Natürlich ist das nicht schwarz-weiß. Und jeder Mensch beherrscht alle Sprachen der Liebe, aber jeder hat eben so eine (manche auch zwei) "Muttersprache", und die ist ihm besonders wichtig, um Liebe zu zeigen und auch zu spüren. Ich fühle mich schon auch "geliebt", wenn ich mal ein schönes Geschenk bekomme. Mir wäre aber z.B. eine ganz persönliche Kleinigkeit viel lieber als irgendwas teures, und ich "brauche" auch keine Geschenke, um mich geliebt zu fühlen. Oder in dem Fall von Bekannte - wenn mein Mann mir während einer Dienstreise täglich Blumen oder Pralinen oder so was hätte zukommen lassen, hätte ich ihn spätestens nach vier Tagen angerufen und gefragt, ob seine Geliebte wirklich SO gut ist
Der Punkt ist doch, dass Beziehungen meistens dann in die Brüche gehen, wenn einem von beiden "etwas fehlt". Hast Du ja auch geschrieben, dass Dir etwas gefehlt hat. Nun sind leider die wenigsten Menschen dazu in der Lage, dieses Etwas so deutlich zu benennen. Ich war das auch jahrelang nicht, sonst wäre es einfach gewesen. Man hat oft nur dieses diffuse Gefühl, dass einem eben "etwas" fehlt. Dieses fehlende Etwas sorgt dafür, dass die Gefühle abkühlen, weil man sich eben auch nicht mehr wirklich geliebt fühlt, und dann geht es bergab. Das passiert halt deutlich seltener bei Menschen, die die gleiche Sprache sprechen und sich ganz intuitiv gegenseitig genau das geben, was sie brauchen, denn denen fehlt ja so schnell nix.
Um mal bei Vollhorst zu bleiben - angenommen, beider Muttersprache der Liebe wäre Lob und Anerkennung. Wäre ja fast ein Idealfall. Ich schreibe mal ein fiktives Szenario auf. Nun stellt seine Frau im Laufe der Beziehung immer weniger bewunderungswürdige Dinge an ihm fest, dafür immer mehr Dinge, die sie stören und nerven. Sie wird also anfangen, ihm weniger Lob und Anerkennung zu geben, dafür mehr nörgeln. In der Hoffnung, er möge sich verändern und wieder zu einem Mann werden, den sie bewundern kann. Wird er aber nicht, denn er fühlt sich ja jetzt plötzlich auch gar nicht mehr geliebt. Die Frau, die ihn anfangs noch gelobt und angehimmelt hat, der kann er auf einmal nichts mehr recht machen. Egal, was er tut, es wird immer schlimmer. Er bemüht sich, aber seine Frau fängt irgendwann an, sogar seine positiven Bemühungen nicht mehr anzuerkennen, sondern auch daran noch etwas auszusetzen. Lob und Anerkennung kehren sich ins Gegenteil um, werden zu Beschimpfungen.
Horst hingegen hört nicht auf, seiner Frau Komplimente zu machen. Für ihr tolles Aussehen, ihre Karriere, ihren Job, ihre Fähigkeiten als Mutter ... er findet sie toll, nach wie vor. Nur nicht als Partnerin für sich, denn er spürt, sie liebt ihn wohl nicht mehr, sie meckert ja bloß noch an ihm herum. Und das belastet ihn und macht ihn in der Beziehung zum Unterlegenen, denn er liebt sie mehr als sie ihn und er bekommt Verlustängste. Zieht sich zurück, schweigt und mauert, weil er denkt, wenn ich gar nichts mache, kann sie auch nicht meckern, das ist die sichere Variante. Obwohl er sie immer noch bewundert, sagt er es ihr auch nicht mehr, um nicht noch mehr in die Unterlegenenrolle zu rutschen. Daraufhin stellt seine Frau fest, dass ihr Mann sie wohl auch nicht mehr liebt. Kein Wort mehr darüber, wie schön sie ist. Keine Anerkennung für ihre Karriere. Sie ist enttäuscht. Was ist bloß los? Schweigen zieht ein, und damit der Frust und die Lieblosigkeit.
Und dann kommt da dieser Kollege - ebenfalls erfolgreich, und er schenkt ihr seinerseits Bewunderung. Macht ihr Komplimente, bewundert ihre Arbeit .. und sie kann ihn auch bewundern und anerkennen, endlich wieder ein Mann, der "über" ihr steht, den sie toll finden kann. Und er findet sie auch toll! Juhu! Liebesgefühle bis über die Ohren, weil sie genau das bekommt, was sie jahrelang vermisst hat. Und das ist die ganze Geschichte. Passiert ständig, tausendfach, jeden Tag.
