@Küstenperle
Die kanadische Witwe ist ein Beispiel für Dinge, die ich eigentlich nicht erzähle, weil sie klingen, als hätte ich jetzt nicht mehr ganz alle Tassen im Schrank.
Die Mails der kanadischen Witwe waren eigentlich immer von gemäßigter Brisanz und Interessantheit, da wurde seit Spätherbst viel Schnee geschaufelt, die Hunde mußten spazieren geführt werden, sie hat auch gerne und viel gekocht und Schwänke aus ihrem Leben erzählt oder sehr nett nach dem meinem gefragt.
Mitten in so einer Schneeschaufelepisode brach die Mail dann ab und es folgte:
Und so. er. . couldn't find a blue phone booth to change back into a Canadian. (Cell phones had made them obsolete.) So, there he was, naked as a jay bird on main street! But hardly anyone gave him a glance. Everyone was singing, "O Du Lieber Augustin" in Russian. He had no choice but to become a skeleton in a closet; his reputation for ever ruined. After purchasing a ticket for Voyage Of the Damned, he immediately left town. And that was all anyone ever knew, until he resurfaced in Nicaragua on January 8, 2018 under a half moon.
To be continued. . .
Das Meiste davon sind Redewendungen oder Teile von Unterhaltungen, die wir einmal hatten, zum Beispiel warum es die blauen Polizeiboxen nicht mehr gibt, der Eichelhäher ist mein Lieblingsvogel, das Nicaragua aber war mal meine Lieblingskneipe, das Half Moon seine.
Ich hol mal weiter aus, wenn`s ok ist. Ich hatte 2016 während der ersten unserer traumatischen Beziehungsabbrüche/Pausen einen Mailpartner, der auf mein Profil dieser international penpalsite geantwortet hatte.
Ich bin auf der Seite seit Ewigkeiten, hatte aber damals schon länger nicht mehr irgendjemandem geschrieben dort. Meine Regeln für die Schreiberei dort waren immer klar- keine Bilder, keine Anrufe, kein Flirt, nur Schreiben. Der Mann, der mir dort auf mein Profil hin geschrieben hatte, war irgendwo aus England, nett, witzig, guter Schreibstil. Und er hieß Paul. Wir nannten unseren Mailkontakt "teatime" und luden uns virtuell jeweils zu einer Tasse Tee in einer netten Teestube ein, derjenige der einlud, durfte das Thema der Mail bestimmen, das war manchmal Beziehungen, manchmal Politik oder Literatur. Ja, es dürfen Augen gerollt werden, aber ich schreib halt gerne und ich fand, das war harmlos genug. Teepaule war ein runderherum angenehmer und aufmerksamer Geselle, der aber just zu der Zeit im digitalen Nirwana auf Nimmerwiedersehen verschwand, als der Zeckerich und ich wieder zusammen waren. Ein Lump ist, wer Böses dabei denkt.
Jetzt hatte ich Teepaule aber auch mal Dinge aus meinem aktuellen Alltag geschildert und hatte später ein paar Mal ein komisches Gefühl in der Magengrube, als der Zeckerich mal am Rande ein Ereignis erwähnte, von dem ich ihn aus Beziehungspausengründen gar nicht erzählt haben konnte. Es war so unwichtig und auch irgendwie ein bißchen arg seltsam. Wie hätte ich das jetzt ansprechen sollen? Du, Zeckerich, sag mal, ähem, kann es sein, dass du mir unter dem Namen Paul mal eine Zeitlang geschrieben hast- nur so eine Idee, ha ha, vergiss es am besten sofort.
Ich kam mir ein bißchen vor wie meine Großtante die immer argwöhnte, das Pflegepersonal wolle sie mit den Kukidents vergiften, in die ihr Gebiss getaucht wurde. Ich hab das Ganze zu den Akten gelegt und gedacht, ich hätte mich geirrt. Und das hab ich ja vielleicht auch. Oder auch nicht.
Die kanadische Witwe ist halt auch wieder so ein Ding. Ich kann einfach nur spinnen oder es war wirklich so, dass er unter einem anderen Namen geschrieben hat. Manchmal sind da so Dinge mit ihm vorgekommen, die ich nicht einordnen konnte, war verunsichert und hab es dann zu den Akten gelegt.
Das Perfide allerdings daran war, dass es banale oder irgendwie Dinge waren, die ich schlecht ansprechen konnte, ohne mich irgendwie lächerlich zu machen. Oder gehörig an mir selbst zu zweifeln. Und ganz ehrlich, sowohl Teepaule als auch die Witwe haben mich etwas verwirrt.
Jetzt wo ich aufgeschrieben habe, überkommt mich auch wieder so eine Welle von "muss ich nie mehr haben".