Ich würde gern noch einmal auf den Schlagabtausch zwischen @Jordis und @detypderwo40is. zurück kommen.
Zitat:Nein, so ist das nich gemeint. Der Mensch kann nicht aufhören zu denken. Und Denken bedeutet auch Bewerten, Vergleichen. Du kannst dem Verstand nicht Einhalt gebieten, auch dann nicht, wenn Du drei Jahre unter einem Baum sitzt und meditierst.
Zitat:Alles was ich sagte ist, dass Vergangenheit und Zukunft nur ein Gedanke im Jetzt sind. Und immer nur das Jetzt existent sein kann.
Zitat:Was ich nur sagen möchte ist, dass der Mensch den Verstand und die damit einhergehenden Bewertungen nicht abstellen kann. Er hat ein Gehirn und das ist nunmal die Aufgabe, die Funktion eines Gehirns. Das ist so wenig abzustellen, wie der Herzschlag. Von Tod und Krankheit, Hirn und Herzschlag rede ich hier nicht.
Zitat:Nein, denn um die Entscheidung zu treffen, eine Bewertung zu lassen, braucht es den Verstand. Und die Entscheidung, nicht zu bewerten, hast Du auch mit dem Verstand getroffen.
Zitat:Da stimme ich Dir zu. Wenn Du etwas bewertest, bewertest Du es. Das heisst aber nicht, dass Du es MUSST.
Ob ein Mensch auch nicht „denken“ kann, kann ich nicht abschließend beurteilen; mir würden aber durchaus die Frage einfallen, ob Menschen die in ihrer logischen Denkfähigkeit teilweise oder sogar ganz eingeschränkt, vorübergehend oder permanent sind und die ja trotzdem Menschen sind, nicht schon als Gegenbeispiel ausreichen.
Jedenfalls bedeutet Denken nicht einfach auch im Sinne eines Gleichsetzen Bewertung oder Vergleich, denn das ist wie später richtig formuliert Entscheidung.
Und wieder ob diese zwangsläufig mit dem Verstand (was wohl eher gemeint ist, wäre vermutlich der Begriff der Vernunft, welcher aber mal jedenfalls Aufklärung voraussetzt) getroffen wird oder manchmal einfach nur mittels Intuition, Instinkt oder des poetisch formulierten Herzens, ist auch so eine Sache.
Die Gleichung Denken=Bewerten vernachlässigt jedenfalls Instinkt und ist in meiner Bewertung

auch darüber hinaus nicht haltbar.
Ursprünglich ging es ja mal darum, wie man mit Emotionen umgeht. Dass denen vielleicht nicht immer mit Vernunft (oder nie) beizukommen ist, aber ihn doch irgendwie beizukommen sein müßte.
Was eben bei genauer Betrachtung Bewertung ist.
Weißt Du Jodies, wenn Du der Meinung bist, das alles Denken und mithin Bewertung ist, dann ist das so. Es gibt viele, die so „denken“, vielleicht so gar „empfinden“
Ich für meinen Teil finde nur, daß
Zitat:Einfach mal ein Gefühl Gefühl sein lassen. Fühlen. Fertig.
Ohne Denken. Ohne Namen. Ohne Klassifizierung. Ohne Ziel. Ohne Quelle. Ohne Änderung. Ohne irgendwas von all diesen Konzepten.
Gefühl kommen lassen. Erleben. Gefühl gehen lassen. Nichts tun.
ein so unglaublich befreiendes Konzept. Man stelle sich vor, welch Autonomie, welch Reichtum. Gefühle kommen und gehen. Ich muß sie nicht hinterfragen, mich derer schlecht fühlen, nicht aufgrund von ihnen handeln, ich darf sie sein lassen.
Und manchmal darf ich mich genauso dafür entscheiden, sie zu hinterfragen oder aufgrund derer zu handeln.
