Zitat von Woodfairy:@Kaetzchen Aber das ist doch auch nicht ehrlich? Ich weiß nicht, ob ich das könnte, wenn es sich für mich nicht authentisch anfühlen würde. Wenn jemand das kann und auch will, o.k. Warum soll man nicht zu seinen Gefühlen und Ängsten stehen? Wie soll ein Mensch ernst genommen werden, wenn er nicht er selbst ist? Ist es wichtiger, sich von einer coolen Seite zu zeigen, wenn man gar nicht so ist?
Ist das der Preis, um einen anderen nicht zu verlieren?
Ja, das ist der Preis, leider. Es geht hier auch nicht um Verstellen oder Spielchen oder darum, sich cool zu zeigen. Es geht darum, dass hier eine Schieflage vorliegt - die TE hat mehr Gefühle für ihren Freund als er für sie. Das passiert ständig in Beziehungen, niemals sind zwei Menschen permanent gleichauf, was ihre Gefühle füreinander betrifft. Und damit muss man dann "umgehen" können, das ist Beziehungsarbeit. Die aber nicht darin besteht, darüber zu reden - man kann Gefühle nicht herbeireden oder den anderen davon überzeugen, dass er doch wieder mehr Gefühle haben muss. Wenn die Augenhöhe verrutscht ist, und man selber in der "unterlegenen" Position ist, muss man handeln. Und sich selbst ein wenig emotional lösen, wieder unabhängiger und selbstständiger werden, und den anderen das spüren lassen. Nur so kann die Augenhöhe zurückkommen. Es bringt also nichts, so etwas dauerhaft vorzuspielen, man muss es auch so empfinden und leben. Nur dann kommt es beim Gegenüber auch an.
Wenn man in so einer Situation auch noch redet, das heißt also den anderen zu Beziehungsgesprächen nötigt, die derjenige, der gerade eh schon weniger Interesse an der Beziehung hat sich ungefähr so sehr wünscht wie eine Wurzelbehandlung, verschärft man den Zustand noch. Das ist also wirklich keine gute Idee, auch wenn es immer und immer wieder von Menschen geraten wird. Offene Gespräche über die Beziehung kann man führen, solange die Augenhöhe vorhanden ist oder nur geringfügig verrutscht. Ist der Schiefstand aber schon größer, und das ist er hier (sie schickt ihm gefühlvolle Nachrichten, die er erst nach Stunden und dann auch noch nüchtern beantwortet), hilft Reden nicht mehr, sondern macht alles nur noch schlimmer. Weil der "Unterlegene" dem anderen dann wie ein Bittsteller erscheint, und das erzeugt höchstens noch Gefühle wie Mitleid oder schlechtes Gewissen. Also das Gegenteil von dem, was man eigentlich möchte.
Das Buch "Ich lieb dich nicht, wenn du mich liebst" ist ein absoluter Klassiker zu dem Thema und erklärt das sehr anschaulich. Er weicht gerade zurück, geht auf Distanz - was zum Teil normal ist und in jeder Beziehung immer mal passiert - das sollte sie erwidern, indem sie selbst auch auf Distanz geht. Entweder, er kommt dann wieder näher, oder nicht. Wenn er Gefühle für sie hat, wird er es tun, weil das die normale Beziehungsdynamik ist. Hat er schon keine mehr oder eine andere ist im Spiel, wird er die Distanz so annehmen und selbst in der Distanz bleiben. Nur wenn sie jetzt wieder stärker auf ihn zugeht, noch mehr Nähe fordert, wird er noch weiter zurückweichen. Das wäre völlig normal.