DerNorde
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🤩🤩🤩🤩🤩
Einen ähnlichen Gedanken hatte ich vor einigen Wochen.
Vor einiger Zeit war ich mit einigen Bekannten in der Innenstadt. Wir hatten uns draußen vor einem Bäcker niedergelassen, tranken Kaffee, aßen etwas Gebäck und beobachteten nebenbei das Treiben auf der Straße.
Irgendwann hörte ich einen Mann neben uns fluchen. Er war über einen Pflasterstein gestolpert und nur knapp einem Sturz entgangen. Er beschwerte sich lautstark über diesen einen Stein, als wäre er persönlich dafür verantwortlich.
Ich weiß nicht warum, aber genau in diesem Moment begann ich, die Straße anders zu betrachten.
Hier meine Gedanken.!🤭🤭
Eine Straße, die durch eine optische Täuschung den Eindruck erweckt, als würde sie sich nach hinten immer weiter verjüngen, bis sie schließlich nur noch wie eine dünne Linie aussieht.
Auch die Gebäude links und rechts der Straße scheinen diesem Effekt zu folgen. Geschäftsräume und Wohnungen wirken, als würden auch sie sich in der Ferne zu einem einzigen Strich verlieren.
Alte Gebäude stehen neben sehr alten. Dazwischen neu errichtete Häuser, frisch verputzt, mit glänzenden Fenstern und noch ganz ohne Geschichte. Und dann gibt es jene, an denen noch die Reklamen hängen: „Zu vermieten“ oder „Zu verkaufen“.
Geschäftsräume, Wohnungen – mieten, kaufen oder gleich das ganze Gebäude. „Super Rendite“ wird versprochen.
Aber welche Geschichten würden diese Gebäude wohl erzählen, wenn sie sprechen könnten?
Vielleicht von Geschäftsleuten, die voller Euphorie ihren Traum verwirklichen wollten. Motiviert bis in die Haarspitzen und überzeugt davon, es schaffen zu können.
Von denen, die anfangs mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, irgendwann aber den Dreh herausbekamen und später expandierten, weil die ersten Geschäftsräume längst zu klein geworden waren.
Von Menschen, die von Anfang an das richtige Händchen hatten. Und von solchen, die nicht lange durchhielten.
Von Unternehmern, die sich zu sehr auf ihrem Erfolg ausruhten und irgendwann feststellen mussten, dass Erfolg keine Garantie für die Zukunft ist.
Von Geschäftspartnern, die gemeinsam voller Tatendrang ein Projekt begannen und sich irgendwann wieder trennten.
Aber vielleicht würden die Gebäude auch von Menschen erzählen, die noch heute jeden Morgen die Tür zu ihrem kleinen Geschäft aufschließen. Menschen, die ihren Kunden persönlich begegnen, ihre Stammkunden kennen und trotzdem mit Sorge in die Zukunft blicken.
Denn die Zeiten haben sich verändert.
Global Player sind andere Platzhirsche als früher.
Und vielleicht würde ein Gebäude auch von einem neuen Besitzer erzählen, der das Geschäft übernommen hat und nun versucht, sich das Internet zunutze zu machen, um seinen Kundenstamm zu vergrößern.
Was würden die Gebäude wohl über das Leben der Menschen, die über den Geschäften gelebt haben und leben, erzählen?
Vielleicht, wie sie morgens, noch im Schlafanzug, runter zum Bäcker gelaufen sind, um zum Beispiel frische Brötchen zu holen?
Vielleicht noch kurz vor der Arbeit irgendwelche Kleinigkeiten für Kollegen besorgt?
Vielleicht Schreibutensilien für die Kinder für den Schulunterricht besorgt, weil diese in der Hektik des Tages vergessen wurden?
Vielleicht, wie sie aus dem Fenster mit einer bekannten Person unten auf der Straße ein Pläuschchen halten?
Vielleicht, wie ein Paar eingezogen ist und sich nach einer Zeit getrennt hat?
Vielleicht, wie eine Person einzog und nach einer Zeit eine andere Person zuzog?
Vielleicht, wie Kinder ungeduldig die Treppen hoch- und runterliefen, während die Eltern besorgt und bangend hinterherriefen, dass sie langsamer laufen sollten?
Vielleicht, wie Kinder schnell in den Laden liefen, um sich die leckersten Süßigkeiten zu kaufen oder vielleicht ein Eis?
Vielleicht, wie Kinder morgens auf dem Schulweg stehen blieben, um Sammelkarten zu tauschen, und dabei völlig die Zeit vergaßen?
Was würde die Straße erzählen?
Welche Geschichten würden ihr wohl im Gedächtnis bleiben?
Die Straße würde vermutlich von den Geschäftsleuten erzählen, die schon sehr lange ihrer Berufung nachgehen. Von den Bäckereiangestellten, die morgens früh den Teig für die Brote, für die Brötchen und für das leckere Gebäck vorbereiten.
Jetzt wird alles angeliefert und muss nur noch aufgebacken werden. Und es schmeckt immer noch lecker. Es ist und bleibt einfach etwas Besonderes! Sonntags Brötchen und Gebäck vom Bäcker bleiben immer noch ein Klassiker. Jedes Mal schwelgt man in Nostalgie bei diesen Gedanken.
