Willowtree
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Ich habe in den letzten Jahren immer wieder mal in diesem Forum gelesen, ohne mich anzumelden. Viele Geschichten haben mich sehr berührt und in manchen fand ich mich zum Teil auch wieder. Nun scheint mir der Zeitpunkt gekommen, etwas zu dieser Plattform beizutragen, die mir in der Vergangenheit des Öfteren Zuversicht, Trost und Halt geschenkt hat. Aus diesem Grund möchte ich meine Geschichte mit Euch teilen:
Ich (29) Jahre hatte in Sachen Liebe leider schon viele Enttäuschungen hinzunehmen. Unglücklicherweise schien ich dabei stets ein Händchen für Männer mit ungelösten Mutterproblemen zu haben. So auch dieses mal. Ich lernte ihn (26) vor etwa 7 Jahren über unseren Freundeskreis kennen und ehrlich gesagt regte sich schon damals ein Gefühl der Zuneigung in mir. Gleichzeitig sagte mir aber auch irgendetwas, dass es besser wäre, in dieser Sache keine Gefühle zuzulassen. Vielleicht war es nur die Angst davor, wieder verletzt zu werden. Vielleicht war es aber auch Intuition...
Wie dem auch sei, ich versagte mir jegliches Aufkeimen von Gefühlen und das über Jahre hinweg. Ich versuchte, Distanz zu wahren, den Kontakt mit ihm zu meiden und verhinderte es erfolgreich, unsere Freundschaft intensiver werden zu lassen. Doch eines Tages machte mir das Schicksal einen Strich durch die Rechnung. Immer öfter fragte er an, ob wir nicht unsere Freizeit miteinander verbringen möchten. Wie ein streunender Fuchs strawenzelte er scheinbar zufällig genau dann den Gehweg entlang, wenn ich gerade das Haus verließ, schlug via Handy und Messenger gemeinsame Videoabende vor und schien gezielt meine Nähe zu suchen. Natürlich zögerte ich, denn ich wusste, ein gemeinsames Sitzen auf der Couch genügte, um mir Herzrasen und Schweißausbrüche zu bescheren. Als es schließlich doch zu regelmäßigen Treffen kam, rutschte ich jedes Mal panisch ans andere Ende des Sofas, damit er nicht merkte, wie sehr seine Anwesenheit mich beunruhigte. Eines Tages stand er dann plötzlich mit einer Stofftasche voll Gemüse vor meiner Tür und wollte für mich kochen. In diesem Augenblick war es dann um mich geschehen. Wir kamen also zusammen und ich schob meine Kontaktscheu beiseite, dich mich schmerzvolle Beziehungen zuvor gelehrt hatten. Allerdings dauerte es nicht lange, bis sich herausstellte, dass bei ihm einiges im Argen lag.
Da ich hier aus Respekt vor seiner Person nicht allzu sehr ins Detail gehen möchte, schildere ich nur, was zum Verständnis notwendig ist. Sein Elternhaus war von Gewalt geprägt, seine Mutter kann ihn bis heute nicht loslassen und aufgrund herber emotionaler Verletzungen in der Kindheit hat er sich einen Fluchtreflex in Konfliktsituationen angeeignet, den er meiner Ansicht nach von seinem gewalttätigen Vater übernommen hat. Erstaunlicher Weise war er selbst aber nie gewaltsam, im Gegenteil. Ich habe noch nie einen Mann erlebt, der so zärtlich zu mir war. Er überhäufte mich mit Blumen, traumhaften Gerichten und romantischen Zitaten aus Theaterstücken und lyrischen Werken. Ich glaubte nach gut einem Jahrzehnt der Suche und Enttäuschung endlich meinen Traummann gefunden zu haben. Das einzige Problem daran: Seine Familie.
Ich fand es von Beginn an seltsam, dass er in seinem Alter noch daheim wohnte, auch wenn er es damit erklärte, durch sein Studium sporadisch dort zu kampieren zu müssen, wenn er Semesterferien hatte. Denn seine Aufenthalte in diesem Haus schienen mir alles andere als sporadisch. Seine Mutter hatte ihn offensichtlich zum Ersatzpartner gemacht, nachdem ihr Mann und einstiger Familientyrann durch einen Schlaganfall an den Rollstuhl gebunden war. In der ersten Zeit stand sie manchmal sogar vor meiner Tür, fragte, warum er nicht nach Hause käme und übte einen Telefonterror ungeahnten Ausmaßes auf ihn aus. Natürlich waren ihm ihre Aufzüge immer äußerst peinlich und ich konnte erkennen, dass er mit aller Kraft versuchte, von seinem Elternhaus loszukommen. Ich begriff recht schnell, dass es bei ihm zu Hause niemals Liebe, Geborgenheit oder Verständnis für ihn gab. Umso mehr sehnte er sich danach und versuchte, unserer Beziehung wegen, endlich einen Schlussstrich unter das psychische Minenfeld seiner Vergangenheit zu ziehen. Was nicht leicht für uns war, hatten die Erlebnisse seiner Kindheit doch tiefe Spuren an ihm hinterlassen. Bei Konfrontationen ergriff er wie bereits erwähnt stets die Flucht, wurde abweisend und emotionslos, meldete sich Tage lang nicht mehr oder machte gleich ganz Schluss. Danach tat ihm sein Verhalten freilich Leid, doch für mich war es jedes mal aufs Neue eine nervliche Zerreissprobe, sein Vertrauen zurück zu gewinnen und ihm klar zu machen, dass nicht jede Meinungsverschiedenheit gleich zum Äußersten führen muss.