Tausche Lob und Anerkennung gegen S. und Zärtlichkeit (was passiert mit dem Mann, dessen Frau ihn schon lange nicht mehr begehrt und den S. verweigert, der auf eine Frau trifft, die sich nach ihm verzehrt und ihm s. den Himmel auf Erden beschert?). Oder gegen Geschenke/Aufmerksamkeit. Oder Hilfsbereitschaft (da wird dann der faule Ehemann gegen den zuvorkommenden Nachbarn ausgetauscht, der immer zur Stelle ist, wenn sie Hilfe braucht, der den Zaun repariert und den Rasen mäht und die Kinder durch die Gegend kutschiert und ihr mit den Wasserkästen hilft, während der Gatte arbeitet oder auf dem Sofa lümmelt). Oder Zweisamkeit (dann ist es der ehemals beste Freund, der immer ein offenes Ohr hat, mit dem man stundenlang über Dinge sprechen kann, die einen bewegen, über sich selbst, der einen versteht und zuhört und seinerseits auch viel Input liefert und mit dem man auch noch auf Konzerte, ins Theater, Kino etc. geht ...). Und so weiter ... same storys, different characters. Unbefriedigte Liebesbedürfnisse sind das Einfallstor für Affären, für den Next ...
Menschliche Bindungen sind von der Natur her auf 4 Jahre begrenzt, das ist die Dauer der biologischen Bindung. Danach existiert das, was man so gemeinhin als "Liebesgefühle" bezeichnet, schlicht und ergreifend nicht mehr (hormonell). Dann entsteht halt im besten Fall das, was wir als "Liebe" bezeichnen, und was das bedeutet, ist für jeden Menschen anders, es ist aber immer eine bewusste Entscheidung für ein Konzept. Daher gehen so viele Beziehungen nach 4 Jahren auseinander, weil sich einer von beiden halt dagegen entscheidet. Für die anderen gibt es dann Dinge, die darüber hinaus Bindung erzeugen. Oft sind es eben Kinder, eine Ehe, ein gemeinsames Haus, ein gemeinsames Projekt, sogar ein Hund ...

- all das passiert häufig nach 3-4 Beziehungsjahren, weil die "biologische" Bindung eben weg ist, man aber sich nicht trennen will und dann halt darüber hinaus eine neue, "künstliche" Bindung schafft - aber ab dem Zeitpunkt wird es halt schon schwierig.
Nach zehn Jahren wird es auch bei äußerlichen Bindungen maximal schwierig, denn das, was eine Beziehung eigentlich ausmacht - die ganze Dynamik - ist tot. Die meisten Beziehungen haben an dieser Stelle keine Dynamik mehr, man hat sich "arrangiert", man lebt so nebeneinander her, geht sich aus dem Weg, tut sich im Alltag nicht weh ... bis einer von beiden eben ausbricht. Und man braucht wiederum 2-3 Jahre, um eine langjährige Bindung zu lösen. Die meisten Ehen werden nach durchschnittlich 13 Jahren geschieden. Auch das zeigt, dass die Theorie nicht ganz falsch sein kann (noch vor dreihundert Jahren dauerte eine durchschnittliche Ehe "bis dass der Tod euch scheidet" sowieso schon nur zehn Jahre, aufgrund der damaligen Lebenserwartung).
Früher, also in der Generation unserer (Groß)eltern, hielten Ehen so lange, weil die meisten Menschen gar keine andere Wahl hatten. Die Frauen waren meist wirtschaftlich abhängig und konnten gar nicht raus, die Männer konnten nicht kochen und wussten nicht, wie man einen Haushalt führt und wären ohne Frau verhungert
Scheidungen waren gesellschaftlich verpönt, und wer einmal verheiratet war, der blieb es. Es gab ja auch quasi keine "Singles", die man als Verheirateter nach einer Scheidung als neuen Partner hätte wählen können

Wer früher mit spätestens 30 noch nicht verheiratet war, musste oft bis an sein Lebensende allein bleiben. Heute noch gibt es vereinzelte "alte Jungfern" in den Seniorenheimen aus dieser Zeit, und es gibt einige Bräuche aus dieser Zeit, dass 30jährige Unverheiratete Klinken putzen oder das Rathaus fegen müssen und so was. Die Tatsache, so lange (und manchmal verzweifelt) wie möglich an einer Beziehung festzuhalten, ist also das Ergebnis von Werten (Erziehung und Gesellschaft) und den eigenen Möglichkeiten (wer einen hohen "Marktwert" hat und diesen für sich auch so empfindet, tut sich mit einer Trennung leichter).