Ich bin seit knapp 2 Jahren mit meiner Freundin zusammen. Wir sind beide 49 Jahre alt und entsprechend lebenserfahren. Beide hatten wir natürlich schon Beziehungen, in beiden Fällen sind sie vor unserem Kennenlernen (offensichtlich) gescheitert. Aus ganz verschiedenen Gründen.
Meine Freundin bringt durch ihre Erfahrungen ein grundsätzliches Misstrauen und eine relativ deutlich spürbare Eifersucht mit in die Beziehung. Beides Themen, die für mich eigentlich red flags sind.
Zusätzlich hat sie ein Problem mit ihrem Selbstwertgefühl und wertet sich selbst ab, auch optisch im Vergleich zu meinen Ex-Freundinnen. Egal wie sehr ich ihr vermittle dass ich auf sie stehe und die Ex-Freundinnen völlig irrelevant sind - sie kann das nicht annehmen und glaubt, sie wäre nicht "gut genug".
Ich habe das Glück, dass mich Themen aus der Vergangenheit in der Gegenwart nicht besonders einschränken. Ich vertraue immer wieder aufs Neue (und kann dadurch natürlich enttäuscht werden, aber das nehme ich in Kauf), kenne Eifersucht überhaupt nicht und finde, dass selbst das kleinste bisschen davon immer irgendeinen ungesunden, toxischen Hintergrund hat und bei einer vertrauensvollen, guten Beziehung keinen Platz haben sollte. Außerdem bin ich generell mit mir im Reinen, fühle mich in meiner Haut wohl und habe deswegen einfach kein Thema mit Vergleichen, anderen Männern, Ex-Partnern oder sonstwas. Ich lebe im hier und jetzt, bin happy mit meinem Leben und möchte, dass eine Beziehung einfach eine Bereicherung in meinem Leben ist.
Obwohl ich aus den genannten Gründen von Beginn an befürchtete, es könnte sein dass das absolut keine Zukunft hat, wollte ich diese tolle Frau - die sehr viel Liebe und Aufmerksamkeit zu geben hat und mich auf anderer Ebene sehr erreicht - unbedingt kennenlernen und dem Ganzen eine Chance geben.
Aktueller Stand ist: die Themen brechen bis heute immer wieder durch, und wir haben bis heute keine Ebene gefunden, wie ihr (aus meiner Sicht toxisches und ungesundes) Verhalten von mir auf gesunde und vernünftige Weise abgefangen werden kann, so dass sie sich in unserer Beziehung wohl und sicher fühlt.
Bis heute kann jegliches Verhalten meinerseits, welches ich als normal empfinde, in ihr weitere Unsicherheiten auslösen. Dies ist immer verbunden mit dem Wunsch, dass ich mein Verhalten in der Zukunft so anpasse, dass es ihr damit gut geht. Das widerstrebt mir meistens, weil ich die damit einhergehenden unterschwelligen Andeutungen, ich sei nicht ehrlich oder es würde ihrem Vertrauen nicht gerade zuträglich sein wenn ich dies oder jenes tun oder nicht tun würde, als sehr belastend und unfair empfinde.
Beispiele, damit nachvollziehbar wird was gemeint ist (völlig random, nicht chronologisch und thematisch ungeordnet):
- Ich schaue als Beifahrer gedankenverloren in der Gegend herum, ohne besonderen Fokus auf irgendwas. Sie sagt nach 10 MInuten: merkst Du eigentlich, dass Du die ganze Zeit den Frauen draußen hinterherschaust?
- Ich setze mich auf der Terrasse eines Restaurants gern mal leicht versetzt neben sie - ebenfalls um die Umgebung und die Leute zu betrachten. Sie wirft mir vor, ich würde sie nicht beachten.
- Wir verbringen einen Abend mit Freunden, sitzen nebeneinander und den Freunden (ebenfalls ein Paar) gegenüber. Ich streichle sie immer mal wieder, schaue sie immer mal wieder verliebt an, küsse ihre Stirn. Sie sagt irgendwann: merkst Du eigentlich, dass Du mich völlig ignorierst? Die beiden da sind viel enger als wir, er hat ständig seine Hand auf ihrem Bein, das machst Du nicht.
- Wir machen Urlaub am Strand, sie läuft aus der Brandung auf mich zu, sieht mit dem von hinten fallenden Licht fast aus wie ein anziehend Bondgirl. Ich sage ihr das, mache ihr ein Kompliment wie schön sie gerade ist. Sie versteht: ach, Du meinst Halle Berry? Die mit den schönen Brüsten? Vielen Dank dass Du mich darauf aufmerksam machst, dass meine Brüste Dir zu klein sind.
