Liebe Bonjour,
Du bist schon ein ganzes Stück weiter gekommen, wenn Du auch Dich selbst in den Fokus Deiner Gedanken nimmst. Das ist gerade am Anfang unglaublich schwierig, weil sämtliche Gedanken um ihn Kreisen und die Gefühle, die dem Verstand nicht folgen wollen, beständig jaulen und jammern und den ursprünglichen Zustand wieder herstellen wollen.
Aber was ist der ursprüngliche Zustand? Eine billige Affäre, die niemals dazu auserkoren war, die Frau an seiner Seite zu werden!
Und auch diese Einsicht tut unglaublich weh. Die Erkenntnis, dass auch der frühere Zustand absolut unzufriedenstellend war, schmerzt.
Egal, in welchen Apfel Du beißt, sauer ist in diesem Fall jeder. Aber in der Ferne winkt die süße Erdbeere, die Dir dann zuteil wird, wenn Du bereit bist, ihn los zu lassen und auch bereit bist, den Schmerz durchzustehen. Nur durch das Loslassen gewinnst Du irgendwann eine innere Freiheit zurück.
Du wurdest schon einmal verletzt und jetzt wieder und suchtest dort nach der großen Liebe, wo sie nach klarer Analyse der Lage definitiv nicht zu erringen war. Welcher Mann verlässt schon für eine Geliebte Frau und Kinder! 90 Prozent bleiben statistisch gesehen bei der Familie. Es ist bedenkenswert, dass Du dort gesucht hast, wo Du das, was Du vordergründig wolltest, nicht erreichen konntest. Fast so, als hättest Du Dich unbewusst selbst torpediert.
Dein Unterbewusstsein hat vielleicht Angst vor Bindungen, denn Bindungen verletzen und bergen Risiken und dann greift das Unterbewusstsein zu einem Trick: es werden unbewusst Partner gesucht bzw. auserkoren, die für eine richtige Beziehung nicht in Frage kommen. Sie sind zu alt oder zu jung oder zu reich oder zu arm oder zu dumm oder vergeben oder haben etliche gescheiterte Beziehungen hinter sich.
Auf der bewussten Ebene sagst Du Dir: ich will doch nichts als eine richtige Beziehung, aber ich finde immer nur den Falschen.
Partnerwahl ist nie Zufall, die ist aus dem Unterbewussten gesteuert. Und wo kann man sich so herrlich daran abarbeiten, bis von einem selbst nicht mehr viel übrig ist? An einem Partner der Dir genau das, was Du Dir scheinbar wünschst, verweigert!
Nur da kannst Du gefahrlos zur Höchstleistung auflaufen, denn das Unterbewusstsein lehnt sich zufrieden zurück und sagt sich, soll sie nur leiden, mir ist das egal, denn ich bin sicher. Es gibt keine Beziehung.
Was wäre passiert, wenn er tatsächlich seine Familie verlassen hätte und mit wehenden Fahnen zu Dir übergelaufen wäre? Wäre er dann noch so interessant gewesen, wenn er als erlegte Beute zu Deinen Füßen gelegen hätte? Ein interessantes Gedankenspiel!
Zitat von Bonjour: Ich habe ihn als sehr unglücklichen Menschen kennengelernt. Er war unzufrieden in der Ehe, unglücklich mit seinem Beruf, nicht im Reinen mit sich selbst. Ich hatte ein stabiles Leben, war aber nach einer vorhergegangenen Enttäuschung verletzbar.
Möglicherweise kommt bei Dir auch noch ein Helfersyndrom dazu. Normalerweise wirken unglückliche Menschen nicht unbedingt attraktiv. Bei manchen Menschen aber, insbesondere Frauen aber, zieht genau das. Sie wittern das Unglück des Mannes und wollen ihn dann "heilen". Denn die Mission ist, den Mann mit seiner Person glücklich zu machen, was dann wiederum das eigene Ego stärkt. Mit mir hat er zu sich gefunden, mit mir und durch mich wurde er zu einem Menschen, der mit sich und der Welt im Reinen ist.
Diese Mission ist ein Ding der Unmöglichkeit, denn ein Partner kann niemals als Seelentröster und Psychotherapeut fungieren.
Ich war auch mal so schlau. Nach vielen Tränen und tausend Überlegungen, was ihm denn nur fehlen könnte, kam ich eher zufällig auf den Begriff Bindungsangst. Völlig verwundert stellte ich fest, dass es darüber ganze Bücher gab und ich las einige davon. Und was fand ich dort? Ihn und mich. Er als der dominante Part, der über Nähe und Distanz und damit über Glück oder nagende Gefühle der Unzulänglichkeit entschied und ich der passive Teil, der abwartete und alles tat, um dem Dominanten zu gefallen.
