Achtung: Sarkasmus. Muss raus.
Jetzt feiert meine Frau also morgen mit unseren Kindern, ihrem Vater und ihrer Schwester in ihrer neuen Wohnung Weihnachten. Die Pfarrerstochter feiert mit dem Pfarrer das Fest der Liebe, der Fürsorge, der Nähe, der Wärme, der Geborgenheit, der Tradition, der Familie. Es wird ein schönes Fest, sie werden in die Dorfkirche gehen, ihr Vater und ihre Schwester werden ihre neue Wohnung ganz toll finden. Überhaupt, sie werden meiner Frau nur beipflichten. Ihr Vater und ihre Schwester, die immer schon genug mit sich selbst zu tun hatten und mit Mühe jeweils ihr Leben halbwegs in den Griff bekommen haben. Abgebrochene Ausbildungen, Trennungen alle paar Jahre, finanzielle Instabilität, dutzende Umzüge in wenigen Jahren.
Meine Frau war ihnen immer etwas suspekt - alles gelang ihr, diese Streberin, Abi, Studium, solider, verlässlicher, wohlhabender Partner, Promotion, tolle, gesunde Kinder, Eigentumswohnung, eigene Praxis, später das Haus im Speckgürtel der Stadt... Es schwang immer etwas Neid und ein Gefühl der Andersartigkeit bei ihrem Vater und ihrer Schwester mit. Sie werden meiner Frau beipflichten, der Schritt war richtig, du musst dein Glück finden, nimm dir Zeit.
Keiner wird unangenehme Fragen stellen - das macht man in ihrer Familie nicht. Musstest du wirklich gleich alles hinschmeißen? Dir jeden Weg zurück verbauen? Was ist mit euren Plänen für die Kinder? Müssen sie wirklich diese schwere Hypothek einer Trennung tragen? Das wird niemand fragen. Sie werden sich wieder mehr mit ihrer Schwester und Tochter verbunden fühlen - jetzt hat sie ihr Leben auch mal zerlegt. In welcher Weise sich meine Frau unter Missbrauch meines Vertrauens finanziell auf meine Kosten abgesichert hat, werden sie wahrscheinlich erstmal gar nicht erfahren. Sie werden erfahren, dass ich Fiesling ihr meinen Dienstwagen weggenommen habe, den meine Frau immer als Familienkutsche gefahren ist. Ihr Vater muss ihr auch noch in der Not sein Auto zur Verfügung stellen.
Ich hingegen werde morgen bei meinen Eltern feiern. Wir nehmen noch meiner Frau den Hund ab, weil es sonst für sie zu viel wird. Ist in Ordnung, ich mag den Hund, es ist ja auch mein Hund. Meine Eltern, die sich nie etwas aus Religion und Glaube gemacht haben, ja ich würde sie sogar als Nihilisten bezeichnen. Diese Eltern, die vor fünf Jahren goldene Hochzeit gefeiert und meine Vorstellung davon geprägt haben, was es heißt, als Ehepartner und Familie zusammenzuhalten. Meine Eltern, die mir eine klassische, behütete, geborgene Kindheit mit Stabilität, Kontinuität und Tradition ermöglicht haben. Mit ihnen werde ich morgen feiern, anstoßen. Wir werden das beste daraus machen und uns auf den Folgetag freuen, wenn die Kinder bei uns sind. Inzwischen kann ich meinen Eltern zum Glück wieder ins Gesicht sehen. Ich, der ich immer kompromisslos zu meiner Frau gehalten und dadurch die Beziehung zu meinen Eltern massiv belastet habe. Der ich meine Eltern an Weihnachten vor 2 Jahren gebeten habe, den von meiner Frau herbeigesehnten Haus-/Wohnungstausch zu ermöglichen - für die Familie, für die Kinder. Sie sind fassungslos, aber sie halten zu mir. Wir werden anstoßen darauf, dass wir hoffentlich den Tiefpunkt hinter uns haben und es hoffentlich von nun an langsam wieder aufwärts geht. In einem neu geordneten Leben.