
Ich glaube, so heulende Ausraster braucht es anscheinend manchmal.
Eine Freundin hat heute angerufen und ich hatte
KEINE Lust, über Inseln und deren schräge Bewohner zu reden. Ich hab erstaunt festgestellt, dass ich mein Buch und ihr geplantes Frühlingsprojekt auf einmal ohne zu heucheln oder mich anzustrengen für ein besseres Gesprächsthema hielt. Für
mich besser. Für sie schätze ich auch.
Ich hab die perfekte Ablenkung für etwaige Grübelattacken gefunden- online Grammatikquiz, online Lautschrift Quiz, online Zeitenquiz. Und einfach so lange machen, bin man überall 100 Prozent richtige Antworten hat. Funktioniert immer.
Ich hab mir den Luxus gegönnt, trotz baldigem Kurs und Lernerei, den ersten ganz ganz klitzekleinen Entwurf zu meiner Waschbärgeschichte zu machen, die mir schon lange im Kopf herumspukt. Mir will die Handlung noch so gar nicht einfallen, aber ich wollte schon ewig ein Buch über einen Waschbär illustrieren.
Mein Sohn und ich haben einen kleinen Finken gefunden, der verletzt war und auf der Fahrt zur Wildtierauffangstation dachte ich so vor mich hin und an Sachen die Mist waren in den letzten Jahren, die mich verletzt haben. An Dinge, die mich triggern. An meine Trauer und den Schmerz jetzt oft. An meinen Weinkrampf gestern. An das Gefühl der Erleichterung heute morgen beim Kaffee am Frühstückstisch.
An das, was mich sehr sehr insgeheim zwickt. Mich zwickt,
dass er da irgendwo jetzt tatsächlich. jetzt ganz ohne mich. und er vermisst mich doch bestimmt. jetzt komm schon, das muss er. und es bereuen. was auch immer. und warum hat er. Und dann knibbelt und kratzt man an diesem Punkt herum wie an einem Schorf der immer wieder aufbricht dann. Man kann es nicht in Ruhe lassen. Oder halt dann doch. Vielleicht muss ich das diesmal in Ruhe lassen und ihn auch. Vielleicht ist das diesmal so übel verbal eskaliert damit endlich endlich keiner von uns beiden mehr das Gefühl hat da müßte man noch mal drüber reden. Und dann wieder in die nächste Runde starten. Nicht mehr rumknibbeln, darf heilen jetzt?
Ich muss nicht in so einer Geschichte
steckenbleiben.
Ich hab vor 30 Jahren im Kibbutz mit einer alten Frau in der Wäscherei gearbeitet, die in Warschau ihre Familie verloren hat, Mann und Kinder. Ich mag mir nicht im Mindesten die Schrecken ausmalen. So viel Leid. Und natürlich läßt sich so ein Leid nicht auf Liebeskummer und Trennung übertragen, so a la [i
]stell dich nicht an, woanders haben die Leute echte Probleme Das meine ich auch nicht. Sie war eine der taffsten Frauen, die ich jemals kennengelernt habe. So einen bissigen Humor, so agil mit noch über 80. In der Pause hat sie sich von mir oft heimlich eine Zig. geschnorrt und wenn ihre Tochter vorbeikam, mußte ich sie schnell nehmen und hinter den Rücken halten. Meine Tochter, hat sie mal gemeint, führt sich vielleicht auf- ich hab Ausschwitz überlebt und da meint sie, sie kann mir das Rauchen verbieten? Ich mußte bißchen grinsen und hab sie gefragt, wie sie eigentlich weitermachen konnte. danach. Nochmal heiraten. Kinder. Den Kibbutz aufbauen. Ach weißt du, hat sie nach einer Weile gesagt-
wir waren so viele. Und dann hab ich gesehen, die anderen schaffen das auch. Wir waren halt so viele.
Das hat mich jahrelang begleitet, der Satz.
Wir waren so viele. Diese ganze Affärengeschichte ist ja nichts, was nur ich erlebt habe- wer hätte das gedacht. Und Überlebende hier haben tatsächlich berichtet, dass es ein Leben nach der Trennung gibt.