Vielleicht argumentierst Du jetzt, daß Entscheidung eben auch Denken ist. Da geb ich Dir auch völlig Recht, nur die Freiheit von der ich eben gesprochen habe, setzt an einem anderen Punkt an, an dem Problem der Bewertung.
Nehme wir die Emotion oder den Instinkt Angst. Wenn das Gefühl einen vor dem bedrohlichen Säbelzahntiger in unmittelbarer Gefahr, dazu veranlasst, umzukehren, sit das eine Situation. Bewertung an dieser Stelle in der Rückschau: unter Annahme, daß man am eigenen Leben hängt: gut.
Wenn es einen anderen im 21 Jahrhundert, daran hindert permanent vor die Haustür zu gehen und sei es nur um sich Milch zu kaufen, ist das womöglich unter Bewertungsmaßstäben nicht ganz so gut.
Lektion eins an dieser Stelle: das Gefühl ist das Gleiche, die Bewertung ist aber völlig gegensätzlich. Bedeutet: Bewertung ist situations- und zeitabhängig.
Wenn wir jetzt weiter argumentieren und hinzunehmen, daß wir uns in einem Liebeskummer und Trennungsforum und nicht in einem „wie gehe ich mit Zäbelzahntigern um-Forum“ befinden, dann kommt es eben häufig zu einer Situation, in der sich die Frage stellt, wie gehe ich unmittelbar mit Angst, Wut, Schmach, Schande, Verlust um.
Von wenigen Ausnahmen abgesehen bildet keine dieser Momente einen Säbelzahntigermoment. Ja, die Existenz und all das woran man/frau geglaubt hat, wird in Frage gestellt, aber nein, unter normalen Umständen geht es nicht um eine halbe Sekunde, die über reines, absolutes Überleben entscheidet.
Das bedeutet nicht, daß sich viele hier nicht so „fühlen", ganz im Gegenteil. Aber die große Mehrheit überlebt ja tatsächlich. Also kein Säbelzahntigermoment sondern eher ein WTF, was soll das, ich habe mir das anders vorgestellt Moment.
Kommen wir also zurück zu Lektion eins: Wenn die Bewertung zeit- und situationsbedingt ist, dann besteht die Möglichkeit, daß ich diesen Moment morgen, übermorgen oder in einem Jahr ganz anders bewertet, als in jenem Moment.
Man trifft den echten, neuen Traumpartner. Man endecht sich selbst. Das Leben verändert sich.
Und so ändert sich auch das „Denken“ über diese Situation.
Ich habe vor ein paar Jahren einen recht heftigen Verlust hinnehmen müssen. Ich war wütend, enttäuscht, verzweifelt, verängstigt, erleichtert, traurig und völlig fassungslos. Wenn Du mich heute fragst, dann bin ich noch immer traurig, weil ich dieser Mensch nicht mehr ist, kann verstehen, was dazu geführt hat und sage auch, es war das Beste, was mir passieren konnte.
Weißt Du Jodies, ich glaube, das kannst Du auch nachvollziehen. Vielleicht irre ich mich aber auch. Dennoch, die Veränderung durch Zeit und in Rückschau, kennen, glaube ich, ganz viele.
Die Frage, die @dertypderwo40is. versucht hat zu beantworten, jedenfalls in meinem kleinen Verständnis, ist aber, wie schaffe ich, den nächsten Moment. Also es gibt ja so Menschen, die echt erleuchtet sind, ich glaub auch, daß man da mit viel Arbeit vielleicht auch irgendwie hinkommt, bzw. so Blicke drauf erhaschen kann. Ich gehöre zu den weniger Erleuchteten, aber worauf der nun mal ne echt gute Antwort gibt, ist, wie schaffe ich die nächsten 20 min, die nächsten 10 Tage (damit ich mir Zeit geben kann, für den Fall, daß an Lektion eins doch was wahres dran sein sollte).
„Sein lassen“ Fühlen, wahrnehmen, lassen. Wenn etwas sein darf, kann man es auch „sein lassen“ iSv in Ruhe lassen, los lassen. Wie das geht?