Etwas enttäuschend war, dass das Beziehungsmuster schon fast banal, weil alltäglich war, denn ich dachte mir erst, diese Problematik sei doch ganz einzigartig. Gleichzeitig aber erwachte in mir die therapeutische Ader. Jetzt, wo das Problem identifiziert war, die Krankheit also erkannt war, würde ich ihn heilen. Mit mir würde er glücklich werden und damit wäre automatisch auch ich glücklich.
Eine fatale Selbstüberschätzung, denn er wollte sich ja gar nicht heilen lassen. Vordergründig gab er sich eine Zeitlang mehr Mühe und wollte so was wie eine stabile und faire Beziehung spielen, aber sein Inneres war dagegen. Er konnte nicht dagegen an, denn die Bindungsängste waren stärker. Was genauso dagegen sprach, war, dass es eine Umkehrung der Machtverhältnisse bedeutet hätte. Denn ich hätte von der passiven Rolle in eine aktive gewechselt, was seine Position auf dem Podest gefährdet hätte. Und das konnte er nicht zulassen. Mit einer Frau, die sich "unterwarf", klein beigab und deren Mechanismen in lächerlichen Verhaltensweisen wie Klammern, Weinen und Vorträgen zu Tage traten, kam er ja noch klar. Freilich war ich dadurch zwar nicht mehr sonderlich attraktiv, aber damit war seine Machtposition nicht in Gefahr.
Mit einer Frau, die die passive Rolle verlassen wollte und an seiner Stellung gerüttelt hätte, konnte er nicht umgehen.
Ich wurde zum Ende der Beziehung stärker, gewann an Boden, stellte Ansprüche und zeigte zudem auch eine gewisse Klugheit. Das konnte er nicht zulassen und er trennte sich.
Und damit waren die ursprünglichen Machtverhältnisse, die sich gleich am Anfang unbemerkt etabliert hatten, wieder hergestellt. Die Welt war wieder in Ordnung und er erleichtert, dass die "Gefahr" vorüber war.
Vielleicht haben Dich solche Intentionen auch geritten? Ach, der arme Mann, kommt mit sich nicht zurecht. Beruflich hat er nicht das geschafft, was seinen Fähigkeiten entsprochen hätte ( meiner war genauso, er roch förmlich nach einem schwachen Selbtsbewusstsein, das dringend gestärkt werden musste). Dann seine desolate Ehe, eine Frau, die ihn nicht versteht. Ach Gott, der Arme, es muss ja schrecklich für ihn sein!
Da ich genauso wenig von mir überzeugt war wie er von sich,erkannte ich das ja sogleich und konstatierte befriedigt eine wunderbare Übereinstimmung. Ich erkannte in ihm meine Schwächen und konnte mich in ihm spiegeln. Und genau das wird dann auf der bewussten Ebene als Seelenverwandtschaft tituliert. Nie hatte ich einen Mann, mit dem ich solch eine Übereinstimmung erlebte!. Die perfekte Voraussetzung für eine innere Verschmelzung, nach der ich mich sehnte, die aber mit zunehmender Dauer immer weniger zustande kam.
Wir gieren nach dem, was wir selten bekommen. Genau diese wundervollen Zustände der gefühlten Verschmelzung wollen wir immer wieder fühlen. Und da sie immer seltener werden, werden sie so glorifiziert. Nur das, was Mangelware ist, schafft Begehren.
Und wenn dann dieser Zustand wieder mal erreicht wird, dann ist man glücklich, obwohl man innerlich schon weiß, dass dieser Zustand nicht halten wird.
Er ist Dein Dealer. Denn er entscheidet, wann und wie viel vom Stoff Du bekommst. Und diesen Stoff kann nur er Dir verabreichen. Du bist abhängig und gierst nach der Dro., die als Liebe getarnt wird. Gegen Sucht gibt es nur ein Mittel: Entzug.
Den wirst Du sehr schmerzhaft empfinden. Möglicherweise wirst Du rückfällig und wirst noch ein paar Mal benützt, ehe Du Dich verwundet und innerlich blutend davon schleppen kannst. Deine Entscheidung!
Löse Dich von dem, was Dir nur weh tut. Es wartet was auf Dich, was viel kostbarer ist, Innere Freiheit und innere Ruhe. Wenn Du die gefunden hast, brauchst Du diese Art Aufregungen nicht mehr. Ist zwar ein langer Weg, aber dennoch lohnend. Man wird dadurch klüger und wird weniger ein Opfer der inneren Fallstricke. Aber ein Rest Gefährdung bleibt. Der kann man aber aus dem Weg gehen, wenn man sie erkennt.
Nicht er ist Dein Problem. Du bist Dein Problem. Er ist nur der Wegweiser der Dir zeigt, wo es bei Dir krankt. Was aus ihm wird, ist egal. Er fährt vielleicht weiter auf seinem Karussell und wechselt nur mal das Pferdchen, das dann wieder nicht genügt. Aber Du könntest aussteigen. Das bist Du Dir schuldig.
Begonie