Die Straße würde auch von den Lieferanten erzählen, die sehr früh am Bestimmungsort die bestellten Waren liefern. Vermutlich darf nur der „Lieferverkehr“ bis zu einer bestimmten Zeit in die Straße hineinfahren?
Und dennoch gibt es bestimmt andere Menschen, die zum Beispiel eine große Menge einer Ware abholen und deshalb sehr nah an das Geschäft heranfahren, damit sie keinen zu langen Weg haben. Oder andere Menschen, die vielleicht zerbrechliche Ware abholen. Damit sie mit der zerbrechlichen Ware keinen langen Weg laufen müssen, parken sie eben „schnell“ und nur „kurz“ vor dem Geschäft.
Manche fahren bestimmt einfach aus reiner Bequemlichkeit trotzdem hinein.
Die Ordnungshüter, die ebenfalls sehr früh unterwegs sind, um „Parksünder“ zu erwischen, schauen manchmal darüber hinweg. Manchmal verhängen sie eine Ordnungswidrigkeit. Manchmal sind sie gut gelaunt und der Gegenüber ist einsichtig und wird mit einer Verwarnung entlassen. Manchmal streiten sie mit einigen Menschen. Manchmal unterhalten sie sich auch nur mit einigen Menschen. Manche Menschen verstehen die Wichtigkeit ihrer Arbeit. Manche wiederum halten sie für reine Geldeintreiber der Stadt. Manche sehen sie einfach nur neutral.
Die Straße würde bestimmt auch von Menschen erzählen, die die Straße als ihren Arbeitsweg nutzen, weil hier ihr Lieblingsbäcker ist und dieser den besten Kaffee oder Cappuccino oder die besten belegten Brötchen der Stadt hat. Dafür nehmen sie gerne einen Umweg in Kauf. Andere nutzen vielleicht die Straße nur als ihren Arbeitsweg, weil es tatsächlich der schnellste Weg ist.
Wahrscheinlich laufen oder fahren auch Kinder die Straße entlang, um zur Schule zu gehen. Auch hier bleiben die Kinder bestimmt stehen, spielen, albern herum und vergessen komplett die Zeit.
Im Laufe des Tages herrscht ein reges Treiben auf der Straße und in den Geschäften! Man hört so viele Stimmen, die sich über alle möglichen Themen unterhalten. Wahrscheinlich sitzen zwei ältere Menschen draußen vor einem Bäcker, trinken ihren Kaffee und unterhalten sich darüber, wie das alles früher aussah und wie sehr sich das Straßenbild geändert hat.
Wahrscheinlich ist da ein Elternteil mit einem kleinen Kind, das ein Eis in der Hand hält und es genüsslich verspeist. Es ist dem Kind egal, dass sein halbes Gesicht mit Eiscreme beschmiert ist. Es ist dem Kind auch völlig egal, dass das Eis allmählich anfängt zu schmelzen und nur noch schneller heruntertropft.
Wahrscheinlich sind andere Kinder damit beschäftigt, Tauben, die sich gerne an solchen Orten aufhalten, weil es fast immer etwas zu essen gibt, einzufangen.
Die stolzen Eltern und auch einige Passanten und Kunden finden es ebenfalls amüsant. Und die Kinder freuen sich und geben ihr Bestes, um einen der Vögel einzufangen.
Andere Kinder, die voller Ungeduld darauf warten, dass es endlich wieder weitergeht, weil die Eltern sich erst einmal ausgiebig austauschen müssen.
Andere Kinder genießen wahrscheinlich das Treiben und schauen neugierig aus dem Kinderwagen. Einige sind bestimmt auch von Tauben fasziniert und greifen sogar danach. Andere Kinder genießen die frische Luft und schlafen tief und fest im Kinderwagen.
Wie viele Menschen sind streitend, über was auch immer, die Straße entlanggelaufen?
Wie viele Menschen haben am Telefon, mit einem Headset telefonierend, die Straße entlanggelaufen?
Wie viele Menschen hat die Straße gesehen, die ein Geschenk gesucht haben, bevor sie nach Hause gegangen sind, um mit dem Geschenk ihre Entschuldigung zu verstärken?
Wie viele Menschen sind die Straße entlanggelaufen, um ebenfalls ein Geschenk oder irgendeinen anderen Gegenstand zu erwerben, der sie an ihre Vergangenheit mit dem Liebsten oder der Liebsten erinnert? Diese wussten wahrscheinlich, dass diese Partnerschaft zu Ende ist, wollen aber noch ein letztes Mal kämpfen, um zu zeigen, wie sehr sie noch lieben.
Fühlt sich der Gang eines Menschen, der tief trauert, anders an als der eines nicht trauernden Menschen? Ist der Gang schwerer, trauriger oder beides? Spürt es die Straße?
Wie viele Menschen, die der Einsamkeit entfliehen wollen, haben sich einfach an einen Tisch beim Bäcker gesetzt und die Menschen um sich herum beobachtet? Wie viele davon hat die Straße gesehen?
Wie viele Menschen interessiert es überhaupt, dass da eine Straße ist?