Desillusion
Gast
Doch insgesamt habe ich eine lange Zeit gebraucht, um wieder halbwegs auf die Füße zu kommen. Der Ex dagegen war nur wenige Tage krank geschrieben, um dem größten Ärger zu entgehen. Als er erfuhr, dass ich wieder mit meinem Mann zusammen bin, meldete er sich bei mir zurück. Es gab dummerweise noch ein weiteres Treffen, das sehr schlimm für mich war. Danach übte er Druck auf mich aus, ihm z.B. anzügliche Fotos zu schicken. Ich gebe zu, ich war immer noch voller Hoffnung, es könnte ihm doch ernst mit mir sein und so ging ich nur allzu leichtfertig darauf ein. Aber ich hatte auch Angst, denn mit jedem Zugeständnis, das ich machte, wurde ich angreifbarer. Dann kam heraus, dass er schon längst weitere Freundinnen hatte. Eine davon war ebenfalls eine Kollegin, die auf sein Bitten hin schon lange vor meinem Ausscheiden gekündigt hatte. Als sie von mir erfuhr, drehte sie durch und rief bei uns an. So kam dann alles ans Licht. Mein Mann war so geschockt und verletzt, dass es keine andere Option mehr gab, als die sofortige Trennung. Alle diese Details kennen meine Kolleginnen und auch meine Chefin nicht. Ich hatte auch keine Lust und sah keine Veranlassung, ihnen weitere Details zu erzählen. Er nutzte auch das, um sich wieder positiver darzustellen. Ich wurde von ihm als liebeskranke Stalkerin hingestellt. Dass er ebenfalls mindestens 50 % der Kontakte initiierte, verschwieg er natürlich. Er spielte weiter die Rolle des armen, frisch verwitweten Mannes, der schuldlos in eine Venusfalle geraten war. Er erzählte jedem von seinen Aktivitäten in der Kirche, wo er eine angesehene ehrenamtliche Tätigkeit ausübt. Sogar den wirklich schlimmen Krankheitsverlauf seiner Frau nutzte er, um für sich selbst Anerkennung und Mitleid zu bekommen. Wie kalt und berechnend er dabei vorging, weiß niemand, weil niemand Einblicke hinter die Fassade bekam. Und nun bin ich die durchgeknallte, liebeskranke Hysterikerin.
Das macht mich schon noch wütend und traurig. Aber auch dies, wie andere mich sehen und über mich urteilen wollen ist die Entscheidung jedes Einzelnen. Sie hätten mich gerne nach den Hintergründen fragen können, doch davon wollte niemand etwas hören. Es war einfacher, mich als Ehebrecherin zu verurteilen und den Kontakt zu mir abzubrechen.
Gut! Ich will mich nicht mehr aufregen. Es ist Schnee von gestern und jetzt haben wir Sommer. Ich trinke meine Weinschorle auf dem Balkon und genieße den Gesang der Vögel in den Baumkronen um mich herum. Ich habe große Fehler gemacht, weil ich an die Liebe geglaubt habe. Ich glaube immernoch an die Liebe, aber nicht mehr an die zu einem anderen Mann. Liebe war das, was ich 30 Jahre lang mit meinem Mann hatte und natürlich mit meinem Sohn. Ich habe es verspielt. Niemand kann mir die Verantwortung, die ich dafür trage, abnehmen.
