Grundsätzlich finde ich die bisherige Diskussion gerade auch mit den Reizpunkten (Trigger) immer noch sehr konstruktiv. Mögt ihr anders sehen. Und es ist auch richtig, sich darüber auszutauschen, denn als EF kann ich nur ahnen, was AF zur Weißglut bringt und umgekehrt ebenso. Wo habe ich denn mal die Gelegenheit, mich mit APs in "freier Wildbahn" zu treffen, die mir dann auch noch aufrichtig was über ihr Leben erzählen, wie es bei ihnen war. Das ist super kostbar, was wir hier machen. Und bewundernswert, wie weit wir hier gekommen sind mit der Diskussion.
Ich empfinde bei allen hier auch einen grundsätzlichen Willen, sogar ein Bedürfnis, zum Verständnis. Für sich selbst und für die anderen SchreiberInnen. Schließlich ist dieser und auch der andere Affärenthread ein äußerst "heißes Eisen" und ein rühren an heftig schmerzende Wunden. Nicht verwunderlich, dass dann mal der Schmerz zu groß wird. Und trotzdem wird weiter geschrieben. Das Bedürfnis nach Austausch ist also da.
Und ich kann uns alle nur bewundern, dass wir den Mut und die mentale Fähigkeit haben, immer wieder dieses "heiße Eisen" anzupacken - gemeinsam, bis wir merken, dass es abgekühlt ist.
Statistik:Ich hab als Nebenfach Soziologie studiert und viel mit Statistiken gearbeitet früher. Ich kenne auch die Göttinger Studie. Ich fand es durchaus hilfreich zu sehen, wohin die Tendenz geht. Die Aussichten für Ehepaare, die nach einer Affäre zusammenbleiben wollen, waren aber, meiner Erinnerung nach, auch nicht prickelnd hoch. Für eine Chance, die Ehe nach einer Affäre zu kitten, sagte diese Studie aus, dass es unabdingbar sei, dass der betrügende EP sich kompromisslos vom AP trennt bzw. KS verhängt und offen alle Fragen dazu vom EP beantwortet. Mein Ex wollte wohl die Ehe retten, aber er war nicht bereit, sich von seiner AF zu distanzieren. Das habe ich mir dann ein paar Wochen angeschaut und bin dann gegangen, nachdem ich ihm deutlich gesagt hatte, es kann nur eine geben. Ich war es nicht.
Auf dieses Ende gibt es die Perspektive:Mein Ex hat den Mut aufgebracht, sich aus einer langweiligen, am Boden liegenden Ehe zu befreien, um seiner Next ein freieres, glücklicheres Leben zu führen. Er macht jetzt die Sachen, die ihm am Herzen liegen, reist viel und oft, führt mit ihr viele Gespräche (weiß ich von ihm) und arbeitet so seine Vergangenheit auf. Er erlebt sich als Vater neu, da er sich ohne die Mutter viel intensiver mit den Kindern beschäftigt, was er vorher oft auf die Mutter abgewälzt hat. Er hat endlich den Absprung geschafft aus seinem Elternhaus auszuziehen und baut nun endlich das langgeplante Haus für seine (neue) Familie.
Eine andere Perspektive:Nach einem Jahr intensive Beziehungsarbeit mit Paartherapie, Gesprächen und auch einer schrittweisen Wiederannäherung mit Zukunftsplänen mit mir und anvisierten Hausbau (endlich raus aus dem Schwiegermutterrevier - wir lebten unter einem Dach in seinem Elternhaus) tritt er eine vierwöchige Reise über Weihnachten und Silvester an. In einer großen Ehekrise lässt er seine Frau und Kinder an Weihnachten zurück und tritt eine langersehnte Reise an. Die Kinder sind wütend auf ihren Vater, weil er sie an Weihnachten ohne ihn unterm Tannenbaum hocken lässt. Wir haben Gäste aus dem Ausland. Ich stemme alles allein. Auch die SchwieMu hängt an meinem Rockzipfel. Mein Ex und ich schreiben Emails, wo er mir mehrmals versichert, wie weit ihn die Paartherapie gebracht hat, dass er die Ehe mit mir fortsetzen will usw. und sein/unser Leben neu ausrichten möchte. Ich gehe darauf ein und bitte ihn, mir dabei zu helfen, mein Vertrauen zu ihm wiederzuerlangen. Irgendwas ist komisch. Er antwortet länger nicht. Anfang des Januar hole ich ihn vom Flughafen ab, umarme ihn zur Begrüßung und küsse ihn auf den Mund. Er weicht irgendwie zurück. Am Abend berichtet er mir, dass er jemanden kennengelernt hat. Er ist völlig euphorisch, ich kann es gerade noch verhindern, dass er mir Bilder von ihr zeigt. Ich gehe dann zu Bett, weine, merke, wie der Schock von Körper und Seele Besitz ergreift. Ich suche mir zügig eine Wohnung und ziehe aus.
Eine weitere Perspektive:Eine junge, Weltenbummlerin, Single, mit Bindungwunsch, arbeitet bei einem Reiseunternehmen. Sie lernt während ihrer Arbeitszeit einen Mann kennen, der ihr über sein irgendwie schiefliegendes Leben und seine unbefriedigende Ehe berichtet. Sie verliebt sich. Sein Vertrauen rührt sie. Sie weiß viel über die spirituelle Dimension von Beziehungen, erklärt ihm vieles, ist verständnisvoll. Das tut beiden gut. Sie gehen zusammen ins Bett, obwohl es dem Reisepersonal strengstens verboten ist. Doppelt heimlich! Keiner darf das wissen. Die Herzen wollen aber zueinander, die Körper auch. Die Reise endet, sie ahnt, dass sie ihn wohl nie wieder sieht. Oder vielleicht doch? Es gibt Hoffnung. Sie zeigt sich großzügig und meint, er solle erstmal seine Situation klären. Nach der Reise haben sie regelmäßig Kontakt. Sie unterstützt ihn bei seiner "Wahrheitsfindung", wo sie nur kann. Er verlässt sich auf sie. Dann kommt die erlösende Botschaft. Er hat sich getrennt und besucht sie und sie beschließen, es geht zusammen. Da sie im Ausland wohnt, zieht sie gleich zu ihm. Anders könnte man ja nicht ausprobieren, ob es zusammen geht (ihre Worte bei meinem ersten Gespräch mit ihr). Sie fühlt sich stark genug, ihn durch diese Trennung zu begleiten. Da sie selbst Scheidungskind ist, ist sie sich sicher, sich gut in die Kinder reinversetzen zu können. Sie ist glücklich.
So, meine Lieben. Welche Geschichte ist jetzt die richtige? Welche ist die wahre?
Sie sind alle auf ihre Weise wahr, nur aus einer jeweils anderen Perspektive geschrieben. Klar, die Geschichten gehen ja noch weiter, aber das spare ich mir für später auf

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Ich glaube, es ist ganz leicht nachzuvollziehen, dass AP wohlmöglich die Happy-End-Seite dieser meiner Geschichte am meisten anspricht, weil sie sich da mehr einfühlen kann durch Selbstbetroffenheit. Die EF wird sich von der EF-Seite der Geschichte mehr ansprechen lassen, weil sie sich da einfacher reinversetzen kann.
Durch Beträge von möglichst vielen Seiten, wird das einfache Bild ein mehrdimensionales.