Zitat von rosenherz: Ich finde auch, dass die Beziehung irgendein Problem hat, sonst würde der Fakt des Fremdverliebens nicht passieren. Aber warum darf das kein besonderer Mensch sein? Warum darf es dieser Mensch nicht Wert sein, ihn im Leben behalten zu wollen?
Ok, das sind ja jetzt eine ganze Menge verschiedener Annahmen und Schlussfolgerungen.
Also, Punkt eins:
Das mit der guten Beziehung, wo Fremdverlieben einfach nicht passiert, stimmt mE nicht.
Erstens: Was ist eine gute Beziehung?
Das faszinierende am Verliebt sein ist ja, dass man sich für eine Weile komplett einander zuwendet. Ich würde sagen, wenn es in eine Beziehung, besonders eine langjährige geht, wendet man sich erst mal gemeinsam wieder zunehmend dem Außen zu, und dann auch wieder zunehmend jeder seinem individuellen Außen. Dieses sich dauerhaft komplett einander zuwenden lässt sich nicht zurückholen, und vermutlich ist das auch gar nicht wünschenswert.
Und dann wird ja immer behauptet, und da stimme ich auch recht weitgehend zu, dass neue Lieben etwas bedienen, was in der Hauptbeziehung zu kurz kommt. Jetzt halte ich es aber für völlig natürlich, ja unausweichlich, dass in einer langjährigen Beziehung immer irgendwelche Aspekte zu kurz kommen. Verstärkt, wenn sich jeder der Partner ja auch weiterentwickelt, und sich Wünsche und Bedürfnisse ändern. Ganz wichtig: das macht eine Beziehung ja nicht schlechter oder weniger wertvoll, oder auch nur weniger lebendig. Das entspricht halt dem Lebenszyklus von Beziehungen, so wie ich ihn verstehe.
Also, zusammengefasst: auch in einer guten Beziehung werden Bedürfnisse nicht befriedigt, bleiben Leerstellen, manchmal wichtige. Auch in einer guten Beziehung wird dieses dauerhaft intensiv einander zugewandt sein verschwinden. Das ist mE eines der Dinge die das verliebt sein so derart magisch und nährend und erstrebenswert macht.
Jetzt ist die Frage, was man daraus halt für Konsequenzen zieht.
1. Man kann sich das verliebt sein verkneifen.
2. Man kann alle paar Jahre den neuen Schmetterlingen hinterherlaufen, vielleicht sogar in dem Irrtum, diesmal den noch besseren langfristigen Partner gefunden zu haben.
3. Oder man kann es, so wie ich genau aus diesen Gründen, mit alternativen Beziehungsmodellen versuchen.
4. Was vermutlich in der Praxis auch gelegentlich vorkommt, aber sehr viel Aufgeräumtheit braucht: diesen anderen Menschen, mit dem die Funken fliegen, in einer anderen, unsexuellen, unpartnerschaftlichen Art in sein Leben integrieren. Wahrscheinlich macht es dann aber Sinn, den Hormonrausch erst mal verfliegen zu lassen.
Ok, wenn ich es also mit Plan 1, dem Standardplan unserer Gesellschaft versuche, dann hat im Kern Rama recht. Man achtet am besten auf die allerersten Anzeichen, dass man jemanden toll finden könnte, und unterbindet das gleich. Man macht sich klar (was ja auch stimmt), dass es die Hormonkaskade im eigenen Hirn ist, die uns weismacht, dass der andere toll ist, und nicht notwendigerweise irgendwelche Dinge, die den anderen objektiv toll oder auch nur objektiv besonders passend für uns machen. Man macht sich klar, dass es nicht diese eine, besondere, schicksalhafte Begegnung ist, die uns durch den Funkenflug angezeigt wird, sondern dass es eine ganze Reihe von Menschen gibt, die diese Hormonkaskade in uns auslösen könnten.
Zusammengefasst: Die Entscheidung, diese magischen Begegnungen herunterzuspielen und zu vermeiden, zu verdrängen und zu rationalisieren beruht auf der vorher getroffenen Entscheidung, wie man Beziehung leben will.