Moin Gariat,
ich weiß nicht ob du "deine Mitte verloren hast", auch wenn sich das für dich so anfühlt. Vielleicht hast du auch noch gar nicht ausreichend nach dieser Mitte gesucht. Dafür bleibt dir Zeit, das ist eine schöne Aufgabe, die muss man nicht übers Knie brechen.
Was du meiner Meinung nach viel mehr verloren hast, ist deine Ausgeglichenheit, deine Normalität, deine Sicherheit, die du bisher über deine stabile Beziehung definiert und gefunden hast. Da gab es vermutlich wenig Grund zur Unruhe, es wurde alles bewältigt, miteinander besprochen, ihr ward ein Team, man nennt das auch partnerschaftliche projektbezogene Liebe. Die ist wichtig, die trägt viele Beziehungen. Die lässt aber auch manchmal die anderen beiden wichtigen Säulen verblassen, nämlich die leidenschaftliche Liebe und die freundschaftliche Liebe.
Das Defizit, das dabei entstanden sein könnte, hat dazu geführt, dass du einer anderen Frau gegenüber empfänglich geworden bist, du hast Antennen ausgefahren, die du bisher nicht brauchtest. Da entstand Nähe, Vertrautheit, so etwas wie Seelenverwandtschaft. Wäre es ein Mann gewesen, hätte daraus eine Freundschaft entstehen können. Dummerweise war es eine Frau und das bringt eine verdammt große Menge von Hormonen auf den Weg, auf den man zunächst -willentlich - keinen Einfluss hat. Die sind da, die überschwemmen einen und die haben dich spüren lassen, dass es im Leben doch noch etwas anderes sehr Schönes gibt als Familienleben, pflegebedürftige Schwiegereltern und beruflichen Stress.
Plötzlich sehnt sich jede Faser des Körpers danach, dieses "andere Schöne" einfach mal auszuprobieren. Berührungen, tiefe Blicke, wichtige offene und intime Worte. Da entsteht eine Intimität - ohne dass da S. im Spiel sein muss - die unendliche Perspektive verspricht. Eine offene Tür, durch die man scheinbar nur gehen braucht.
Zitat:>>Als mir nach einiger Zeit bewusst wurde was hier gerade läuft bin ich auf Distanz gegangen, was mir für die Frau unendlich leid tut, da ich ihr eine starke Enttäuschung bereiten musste. In einem anderen Leben würde ich Himmel und Hölle in Bewegung setzen um diese Frau zu erobern.
Aber ich würde niemals das Glück meiner Kinder aufs Spiel setzen und ich will auch meiner Frau kein Leid zufügen, die ich ja auch liebe und wir ja eigentlich glücklich verheiratet sind.<<
Streich das EIGENTLICH. Und klopf dir bitte mal sehr kräftig auf die eigene Schulter. Das war eine Heldentat, das war ein Kraftakt, den sehr viele nicht schaffen. Da bist du eine Ausnahme. Und du hast in diesem Moment etwas begonnen, das man als Kampf zwischen Kopf und Herz bezeichnen könnte. Dein Herz schreit nach Leidenschaft und Abenteuer, dein Kopf weiß, dass es das nur gegen die Zahlung eine verdammt hohen Preises gibt und dass nach dieser Zahlung die ganze Leidenschaft schon wieder weg sein könnte.
Ich rate dazu, nicht nur Kopf gegen Herz zu setzen, sondern in deiner Beziehung auch das anzuschauen, was dort mit HERZ zu tun hat. Ich glaube, du hast das auch schon getan, suchst aber erst einmal nach pragmatischen Möglichkeiten, die Beziehung wieder auf andere Füße zu stellen.