Trotz allem schafften wir es nach 2 Jahren des Kampfes endlich, sein Studium, meine Selbstständigkeit und unsere Beziehung gegen alle Widerstände durchzusetzen. Dass wir uns größtenteils nur am Wochenende sahen, war zwar eine zusätzliche Herausforderung, fiel für mich aber nicht weiter ins Gewicht. Und endlich, als sich in allen Bereichen die lang ersehnte Besserung einstellte, kam der nächste Schock. Ich wurde schwanger. Von einem Schwangerschaftsabbruch wollte ich bis dato nichts wissen. Es kam für mich aus Gründen der Überzeugung schlichtweg nicht in Frage. Doch konnte ich es verantworten, ihm nach all den emotionalen Ausnahmezuständen, der Herausforderung seines Studiums und seiner frisch gewonnenen Freiheit nun auch noch ein Kind zu zumuten? Konnte ich es mir und diesem Kind zumuten, seine Unsicherheiten erneut auf die Probe zu stellen? Zwei Wochen nach der Diagnose kamen wir zu dem Schluss, dass es besser war, mit der Familienplanung noch zu warten und so begabg ich mich schweren Herzens in eine Klinik.
Das ganze ist nun etwa 1 1/2 Monate her. Seither fuhr er mich täglich zur Arbeit und versuchte mich zu entlasten, wo er nur konnte. Doch die Tatsache, dass ich nach dem Eingriff beruflich und 'beziehungspädagogisch' gleich wieder funktionieren musste, brachten mich an einen Punkt, an dem ich einen absoluten Nervenzusammenbruch erlitt. Es war letztes Wochenende, kurz vor Beginn seines neuen Semesters und der lang ersehnte Anfang meiner Ferien. (tolles Timing, ich weiß) Natürlich wollte ich die letzten Tage mit ihm verbringen und hätte mich nicht das berühmt berüchtigte 'PMS-Phänomen' zum ersten Mal nach dem Eingriff wieder ereilt, wäre womöglich alles gut gegangen. Das Schicksal aber wollte es mal wieder anders. Schon am Sonntag war ich sehr gereizt, denn anstatt den Samstag Abend mit mir zu verbringen, ging er mit Freunden bis spät in die Nacht weg. Er schlief unangekündigt bei seinen Eltern, da er mich nicht wecken wollte, wenn er heimkam, also wartete ich vergebens und weinte mich schließlich frustriert in den Schlaf. Am Montag rief dann auch noch eine Bekannte von ihm an und fragte, ob er ihr nicht kurz bevor er am Dienstag zu seinem Praktikumssemester aufbrach beim Umzug helfen könne und ich verstand nicht, dass er tatsächlich einwilligte, anstatt wenigstens die letzten paar Stunden vor seiner Abfahrt mit mir zu verbringen. Zu allem Überfluss hielt ihn dann auch noch seine Mutter mit ihrer üblichen Verzögerungstaktik stundenlang zu Hause fest, sodass wir uns erst spät Abends am Montag wieder sahen. Da bin ich aufgeplatzt. Was folgte, war ein dreistündiger Streit, in dessen Verlauf auf beiden Seiten so manches böse Wort fiel und er schließlich Schluss machte. Diesmal sei es endgültig, versicherte er mir, packte Nachts um drei seine Sachen und war weg.
Und nun? Stehe ich alleine da mit der wohl schlimmsten Regelblutung meines Lebens, dem Schuldgefühl um ein verlorenes Kind und der Sorge, dass alles, wofür ich die letzten zweieinhalb Jahre gekämpft habe, unwiederbringlich verloren ist. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll, ob es nur einer seiner üblichen Fluchtreflexe ist oder ein Indiz dafür, dass ich wieder einmal Energie und Zeit in den falschen Mann investiert habe. Ich will ehrlich sein, am liebsten würde ich Abends tot umfallen, anstatt in dieser Situation alleine einschlafen zu müssen. Ich gebe mir die Schuld daran und befürchte, den Mann meines Lebens aufgrund einer flüchtigen Laune verloren zu haben.
Ich würde gerne wissen, wie ihr die Sache seht, denn ich selbst bin gerade nicht mehr in der Verfassung, die Lage einzuschätzen. Bitte, liebe Forenmitglieder, helft mir.