shedia11
Gast
Ich bin gerade zurück aus einem sehr schönen Kurzurlaub, in dem ich ein beeindruckendes Buch gelesen habe, dass mir neue Impulse gegeben hat. Es heißt "Ich, Jana, 39 und ungeküsst" und ist von einer jungen Frau geschrieben, die asexuell lebt. Sie ist inzwischen einigermaßen bekannt, weil sie tabulos über ihre Binge-Eating-Störung und andere Dinge spricht. Zunächst nur in Social Media aber inzwischen auch in den klassischen Medien wird sie sehr gehypt. Zurecht, wie ich finde.
Eine Passage in dem Buch hat mich besonders beeindruckt. Da zitiert sie Menschen, die ihr ihre besondere Beziehungsgeschichte und die Beziehungsform beschreiben, in der sie gerade leben und für die sie viel Kritik bis hin zu verletzenden Äußerungen hinnehmen mussten. Jana zitiert diese Geschichten, um sich selbst und dem Leser zu zeigen, dass in Liebes- und Beziehungsdingen alles erlaubt ist und gelebt werden darf, solange alle Beteiligten damit zufrieden sind. Und genau so sehe ich das auch.
Auch wir haben für unsere Beziehung schon viel Kritik erlebt. Ganz im Anfang von meinen Eltern, weil ihnen mein Mann nicht in den Kram passte. Später dann, weil wir das traditionelle Rollenmodell lebten. Als dann meine Ehe kurz vor ihrem Ende zu stehen schien, wurde von nicht wenigen behauptet, das hätten sie ja immer schon gedacht, dass wir es nicht gemeinsam schaffen.
Als dann meine Affäre bekannt wurde, war ich plötzlich allein der Buhmann bzw. die Buhfrau. Plötzlich war nicht mehr mein Mann mit Schuld an unserer Krise, weil er eben einen schwierigen Charakter hat, der zuvor viele und auch mich ständig provoziert hat, sondern allein ich. Und als wir dann wieder zusammen kamen, endeten auch noch die letzten verbliebenen Freundschaften, bzw. Bekanntschaften, weil nun wirklich niemand mehr wusste, auf wessen Seite er eigentlich stehen sollte.Dass wir unsere Ehe fortsetzen wollten, war für die meisten nur aufgrund meiner finanziellen Abhängigkeit und mit der Lebensunfähigkeit meines Mannes zu erklären. Dass es Liebe sein könnte oder zumindest eine tiefe Verbundenheit, das gestand man uns nicht zu.
Diese Kritik bekamen wir fast überall zu hören und auch zu spüren. Auch in diesem Forum. Hier wurde aber wahrscheinlich nur das ausgesprochen, was in unserem realen Umfeld über uns gedacht und geredet wurde. Und das so eindrücklich, dass ich fast selbst begann, es zu glauben.
Dadurch wurde unsere Ehe 2.0 erneut schwer belastet und unser Leben heftig erschwert. Deshalb fand ich es so befreiend, in dem Buch diese Briefe nachlesen zu können, die Beziehungen schildern, die aus den unterschiedlichsten Lebensentwürfen entstanden sind. Da gibt es das traditionelle Rollenbild, wofür das Paar ebenso angefeindet wurde, wie das Doppelverdienerpaar ohne Kinder. Da gibt es das gleichgeschlechtlich1 Paar, das sich erst im fortgeschrittenen Alter traut, sich öffentlich zu ihrer Liebe zu bekennen, obwohl sie ein Leben lang bestand. Trotz der jeweiligen Ehen, in denen beide lebten. Es kommt ein Paar zu Wort, dass eine Scheinehe führt, um den bohrenden Nachfragen des Umfeldes zu entgehen. Und da gibt es die allein lebende Autorin, die trotz ihrer inzwischen 39 Lebensjahre noch gar keine Beziehung gefürt hat und die damit frecherweise sogar glücklich ist.
Mensch, wäre das toll, wenn es sich durchsetzen würde, dass jeder und jede so leben kann, wie er/sie/es das will. Wäre das ein Traum, wenn man auch in Liebes und Beziehungsdingen sich nicht ständig erklären müsste, wenn man auch als Paar einfach so genommen würde, wie man gerade ist. Wäre das eine Befreiung, wenn man nicht in jeder Frauenzeitschrift nachlesen könnte, wieviel Sex in einer Beziehung normal, bzw. unnormal ist und welche Praktiken erlaubt sind. Ich fänd das super und es würde mir enorm helfen.
Dieser gesellschaftliche Druck in fast allen Lebensbereichen strengt mich mit zunehmendem Alter enorm an. Diesen Druck nehme ich überall mit hin, sogar ins Schlafzimmer. Das geht so nicht weiter für mich. Ich will so genommen werden, wie ich bin oder eben nicht. Ich hoffe, ich bzw. mein Umfeld bekommt das hin.
Wie seht ihr das? Wo spürt ihr diesen Druck und wie würdet ihr eure Beziehung am liebsten leben?