Lieber Theone46,
ich habe Deine verzweifelte Lage hier im Ausdruck Deiner Berichte verfolgt. Es ist schwierig bis gar nicht möglich, als Betroffener eine trotz hoher Emotionen auch sachliche Sichtweise dieses großen Problems einzunehmen.
Ebenso könnte man viele Mutmaßungen, wie es zum Teil hier auch in Antworten ersichtlich wird, äußern. Weder habe ich alle Antworten gelesen, noch müssen die Mutmaßungen der Realität entsprechen. Eine fiel mit jedoch ins Auge - das Unverständnis darüber, dass Deine Frau zur Serientäterin wurde. So unverständlich ist das aber nicht, ein solches Muster umgibt uns in nahezu allen Lebenssituationen. Es sind Suchtmechanismen, die jeden von uns treffen können - einen da, eine andere dort.
Deine Frau muss für sich selbst (was in einer solchen Situation nur wenigen ehrlich gelingt) oder unter Zuhilfenahme eines Spezialisten die Ursachen klären, falls sie sich ihre Schuld eingesteht.
Nun könnte auch ich einen fliegenden Wechsel in Richtung Unterstellungen machen und ein regelrechtes Unwetter losprasseln lassen. Das wäre falsch, auch wenn es aus meiner Sicht schon ein paar naheliegende Gründe für das eine oder andere Verhalten gäbe.
Der erste Fehltritt "passiert". (Ein echter Passiv-Fall ist er ja nicht, deshalb die Hochkommas.) Man macht es aktiv. Es ist in der Tat so, dass einige Ehen eher Zweckgemeinschaften sind - aber die Frau wie auch der Mann aus dieser Beziehung abrutschen kann. Die Masse der Menschen hat im Grunde ein inneres System, das einem schon verdeutlicht, was richtig oder falsch ist. Hat sich also jemand - egal aus welchen Gründen - auf einen solchen Irrweg begeben, entsteht Angst vor dem Entdecktwerden, da es ja in uns verankert mit Sanktionen verbunden ist.
Dann plagt uns in solchen Fällen oft tagelang ein schlechtes Gewissen. Es geht aber gut, wird nicht entdeckt, die nächste Gelegenheit bietet sich an... . Der Effekt der Angst verringert sich dabei kontinuierlich und kann sogar in einen gewissen Reiz umschlagen, weil sich jemand sicher fühlt, in anderen Phasen aber sehr wohl weiß, dass es äußerst schlecht ist. Das kann dann eine Art Hilferuf werden.
Ein paar Dinge solltest Du Dir jedoch unbedingt zu Deiner Willen vor Augen führen. Die Mehrheit der Menschen, die ich kenne, und da darf ich mich sicherlich hier und da einbeziehen, zeigt in einer spontanen Reaktion sofort mit dem Finger auf andere (Menschen, Umstände, Sachen, ...). Das entspricht diesem o. erwähnten Schutzmechanismus. Das ist eine Art Reflex, der leider auch bei einigen Zeitgenossen in einem ruhigen Klärungsversuch konstant bleibt.
Schuld am Fremdgehen hat aber ausschließlich der/die Täter/in!
Welche Umstände das ggf. "nur" begünstigen, spielt dafür eine untergeordnete Rolle. Jeder handelt eigenverantwortlich. Wer das nicht einsieht, sollte sonst einen Vormund in Erwägung ziehen!
Sicherheit ist eine Illusion! Die gibt es hier auf Erden nirgendwo, auch nicht in einer Beziehung oder Ehe. Wir sind alle Menschen und müssen einige ordentliche Stürme im Leben meistern, teils gemeinsam, teils allein. Selbst bei gekenterten Menschen wunderte es mich schon in einigen Fällen, dass das bei relativ wenig geschlucktem Wasser verblieb.
Die Verlockungen sind überall - ein enges Miteinander in der Ehe braucht da schon eine starke Basis. Und diese gibt es nicht nur durch ein "Ja" automatisch auf Lebzeiten. Da müssen beide schon etwas für tun - am besten aber für- und nicht gegeneinander!
Du bist dabei, Dich selbst zu verlieren! - Das hört niemand gerne, Du brauchst aber niemanden, der mit Dir jammert - Du brauchst einen Menschen, der Dir beim Aufrichten hilft und Dir Mut macht und Du nach vorn schaust. - Versteh das nicht falsch, ein Mensch muss in tiefster Trauer dunkle Wege gehen - aber er darf auch den Weg zum Licht nicht aus den Augen verlieren. Mein größtes Verständnis ist für Deine Wut, Deine tiefe Enttäuschung da... - aber es wird Zeit für Dich: stehe auf und gehe! Schritt für Schritt, erst langsam, dann schneller.
Du haderst mit der Welt - jeder trägt aber seinen Teil dazu bei. Von uns wird viel gefordert, wir lassen uns aber blenden und verlocken - alle, jeder auf seine Weise. Wir verlieren immer mehr den Blick für das Wesentliche, wollen materiell so viel wie möglich, sind ständig "durstig" - keiner will loslassen oder den Eindruck zulassen, der Nachbar habe mehr. Wir gaukeln uns dann selbst Sicherheit und Zufriedenheit vor und sagen uns noch: "Ich mache das ja nur für die Familie." Sind wir nicht eine völlig selbstlose Spezies?
Es liegt an jedem selbst, ob er sich dem Mainstream anschließt oder anders handelt.
Unterschätze nicht die Auswirkungen für Deine Kinder! Dennoch musst Du keinen Superhelden spielen, nur Du kannst in Dein Inneres horchen und allein beantworten, welcher Weg für Dich der erträglichere ist. Andere müssen ihre Entscheidung für ihr Leben treffen - das ist dann nicht das Maß für die Mitmenschen.
Abschließend gebe ich Dir den Rat, auch wenn es möglicherweise schon zu spät ist, Dein Umfeld - insbesondere Eltern - nicht zu belügen. Das entspräche einerseits derselben Schutzreaktion wie Du sie von Deiner Frau nicht mochtest, andererseits ist das keine Basis für ein Miteinander. Auch diese Lügen haben kurze Beine. Eltern sind ebenso entsetzt, wenn sich ein solches Drama eröffnet. Bittet sie um Verständnis, dass ihr (zurzeit) nicht darüber sprechen möchtet. Es ist euer Leben, auch wenn Eltern verständlicherweise mitleiden. So viel Toleranz solltet ihr abverlangen dürfen.
Ich wünsche euch ein gutes Miteinander und Mut. Vergiß dabei nicht, auch Deine Frau ist ein Mensch. Ein kleiner hilfloser Mensch, wie wir alle. Jedes Mal, wenn wir etwas verlieren, lernen wir es wieder zu schätzen.