-Assistentinnen kümmern sich jetzt um mich. Zuerst wird über die Lautsprecher Straßenlärm eingespielt. Autsch. Das geht direkt ins Gehirn. Dann werden Sätze vorgelesen. Ich verstehe kein Wort. Durchgefallen!
Der Test wird abgebrochen und ich bekomme Kopfhörer aufgesetzt und einen Knopf in die Hand. Sobald ich einen Ton höre, soll ich drücken.
Wann kommt denn hier mal ein Ton? Ich höre nichts. Nach einer gefühlten Ewigkeit, sagt eine der Beiden, dass jetzt das linke Ohr dran ist. Wie? Was? Jetzt das linke Ohr? Rechts ist abgehakt und ich habe nichts gehört?!
Links pfeift es. Ich drücke. Es summt, es brummt, es piept. Jedesmal, wenn ich den Knopf drücke, hört der Ton auf und der nächste beginnt.
Jetzt wird der Knochenschall untersucht. Ein Gerät, was einem Kopfhörer ähnelt, wird mir aufgesetzt. Das Vibriert und erzeugt so Töne im Ohr. Rechts geht es los. Ich spüre die Vibration am Knochen hinter dem Ohr. Ich soll immer drücken, wenn ich etwas höre oder spüre, egal wo. Ich drücke. Wieder eine Vibration am Knochen rechts und ein Ton im linken Ohr. Ich drücke. Sollte es nicht mit rechts beginnen? Das geht eine Weile so weiter. Es Vibriert hinter dem rechten Ohr und manchmal höre ich Töne im linken Ohr. Kurios. Dann wird gewechselt. Links funktioniert prima.
Auf den Wörtertest verzichten die beiden heute in Abstimmung mit einem Arzt.

Sie schieben mich in einen anderen Raum. Was ist das jetzt wieder? Habt ihr einen Spuckbeutel? Danke!
Hier, wird mir erklärt, wird das Gleichgewicht getestet. Wie denn das - ich kann nicht aufstehen? Im Liegen.
Schließen sie die Augen und wenn ich es sage, öffnen Sie sie wieder. Ich bekomme ein Brille auf. Erst wird kaltes Wasser in das eine Ohr geleitet. Augen aufmachen. Starr nach vorne schauen. Ihr Scherzkekse! Durch die Brille sehe ich doch gar nichts. Jetzt kommt warmes Wasser. Augen auf, nach vorne blicken.... Spuckbeutel bitte. Dankeschön! Es dreht sich wieder alles, auch wenn ich nichts sehe.
Kurze Pause . Das rechte Ohr ist dran. Wieder das gleiche Prozedere. Etwas ist anders. Es dreht nichts. Ich kann einen Fokus nach vorne finden. Komisch.

Ich werde in eine Art Wartesaal geschoben. Der Arzt wertet die Ergebnisse aus und kommt gleich zu Ihnen. Alles Gute! Spricht sie und verschwindet. Minuten vergehen.

Guten Morgen! Ich bin Dr. X Eine Frau spricht mich an. Blond. Jung. Mit zwei komischen Knubbeln hinter jedem Ohr. Die Diagnostiken haben ergeben, dass Sie auf dem rechten Ohr ertaubt sind und das Gleichgewichtsorgan im Moment zumindest nicht funktioniert. Wir werden am Mittwoch die Untersuchung wiederholen, um zu sehen, ob sich das bessert.

Der Rettungswagen holt mich ab und ich komme zurück auf Station. Mittagessen kann ich nicht. Den Spuckbeutel brauche ich da schon eher. Danke!

K. kommt am Nachmittag. Küsst mich. Sehr liebevoll und weint. Hat ein paar Sachen dabei. Sie erzählt, wie sie Freitag gebangt und gezittert hat. Sie mit Freunden zu Hause gesessen hat, die sie gestützt haben und sie jetzt von ihnen gefahren wurde, weil sie selbst gar nicht dazu in der Lage gewesen wäre. Das schlimmste hätte ich hinter mir, aber ob und wie lange ich das überlebe ist noch nicht raus. Ich bin also noch nicht über den Berg.
Ich finde erste Sätze. Kauderwelsch, aber immerhin.
ICH LIEBE DICH, WIR SCHAFFEN DAS ZUSAMMEN! höre ich. Ich habe Tränen in den Augen. Alle sorgen sich. Der Mist macht zu Hause die Runde.
Wir küssen uns und sie geht. Eine Stunde und nur eine Person am Tag sind wegen Corona erlaubt.

Der Schädel explodiert gleich. Roten Knopf drücken. Schwester kommt. Tropf wird angehängt. Ich schlafe.

12.05.2022 10:02 • x 6 #12


n3xst

n3xst


815
3
1577
Bevor ich nachher weiterschreibe, muss ich etwas klarstellen.
Die Erinnerungen verblassen. Ich habe erst ab der Reha rückblickend aufgeschrieben, was passiert ist. Das war dort anfangs als Übung gedacht.
Den Wortlaut genau wiederzugeben ist natürlich nicht mehr möglich. Also nagelt mich da nicht fest.
Anderes hat sich in meinen Kopf eingebrannt - vor allem K.s Worte - weil sie mir damals noch so viel bedeutet haben.

12.05.2022 12:22 • x 2 #13


BlueApple

BlueApple


1662
4
3684
Ich bin total schockiert wie Menschen imstande sein können, so etwas einer anderen Person anzutun. Und das aus einer Banalität heraus. Ich finde es toll und zugleich erschreckend, dass du uns daran teilhaben lässt. Nicht auszudenken wie es dir gegangen sein muss und auch noch geht.

Fühl dich virtuell gedrückt

12.05.2022 12:34 • x 4 #14


teardrops


500
2
842
Ich bin gespannt, wie es weitergeht.
Es tut mir leid, dass du so etwas erleben musstest.
Ich hoffe, du konntest irgendwann eine Anzeige stellen.

12.05.2022 13:00 • x 2 #15



x 4




Ähnliche Themen

Hits

Antworten

Letzter Beitrag