Zitat von Gnauri: Fragestellungen die du hier in den Raum wirfst. zum Teil auch etwas philosophische. Finde ich echt nice.
Danke!
Ja, ich glaube, nur wenn man zumindest die wesentlichen Dinge des Lebens ein bisschen nach- und tiefdenklicher betrachtet, kann man auch einigermaßen save sein.
Ich habe das leider noch immer nicht ganz verstanden (vielleicht habe ich es überlesen). Du sagst ja, Ihr seid seit einem Jahr zusammen. Du sagst aber auch, die Ehe Deines Freundes sei noch nicht tot gewesen, zumindest nicht für seine Frau, und er habe z. B. noch familiäres Weihnachten gespielt.
Wie war denn dann die Zeitaufteilung, wenn man so sagen kann? Ich meine, wenn jemand verheiratet ist und dann etwa tage- oder wochenlang nicht zu Hause ist, dann muss dem Partner das ja auffallen, und irgendwie wird ihm das verdächtig vorkommen.
Du sagst, Du erwartest Ehrlichkeit. Ist auch verständlich.
Ich halte diese Ehrlichkeit aber gerade in Gefühlsdingen für etwas höchst Ungewisses und auch Selbstungewisses. Gefühle sind ja etwas Fließendes, keine Tatsache, die ein für allemal feststeht. Und aus einer Ungewissheit heraus ehrlich zu sein, wäre ja an sich schon unehrlich. Nicht mehr als eine Momentaufnahme vielleicht, die dann hinterher leicht als Unehrlichkeit ausgelegt werden kann.
Ich stelle es mir bei Deiner Geschichte ungefähr so vor: Dieser Mann hat sich in Dich verliebt (wie Du Dich in ihn), Du hast gesagt, Du lebst in Scheidung, er hat das aufgegriffen und sozusagen mit Dir gleichgezogen, damit er Dich nicht verliert. (Ehrlichkeit ist ja nicht per se immer gut - von der Ungewissheit habe ich schon gesprochen -, sondern sie kann, symbolisch, auch tödlich sein.)
So, dann ist man in dieser Nummer drinnen, die Gefühle vertiefen sich, die Bindung stärkt sich, und es wird nur immer schwieriger, mit den Tatsachen rauszurücken. (Natürlich gibt es krafthäutige Edelmenschen, die es so weit gar nicht kommen lassen - aber nicht alles ist ein tadelloser Edelmensch (nach eigener Definition zumindest).)
Und daraus ergeben sich dann solche an sich unmöglichen Verstrickungen, man liebt jemanden, zu Hause gibt es aber auch jemanden - und schon ist man der böse Bube oder das böse Mädchen, für den moralischen Mittelstand zumindest.
Das alles ist ja bei weitem nicht so einfach, wie man sich das gemeinhin vorstellt. Man ist "gebunden" (ein sehr trefflicher Ausdruck für diesen an sich schon fragwürdigen Zustand), verliebt sich, alles ist noch im Ungewissen (steckt hinter dieser Verliebtheit ernsthafte Liebe, ist es nur ein vorübergehender Rausch, ein triebhaftes Verlangen, eine plötzliches Nähebedürfnis, eine dunklere oder hellere Faszination ..., lässt sich darauf etwas aufbauen, hat es langfristig Zukunft usw.?)
Und ich behaupte mal: Kein Mensch, der noch nicht seinen Verstand gegen seine Moralapostelei eingetauscht hat, wird sich in diesem unbestimmten Anfangsstadium gleich trennen, es sei denn, er hat ohnehin nur noch auf eine günstige Gelegenheit für den Absprung gewartet.
Wenn ich mir mal überlege, mir würde eine solche Geschichte widerfahren, so komme ich, Liebe vorausgesetzt, zu dem Schluss, dass ich dem Betreffenden ja sogar noch den Rücken stärken würde, und zwar allein schon aus dem Verständnis für die Situation heraus.
Man darf ja nicht unterschätzen, welche Macht ein Partner über den anderen haben und ausüben kann. In manchen Fällen kann diese Macht geradezu furchteinflößend sein. Und dann sagt man eben nicht mal beim Frühstück: "Übrigens - ich habe mich da in jemand anderes verliebt und trenne mich übermorgen von dir, nur damit du schon mal weißt."
Woran es halt oft fehlt, ist der Wille, der Wunsch, auch die Fähigkeit zu verstehen. Bzw. man versteht nur aus der eigenen Perspektive und den eigenen Strukturen heraus. Das erfasst dann aber eben nur die eigene Situation und die eigenen Zustände, in denen sich leicht kotzen und großkotzen (damit bist nicht Du gemeint wohlgemerkt) lässt, aber nicht die Situation und die Zustände des anderen.
Und das halte ich für einen wirklich fundamentalen Fehler bzw. Mangel, der es einem unmöglich macht, die Dinge konstruktiv zu lösen. Was immer dann dabei herauskommt.
Jedenfalls ginge ich in einem solchen Fall nicht zur Gegnerschaft über (was für mich auch gar nicht mit Liebe vereinbar wäre), sondern würde versuchen, der Betreffenden den Rücken zu stärken, sofern es tatsächliche eine gemeinsame Liebe gibt, sie (die Frau, nicht die Liebe

) aber aus der anderen Beziehung aus welchen Gründen auch immer nicht rauskommt, obwohl sie das möchte.
Von Anfangsschwierigkeiten, Unehrlichkeiten eingeschlossen, ließe ich mich jedenfalls nicht irritieren. Zumal nicht selten Beziehung mit solchen Anfangsschwierigkeiten die stabilsten und gedeihlichsten sind. Gemeinsam Steine aus dem Weg zu räumen verbindet weitaus mehr als gleich in das glückselige Goldstroh zu fallen.
Solche Steine räumt man aber eben nicht mit Vorwürfen und Aufgeregtheit aus dem Weg, sondern mit entschlossener Zuneigung.
Das Leben belohnt, meiner Erfahrung nach, nicht den Wütenden, sondern den Liebenden.