Zitat von Samei: kann man sein Gefühlsleben einfach ändern?
Einfach niemals.
Ändern ist auch zu groß, das schürt falsche Erwartungen.
Du kannst Einfluss nehmen.
Du hast Handlungsspielräume.
Je besser du dein eigenes Fühlen und Denken verstehst (und ich fand es immer sehr schwer), desto mehr kannst du erkennen - und somit auch verändern. Verbessern.
Wenn du dich schlecht, verlassen, einsam, minderwertig fühlst -
dann macht es einen riesigen Unterschied, ob du denkst (und somit auch bald fühlst), dass du es in den Sand gesetzt hast, alles falsch gemacht, alles kaputtgemacht.
Oder ob du reinfühlst, empathisch in dich selbst: was ist da los?
Woher kommen diese Tränen?
Warum konnte ich gefühlt nicht anders handeln? Was hat mich abgehalten, zu sehen? Zu sein, wie ich will?
Du hast die Wahl:
Du liegst am Boden, deine neue Grundlage. Am Boden der Tatsachen angekommen: auch du brauchst Bindung. Auch du bist ein Mensch, der wie jeder andere Kontakte braucht, um sich der Welt verbunden und darin einigermaßen sicher zu fühlen.
Das hast du bis jetzt verleumdet.
Du hast dich geschützt, denn in deiner Kindheit hast du nur negative Bindung beobachten - und somit auch nur negative Bindungen erlernen können.
Also hast du vermieden.
Das ist so folgerichtig wie unbewusst abgelaufen. Und nun hast du da eine Jahrzehnte umfassende Erfahrungslücke, die nur mit einem erfüllt werden kann:
Neue Erfahrungen.
Und die Angst ist kein Stück kleiner geworden.
Nur das Bedürfnis, ausgelöst durch die schönen Erfahrungen mit ihr, ist unweit größer.
Anstrengende Mischung.
Zitat von Samei: Bedeutet selbstbestimmt, dass man einfach über den größten Rückschlag seines Lebens hinweg steigt und das abhakt, einen Teil, der vorher nicht existiert hat?
Absolut nicht.
Selbstbestimmung beginnt mit Verstehen.
Abhaken ist zu einem ganz anderen Zeitpunkt Phase.
Erstmal Verstehen. Lernen.
Hinterfragen.
Denn wenn du nicht weißt, was in dir, welche Anteile, Erfahrungen und Prägungen, dein Handeln leiten -
dann bestimmst du nicht, was du machst.
Dann wirst du bestimmt, hin und her geschleudert von verleugneten Gefühlen, die dann vielleicht als körperlicher Schmerz versuchen, Gehör zu finden.
Oder in Form von Panikattacken, Depression, die Liste ist endlos.
Oder erstarrst in einer Beziehung, die du eigentlich unbedingt erhalten willst.
Und verstehst dich nicht, wirfst es dir vor, schlägst noch auf dich selbst ein.
Und das hilft gar nichts.
Wohlwollend herausfinden, warum du getan hast, was du getan hast.
Und es dir verzeihen.
Wachstum findest du nicht in Selbstgeißelung.
Zitat von Samei: Ich bin keine 20 mehr; sowas ist kein Kratzer im Lack, das geht richtig tief
Es ging schon immer tief.
Du hast es mit 20 nur noch nicht erfahren.
Du hast dich davor geschützt.
Aber da Bindung etwas Fundamentales für Menschen ist, etwas, ohne das sie nicht lebensfähig sind - hast du dich mit deiner Vermeidung genauso geschützt wie deiner persönlichen Entwicklung im Weg gestanden.