Regenmädchen
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Ich bin traurig. Und wütend. Auf mich selbst. Weil ich im Selbstmitleid zu ertrinken drohe. Ich bin keine Frau, die einem Mann hinterher läuft, keine, die um einen Mann weint. Das dachte ich zumindest.
Ich hab es mit Alk. versucht, mit Partys, mit Flirts. Mit jeglicher Form von Ablenkung. Sport, Konzert, Comedyshow. Ich hab versucht darüber zu reden. Mit Freunden. Menschen, denen ich vertraue. Ich hab versucht, sämtliche Gefühle zuzulassen, hab mich viel zu oft in den Schlaf geweint.
Meine einzige Hoffnung scheint Zeit zu sein. Doch wenn ich an Zeit denke, muss ich schon wieder an ihn denken. Daran, dass ich mit ihm Kino war. Dass er zur Kassiererin gesagt hat: "Wir möchten die Unendlichkeit der Zeit entdecken." Er ist ein verdammter Spinner, denke ich. Ein Träumer. Und der Mann, den ich liebe.
Ich hab ihn auf dem Weihnachtsmarkt kennengelernt. Vor einer gefühlten Ewigkeit. Bei unserem ersten Date hat er mir seine Teesammlung gezeigt. Ich muss noch immer lachen, wenn ich daran denke. Ich hatte von Anfang an das Gefühl zu ihm zu gehören. Er war der verlorene Teil meines Lebens. Ich bin Skeptiker. Er verträumt. Ich bin verschlossen, er offen. Ich bin launisch, er ausgeglichen. Ich bin organisiert, er ein Chaot. Ich bin ängstlich, er mutig. Ich konnte mit ihm wachsen. Und er hat etwas in mir gesehen, was ich selbst nicht erkennen kann.
Wir waren nie in einer Beziehung. Er hat es Affäre genannt. Ich wollte dem Ganzen keinen Namen geben. Wir beide haben viel gearbeitet. Hatten wenig Zeit. Der eigentliche Grund dafür, dass es keine "feste Beziehung" war, ist aber der, dass er, bevor er mich traf, eine Entscheidung gefällt hat. Er wandert im April nach Italien. Will sich auf die Suche nach sich selbst machen. Zu sich selbst finden. Das Gefühl von Freiheit entdecken.
Ein Jahr unterwegs, das ist sein Plan. Ohne Kontakt zu Familie und Freunden. Auf sich selbst gestellt. Er hat mich nie belogen. Bevor wir uns das erste Mal geküsst haben, hat er es mir gesagt. Mit Wehmut im Blick. Er hätte nicht geplant, sich jetzt noch auf eine Frau einzulassen.
Und ich war ihm längst hoffnungslos verfallen und wollte mich nicht mehr zurückziehen. Die erste Zeit war wunderschön. Alles war so verrückt. Ich war das erste Mal verliebt. Wir sind im Regen spazieren gegangen. Er ist mit einem Rucksack voller Essen zu mir gekommen. Ich hatte in seiner Gegenwart immer solche Bauchschmerzen, dass ich es kaum runter bekommen habe.
Er stand irgendwann mit einer merkwürdigen Flöte in der Hand vor meiner Tür. Sie hatte denselben Namen wie ich. Er sagte nur, dass er sie mitnehmen wolle, damit er Musik bei sich hat und dieses Instrument wäre genau das Richtige.
Der Sex war unglaublich. Sowieso hab ich mich körperlich noch nie so sehr von einem Mann angezogen gefühlt. Wenn ich mit ihm zusammen war, hätte ich immer über ihn herfallen können.
Im Februar ist es kompliziert geworden. Ich konnte nicht mehr verdrängen, dass es bald vorbei sein würde. Hab ihm gesagt, dass ich verliebt bin. Er hat versucht, mir zu erklären, dass er es nicht zulassen kann, weil es sonst zu schwer sein würde zu gehen. Aus Angst ihn zu verlieren, hab ich ihn eingeengt, woraufhin er sich zurückgezogen hat.
Ich hab ihn gebeten, mich zu verlassen. Mir zu sagen, dass er mich nicht will. Aus Wut hab ich ihm vorgeworfen, dass er ja doch nur Sex wollte. Er hat es nicht getan. Ist ruhig geblieben, hat mir meine Gefühlsausbrüche nie vorgeworfen, hat mir gesagt, dass ich weiß, dass es nicht nur Sex war. Irgendwann in einem verzweifelten Moment, hab ich ihm eine Nachricht geschickt, dass ich nicht mehr kann und hab seine Nummer blockiert. Er hat es akzeptiert und sich nicht gemeldet.
Es war schrecklich. Nach einer knappen Woche hab ich ihn angerufen. Hab gesagt: "Das ist gemein. Ich weiß, dass du noch hier bist und du fehlst mir." Er war überfordert. Hat mir erzählt, dass er vor ein paar Stunden an meiner Wohnung vorbei gefahren wäre und zu mir kommen wollte. Dass er es aber nicht noch schwerer machen will.
Ich wollte ihn ein letztes Mal sehen. Er saß im Auto, ist umgedreht und sofort zu mir gefahren. Es war abends. Kurz vor Mitternacht. Ich werde diese Nacht nie vergessen. Er hat nicht mit mir geschlafen. Ich hab nicht nach dem Warum gefragt. Vielleicht weil er nicht wollte, dass ich mich benutzt fühle? Ich weiß es nicht. Sein Körper wollte mich auf jeden Fall...
Er hat mich gehalten. Ich hab keinen Moment geschlafen. Wir haben uns angesehen. Er hat viel erzählt. Wollte nicht über seine Reise reden. Musste so vielen Menschen davon erzählen. War völlig ausgelaugt. Hatte sich am Tag zuvor von seinem besten Freund verabschiedet.
Am Morgen darauf, hätte ich sein Handy am liebsten gegen die Wand geworfen, als der Wecker geklingelt hat. Er ist wach geworden. Hat mich umarmt. Gehalten. Fast erdrückt. Hat sich dann ans Bett gesetzt. Ich konnte nichts denken. Musste ihn nur ansehen. Er ist nicht aufgestanden. Hat mich wieder umarmt. Nichts gesagt. Es hat eine Ewigkeit gedauert, bis er sich angezogen hat. Und selbst danach ist er wieder zu mir gekommen. Wir konnten uns nicht küssen. Es war alles so unwirklich. Irgendwann, eigentlich viel zu spät und ich bin sicher, dass er zu spät zur Arbeit gekommen ist, stand er in der Tür. hat mich angesehen und sich umgesehen. Ich hab gefragt: "Hast du alles?" Und das Letzte, was er zu mir gesagt hat, war: "Ich hab nichts vergessen und trotzdem hab ich das Gefühl, dass ich etwas vergessen habe."
Was auch immer das bedeuten mag. Wahrscheinlich bedeutet es nichts. Frauen neigen ja immer zu Interpretationen. Aber ich liebe ihn. Liebe seine Spontaneität, die Wildheit, den Idealismus, den Wunsch die Welt ein kleines Bisschen besser zu machen.
Ich hab ihn losgelassen. Aber er hat einen Platz in meinem Herzen. Immer. Und das ist gut so. Doch wie werde ich diesen verdammten Liebeskummer los?

) dann sind unterschiedliche Charaktere ein Abenteuer, das ich zu lieben gelernt habe.