Ach herjee, Wenn es dafür eine einzige Bedienungsanleitung gebe, einen einzigen Lösungsweg, na dann hätte Unilever doch schon längst ein Shampoo draus gemacht.
An guten Tagen hilft mir, mir beständig zu sagen, ich weiß nicht, was in der nächsten Sekunde passieren wird, ich weiß nicht, wie ich das in der nächsten Sekunde finde.
Ja das ist noch meilenweit von Bewertungs-frei entfernt, aber ich bin halt auch blutige Anfängerin. Statt zu sagen, ich finde Regen jetzt aber total blöd, versuche ich mir in Erinnerung zu rufen, daß man ja im Regen tanzen kann… Nee, jetzt nicht in dieser Lila-Latzhosenträger-Variante von Chanti Chanti, sondern in der Variante ach Regen nunja hab ich auch schon mal gut gefunden. Kurzum die Relativität der Bewertung vor Augen führen, ist mein Weg.
Gibt es Tage, an denen das gar nicht funktioniert? Holla, die Waldfee.
Lektion zwei ist daher: jedem Gefühl mit einem „huch, spannend“ zu begegnen. Statt bäh wie doof oder ur-super oder eben die 28Mio anderen Bewertungen, weich ich aus auf ein „aha, ok spannend“.
Wie gesagt klappt nicht immer und ist sicher noch sehr weit entfernt von dem, was @dertypderwo40is. sagt, aber ich denke, daß er sehr recht hat. Jedenfalls meiner „Bewertung“ nach Lach. Denn und jetzt wiederhole ich mich, man stelle sich das mal vor, einfach fühlen. und ziehen lassen. Welch wundervolles Leben und Lieben. Welch Autonomie. Welche Freiheit. Welche Schuldlosigkeit!
Ich behaupte, daß „Denken“ das eben nicht vermag. Aus Denken entsteht doch kein echtes altruistisches Handeln, sondern die „Idee“ man sollte, müßte oder eben ein „um zu“. Marktwirtschaftliches Karma-Punktsammeln. Aus Denken entsteht doch auch keine echte Selbstliebe, ich denke, also liebe ich mich? Weiß nicht, mag bei anderen anders sein, bei mir führt das nur zu Selbstzweifeln. Aus Denken entsteht auch keine Hingabe, daß ist nun wirklich schon für alle Denkenden offensichtlich ein Widerspruch in sich.
Und auch das Denken ist eben nicht falsch oder richtig. Womit wir wieder bei Bewertungen sind.
@Blanca hat ja nicht unrecht, daß bei aller Hingabe zu einer Idee und nachfolgenden Erfindung, eine Bewertung bei der Erfindung der Atombombe vielleicht angemessen gewesen wäre. Aber greift das nicht zu kurz? Atomenergie ist nicht per se gut oder schlecht, es gibt halt Argumente dafür und dagegen. In China wäre sie (unter Einhaltung der Sicherungsmaßstäbe) vielleicht gerade die Lösung des Umweltproblems. Vielleicht auch nicht. Ich bin froh, dies nicht entscheiden zu müssen, weder im hier und jetzt noch in der Rückschau eines „vielleicht morgens“.
Hier geht es doch wenigstens „nur“ um die Frage, ob ein abgelegter Affärenpartner, die/die Verlassene, der/die Trauernde womöglich die nächsten 20min „überlebt“.
Zitat:Die Sinnlosigkeit des Seins ist eine der schönsten Erfahrungen überhaupt wenn man verstanden hat, dass die Existenz keinen Sinn haben muss und ihr auch einerlei ist.
Ist für mich das, was mich in untröstlichen Situationen „getröstet“ hat.
Das mag allerdings vielen anders gehen.
Kann ich verstehen, aber zu glauben, daß Be-WERT-ungen dauerhaften Bestand und damit WERT hätten, der möge vielleicht doch noch mal über Haben und Sein im Fromm’schen Sinn nach“denken“.