Zitat von Sockenfee:Man verlangt hier allerdings den perfekten Menschen, der sich perfekt verhält. Der 20 Jahre Ehe wegwirft, nur weil er Gefühle für einen anderen Menschen hat.
Ein kleines bisschen verstehe ich ihn ja. Würdet ihr ein "ich weiss was ich habe" aufgeben für eine andere Person, mit der ihr nicht mal wisst ob es im Bett passt zB?
Klar, moralisch absolut wünschenswert zu sagen "ich bin nicht mehr 100% bei meinem Partner, ich trenne mich und orientiere mich dann neu".
Aber wer macht das schon?
Ich will damit nicht sagen, dass Regenwürmchen nicht richtig handelt - vor allem zu ihrem eigenen Schutz - aber das ein Mann sich trennt für eine Frau, die er nur mal geküsst hat? Wir sind hier doch nicht in einem Doris Day-Film...
Meine Ehe war mehr als nur erkaltet. Als ich merkte, dass ich auf einmal offen für andere Männer bin (ich fand andere Männer interessant, anziehend, was vorher nie der Fall war), habe ich versucht, meine Ehe zu retten, mit allen bekannten Mitteln. Nachdem das nicht gelungen war innerhalb von zwei Jahren, habe ich mich getrennt, weil ich so, wie es war, nicht mehr weiter leben wollte.
Die Trennung einer langen Beziehung ist ein langwieriger Prozess. Es dauert 2-3 Jahre (so lange, wie auch eine Beziehungsanbahnung dauert eben), bis man sich emotional so weit gelöst hat, dass man die Trennung auch durchziehen kann. Manche kommen erst dadurch, dass sie sich neu verlieben überhaupt auf den Gedanken, dass da was nicht mehr "stimmt". Und der Prozess geht dann erst los. Andere befinden sich schon lange in diesem inneren Lösungsprozess, und wenn dann jemand auftaucht, bei dem es gewaltig funkt, ist eine Trennung auch schon mal schnell durchgezogen. Dann fehlte nur noch der finale Anstubser.
Der AM von Regenwürmchen ist da aber noch lange nicht. Ich denke, auch ihn hat es "kalt" erwischt, und er hat sich vermutlich jetzt erstmals gedanklich mit einer Trennung befasst. Es würde also sicherlich noch gut zwei Jahre dauern, bis da wirklich Taten folgten. Die zwei Jahre kann man als hoffende und wartende Geliebte verschwenden, man kann aber auch einfach sein Leben weiterleben und abwarten, ob und was passiert. Sollte der Prozess stattfinden, verzögert man ihn durch eine Affäre nur. Ohne Affäre wird der Leidensdruck größer, man ist auf die Beziehung zurückgeworfen und stellt jeden Tag fest, was einem fehlt. Mit Affäre kann man das unter Umständen viele Jahre lang "aushalten" und braucht gar keine Veränderung. Die Affäre gleicht ja aus, was der Beziehung fehlt, also ist alles gut.
In den meisten Fällen wie diesem geht die Geschichte so aus - die AF lässt sich doch auf eine Affäre ein, weil der AM sie so schön eingelullt hat. Sie wartet 2-3 Jahre (das ist die durchschnittliche Dauer einer Affäre) darauf, dass etwas passiert, doch es tut sich nichts. Der Großteil dieser Zeit wird verschwendet mit Beziehungsdramen, mit Druck, Tränen, emotionaler Erpressung, ständigem Schlussmachen und doch wieder weitermachen, Hoffnung, warten, bangen ... hat also nichts mehr von all den guten Gefühlen, die eine Affäre am Anfang so mit sich bringt. Der AM derweil richtet sich in der Situation ein - hier mal die Ehefrau beruhigen, da mal die AF beruhigen - alles ist gut. Er kann in seiner Komfortzone bleiben und aus beiden Welten das Beste genießen. Perfekt.
Nach 2-3 Jahren zieht auch die geduldigste AF die Reißleine und beendet die Affäre bzw. die Affäre fliegt letztlich auf. Der AM trauert, schließlich wird ihm etwas weggenommen, an das er sich so schön gewöhnt hatte. Er versucht, in die Ehe zurückzufinden, doch das, was ihm fehlte, findet er dauerhaft dort nicht mehr. Und nach einer gewissen Zeit kommt eine neue frische Liebe auf ihn zu, und dann trennt er sich flugs. Meistens innerhalb weniger Monate, wenn die neue Geliebte früh Druck macht
Das sind dann die "berühmten" wenigen Männer, die sich für ihre Affäre trennen. In den allermeisten Fällen ging dieser Trennungsaffäre bereits eine langjährige Affäre voraus, die unglücklich endete, aber doch für die nötige Distanz und emotionale Lösung vom Beziehungspartner gesorgt hat. Das Sprungbrett raus ist dann aber in sehr vielen Fällen eine neue, die mit frischen Verliebtheitsgefühlen genug Energie ins System bringt.