Zitat:>>Und nun sitze ich hier und kämpfe mit mir selbst, über die Ungerechtigkeit des Lebens und darum ob unser Leben so richtig ist wie wir es führen, und ob ich vielleicht deshalb überhaupt empfänglich für solche Schwingungen war.<<
Dafür gibt es viele Gründe, einige habe ich schon genannt, andere kannst du - bestenfalls gemeinsam mit deiner Frau - herausfinden. Dazu darf dir bewusst werden, dass du (noch) nichts Verbotenes oder Schädliches getan hast. Du hast dich zwar leichtsinnigerweise auf etwas eingelassen, das Hormone ausgelöst hat. Aber du hast es erkannt. Deshalb musst du es nicht gleich ansprechen - es könnte deine Frau überfordern, weil sie eh zu viel um die Ohren hat. Aber du darfst dir bewusst machen, dass du alle Chancen hast, deine Ehe und Beziehung zu verbessern, sie wieder leidenschaftlich und intim zu machen, da ist sicher noch ganz viel Luft nach oben. Du kannst die Auswirkungen durch dieses Erlebnis also positiv ausformen. Sie können zur Chance werden.
Zitat:>>Ständig habe ich wieder das lächelnde Bild der anderen Frau vor Augen. <<
Macht nix. Sieht ja auch schön aus. Hat aber nichts mehr mit dir zu tun - wenn du das so willst. Du kannst das Bild dieser Frau schön finden, es aber von dir lösen. Sie darf schön lächeln, das ist doch auch ein angenehmer Anblick. Aber es muss nicht als Einladung zu Leidenschaft und Affäre gesehen werden. Es ist Lächeln, mehr nicht.
Zitat:>>Es stand nie für mich in Frage sich für die Kinder oder meine Frau in die Schusslinie zu stellen, aber ob der Aufwand den wir für ihrer Eltern immer wieder betreiben müssen gerechtfertigt ist bleibt für mich fraglich. Insbesondere deshalb, weil beide genau genommen selbst Schuld an ihrer Situation sind. Genauso bin ich mir gerade bei meinem Job sehr unsicher ob dieser so noch tragbar ist, da der meiste Stress daraus entsteht, das der Chef mir nicht mehr Personal zugesteht.<<
Wichtige Baustellen, die unbedingt mit deiner Frau besprochen werden müssen.
Zitat:>>Ich habe mich mit meiner Frau gestern sehr lange über ihre Eltern unterhalten und Sie zum erzählen angeregt. Dabei sind mir zweimal, scheinbar anlasslos die Tränen in die Augen geschossen<<
Dafür gibt es viele Gründe, und einige davon dürfen dein persönliches Geheimnis bleiben. Du hast in diesem emotionalen Moment wieder intime Nähe zu deiner Frau erzeugt. Das war sehr gut, das kann euch weiter bringen. Ein kostbarer Moment. Auch wenn du die Gründe für deine Tränen in sehr praktischen Zusammenhängen suchst. Es war viel komplizierter, weil das, was da gerade in dir passiert ist, auch sehr kompliziert ist.
Zitat:>>Und nun hadere ich halt mit mir wie es weiter gehen soll. Irgendwas muss sich ändern, und ich muss irgendwie mehr Zeit mit Frau verbringen, welche für uns und nicht für andere da ist.<<
Ja, aber das ist längst nicht alles. Du kannst und darfst die emotionale Nähe zu deiner Frau wieder vergrößern, du kannst mit ihr schöne und ungewohnte Gedanken teilen, vor allem aber darfst du mit ihr deine Gefühle teilen, die unangenehmen aber vor allem auch die angenehmen, positiven. Das kann Türen öffnen, durch die ihr dann gemeinsam gehen werdet.
Zitat: >> Meine Hormone werden sich schon wieder einfangen und das Verliebtheitsgefühl wird verblassen. Nichtsdestotrotz werde ich mir die positiven Aspekte in Erinnerung behalten, einen wundervollen Menschen kennengelernt zu haben.<<
Absolut richtig und sehr wichtig. Wenn du das WILLST, ist das möglich, aber es geht nicht von alleine, da wirst du noch ein paar sehr schwierige und wichtige Schritte gehen müssen. Die Frau nicht mehr wiedersehen und alles verhindern, was dazu angetan ist, das berühmte LÄCHELN wieder auf dich zu beziehen.
Ich wünsche dir sehr, dass du die Kraft findest, die Schritte zu gehen, die zurück zu deiner Frau führen, trotz des schönen Lächelns, dass du da immer mal wieder in deinem Kopfkino siehst. Viel Glück dabei