- Wir streiten uns über Vertrauen und was ich zuletzt alles getan hätte um ihr Vertrauen nicht zu verdienen. Sie stellt ohne jeglichen Grund in den Raum: sie wisse ja nicht, ob und wenn ja wie ich mit anderen Frauen über sie sprechen würde. Sie sei nicht sicher, ob ich ihr gegenüber Komplimente machen würde, aber anderen Frauen erzählen würde wie schlecht alles mit ihr sei. Mir fiel in dem Zusammenhang nur ein dass ich vor Monaten mal eine kurze Konversation mit einer Bekanntschaft von mir hatte und dabei (für mich selbstverständlich) kein böses Wort über sie gesagt, sondern sie im Gegenteil fast zu sehr auf den Thron gehoben hätte - sie sei eine starke und tolle Frau, alles wäre schön, das Kennenlernen eine Freude. Ich bot ihr an, den Chat gern lesen zu dürfen. Sie lehnte ab. Monate später erinnerte sie sich daran und forderte plötzlich: zeig mir doch mal den Chat. Diese von mir als sehr aggressiv empfundene, mehrfach wiederholte Forderung und die Dynamik in der wir uns gerade wieder befanden (sie stellte unmissverständlich fest: wenn Du ihn mir nicht jetzt sofort zeigst, vertraue ich Dir wieder weniger. Ich spürte, dass sich in mir alles zusammenzog, weil ich wusste: das darf so nicht sein, ich bin keine Erklärung oder Rechenschaft schuldig) führte wieder zu einem Bruch. Ich sprang über meinen Schatten und schickte ihr 10 Minuten später (und mit keinem guten Gefühl) Screenshots des Chats. Sie las ihn nicht mal, sondern stellte sofort fest: Du hast nur Screenshots geschickt. Vielleicht hast Du ja inzwischen was gelöscht.
- Ich habe längere Zeit nicht mein Profilbild bei Social Media geändert. Das wurde als Beleg dafür empfunden, dass ich was zu verbergen hätte, weil ich offensichtlich der Welt nicht mitteilen wollte, ich sei mit ihr in einer Beziehung.
- Ich hatte eine alte Plastik-Haarbürste von einer meiner Ex-Freundinnen noch irgendwo rumliegen. Als ich sie nach Aufforderung nicht sofort entsorgte (aus dem gleichen Grund wie so oft - nicht wegen der Bürste, sondern wegen dem was sie daraus macht), war das für sie der ultimative Beleg dass ich noch Gefühle für meine Exfreundin hätte.
Und so weiter und so fort.
Die größte Herausforderung liegt für mich darun, dass sie darum ringt, ihre aus meiner Sicht sehr ungesunde Basis, die sie in die Beziehung mirbringt, als normal und "einfach nur ihr Gefühl" zu beschreiben, und die von ihr geforderten Aktionen und Reaktionen meinerseits als "selbstverständlich" bezeichnet. Jeder Mann würde das tun, das sei doch wohl klar, und wenn ich das nicht automatisch alles selbst täte und verstünde, sei ich nicht empathisch, egoistisch, narzisstisch und was nicht alles.
Nach einem vor Kurzem beendeten Urlaub, der eine Katastrophe war, habe ich nun einen Cut gemacht und gesagt, ich muss aus dieser Dynamik raus und es wird nur eine Chance geben, wenn bei einem von uns wirklich ein Schalter umgelegt wird. So wie bisher geht es nicht weiter.
Damit meine ich: entweder ich stelle in der Reflektionszeit die ich mir gerade nehme fest, dass sie mit allem Recht hat, ich sie die letzten 2 Jahre unfassbar schlecht behandelt habe, und alles ändern muss. Oder sie stellt fest, dass ihre Themen aus der Vergangenheit unsere Probleme der Gegenwart befeuern, und es diese ohne sie gar nicht gäbe.
Spoiler: ich fürchte, ich bin bisher nicht auf dem Weg, dass mein Verhalten ihr objektiv betrachtet tatsächlich Grund zu Misstrauen, Eifersucht und Verletzungen gegegeben hätte - im Gegenteil. Aber ich kann an ihrer subjektiven Wahrnehmung und ihrer eigenen gefühlten Realität leider auch nichts ändern.
Ich bin mir nicht sicher, ob das eine Zukunft hat. Sie ringt darum, weil sie emotional an uns hängt. Ich schätze ebenfalls die schönen Momente die wir zweifellos hatten und die uns auf anderer Ebene verbinden. Aber aktuell muss ich meinen Kopf kurz die Kontrolle übernehmen lassen und vernünftig sein, weil ich sonst daran zerbreche. Das habe ich zuletzt sehr deutlich gespürt. Deshalb ist "Weitermachen wie bisher" für mich keine Option.
Würde mich freuen, wenn Ihr mal aus Eurer Sicht oder Erfahrung was dazu sagen könntet.