Hi maoam,
ich hatte dir gestern schon einen längeren Text geschrieben und ihn dann verworfen, weil ich mir nicht mal sicher bin, ob du das überhaupt verstanden hättest.
Aber irgendwie dachte ich, ich sage dir dann doch mal etwas dazu.
Vielleicht auch deshalb, weil mir deine Denkweisen durchaus vertraut sind, wenn ich sie auch nicht teile.
Ich bin mit einem Moslem verheiratet.
Allerdings nicht vom Balkan, sondern aus Nordafrika.
Ich bin deutsch und nicht religiös.
"Nicht religiös" ist sogar untertrieben, ich bezeichne mich lieber als antireligiös, ehrlich, ich hasse das.
Soviel zu dem Hintergrund, vor dem ich dir schreibe.
Ich finde sowas inzwischen schon nur noch nervig.
Nicht, weil du deine Denkweise hast, die kannst du von mir aus haben und dich dann glücklich mit einer wieder zugenähten Frau zusammen tun.
Ihr belügt euch schön immer gegenseitig und beschwört "wallah", gegenseitig vor euch euren Heiligenschein. Schön.
Das ist ja deine Sache...
Was mich aber daran nervt, ist, dass es genug Frauen auf der Welt gibt, die eben nicht wählen können, ob und wen sie heiraten, ob sie ein "sündhaftes Leben" führen WOLLEN, ob sie vielleicht (ganz strebsam) studieren, ob sie "raus gehen" oder mit wem.
Dabei geht es der "Elite" (pah!) meiner Meinung nach nicht um Religion oder Tradition, sondern um den Machtanspruch der Männer in bestimmten Ländern, derzeit gut zu beobachten im Iran.
Da kann man nicht mehr sagen, erzählt der den Quark, weil er das wirklich glaubt oder will der bloß irgendein Argument gegen Frauen in Politik, hinterm Steuer, auf der Bühne finden?
Die Frauen in Deutschland haben aber ein Wahlrecht.
Alle.
Und ich kann gar nicht verstehen, warum man sich da so von der Familie beeinflussen lässt.
Ich weiß, dass der Familienbund in vielen Ländern auch übersetzt werden kann in "was in Deutschland die Sozialversicherung ist".
Dass vieles vielleicht auch ganz unbewusst abläuft.
Begreifen tu ich das dennoch nicht.
So eine Diskussion habe ich letztens noch mit meinem Vater geführt, da hat der gesagt: "Aber stell dir mal vor, wir wären so *beep* und hätten dir gesagt, DEN bringst du nicht mit in unser Haus. Wärst du dann auch nie mehr zu uns gekommen?"
Ich habe gesagt: "ja. Wäre ich nicht."
Er war total schockiert davon, da habe ich ihm gesagt: "Papa, ich muss nicht dankbar sein, dafür dass ihr meinen Mann als meinen Mann akzeptiert. Das sollte selbstverständlich sein und an irgendeinem Punkt muss man sich sonst eben entscheiden."
Und ich habe das genau so gemeint.
Mein Leben, meine Party. Und da bestimme ICH, wer eingeladen ist.
So einfach kann das Leben sein, Mann muss sich nur entscheiden.
Du scheinst etwas zerrissen zwischen deiner ursprünglichen Tradition aus der Heimat und dem normalen Leben und Umgang miteinander hier.
Ich finde, du solltest aufpassen, dass du nicht ins Extreme abrutschst, denn das passiert dann schnell und ich finde, du hast schon solche Tendenzen.
Versuche doch mal, dich hinzusetzen und es auseinander zu pflücken.
Glaubst DU es ist schlimm, dass sie mit anderen Männern rausgeht, oder glaubt das deine Religion?
Glaubst DU, dass sie mit keinem Mann reden darf, oder glauben das deine Brüder?
Glaubst DU dass sie eine muslimische Jungfrau sein muss, oder glauben das deine Eltern?
Weißt du, ich weiß, dass "eure" Art zu denken durchaus sehr positive Aspekte mit sich bringt.
Ich kann meinen Mann JETZT anrufen wegen einer mittelschweren Stimmungskrise und der kommt (bin nicht zuhause).
Zur Not mit dem Taxi, der hat bestimmt mein B. gefunden.

Ich kann den morgen nach einem fast beliebigen Geldbetrag fragen für ein neues Auto und er würde es irgendwie versuchen zu besorgen.
In Krisen ist er immer mein Rettungsanker gewesen.
Ich meine, wenn es WIRKLICH darauf ankommt, findet man ihn und das ist auch sein Anspruch an sich selber.
Als Moslem. Sagt er.
Er definiert das so.
Aber ohne den lästigen Kram.
Nur deshalb akzeptiere ich überhaupt diesen Aberglauben.
Weil ihn das in seinem bestimmten Fall besser macht.
ICH glaube das nicht, ich glaube, er ist einfach ein (manchmal zu) netter Mensch.
Aber ER meint halt, das ist religiös motiviert.
Ok....
Und darauf kommt es doch an:
Jeder kann sich seinen Glauben, seine eigenen Ansichten so stricken, wie er mag.
Dann nutze doch diese Freiheit hier zu deinen Gunsten, nicht zu deinen Ungunsten,indem du dich gedanklich so einschränkst, dass das Leben gar keinen Spaß mehr macht.
Und vermiese es vorallem den anderen (deiner Freundin) nicht gleich mit.
Trenn dich konsequent und lästere nicht noch über ihr hinterher-laufen (nur weil dich das schmeichelt) , oder akzeptiere halt, dass sie vor dir schon mal andere Männer gesehen hat, und (oha) vielleicht sogar schon mal mehr als drei Wörter mit denen gewechselt hat.
Etwas dazwischen gibt es nicht.
Aber dann halte sie wenigstens nicht noch unnötigerweise hin.