Zitat von BernhardQXY: Noch einmal. Ich suggeriere gar nichts, sondern stelle eine alternative Möglichkeit in den Raum.
Ich gebe dir recht, das war nicht präzise ausgedrückt.
Was ich meinte ist: wenn etwas von solchem Ausmaß noch frisch ist, sind die meisten noch im Schockmodus, je nach Charakter oder Resilienz der eine mehr, der andere weniger.
Schockmodus heißt, mein Gehirn schützt mich, indem es mir die volle Tragweite noch vorenthält.
Dazu kommen Gewohnheit, die Tatsache, dass man vielleicht schon vorher Betriebsblind war in Bezug auf das Verhalten. Die Gefühle gehen auch nicht über Nacht.
Aida ist da sehr klar und stark. Und selbst sie ist bestimmt noch nicht drüber weg. Andere, die nicht so stark sind, hängen tiefer drin und klammern vielleicht zusätzlich an der Hoffnung, es sei alles nur ein böser Traum und der andere kommt wieder zur Vernunft.
Das ist nicht nur menschlich, sondern ein Schutzmechanismus unserer Gehirns, der individuell unterschiedlich stark ausgeprägt, aber nicht direkt beeinflussbar ist (indirekt schon, je instabiler die Lebenssituation, desto aktiver der Schutzmechanismus. Das kommt dann zu der individuellen Veranlagung obendrauf)
Außerdem kommt da eine gesellschaftliche Neigung ins Spiel: Frauen wird (vor allem von anderen Frauen) gerne Verständnis gepredigt mit den Macken des Göttergatten. Der meint das nicht so, der kann das halt nicht, das war sicher nicht seine Absicht, Männer sind halt so..
Wenn du dem dein Leben lang ausgesetzt bist, verbiegt sich schleichend die eigene Sicht auf Männer und die eigene Beziehung zu Gunsten des anderen. Und zu Ungunsten der eigenen Wahrnehmung. Das ist eine Art stellvertretendes gaslightning light.
Wenn man dann noch mit einem geschickten Lügner als Partner zu tun hat, ist man geliefert. Das pulverisieret das Selbstvertrauen massiv.
Dazu kommt noch, dass sowieso meistens dem "empfangenden Partner" eine Mitschuld gegeben wird. Ich rede hier nicht von den eigenen Anteilen daran, dass eine Situation so lange bestehen konnte. Ich rede davon, dass, um sich selbst weiter sicher fühlen zu können, Menschen nicht sehen möchte, dass man ohne eigenes Zutun so getäuscht werden kann. Und das womöglich arglistig. Dass jemand, der das kann, unerkannt in unserer Mitte lebt. Dass es genauso einen selbst hätte treffen können. Bei der Vorstellung fühlt man sich machtlos und ausgeliefert. Da ist es leichter, sich auf den Standpunkt zu stellen, dass das "Opfer" sicher etwas beigetragen hat. Oder dass der "Täter" ohne böse Absicht reingeschlittert ist. Dass er selbst das Opfer von Verführung geworden ist. Dass er es nicht besser wusste, aber jetzt im Nachhinein erkennt und bereut. All dies Optionen sind weniger bedrohlich. Vor allem sind sie erklärbar und unter Kontrolle zu bekommen. Lücke geschlossen, Problem gelöst, Gefahr gebannt. Unser Gehirn ist darauf programmiert, uns um jeden Preis Sicherheit vorzugaukeln.
Nochmal: Eigenanteile verstehen ist super wichtig. Später, wenn man aus dem Gefühlschaos raus ist. Das passiert aber fast automatisch.
Das Problem ist, dass die Situation bis dahin eben ein starkes Ungleichgewicht zu Ungunsten des Verlassenen, Betrogenen, Misshandelten usw. hat. In ihm selbst, als unbewusstes gesellschaftliches Modell und wenn man Pech hat, auch im näheren Umfeld.
Dazu kommt noch das schöne: im Zweifel für den Angeklagten. Tolle, ehrenhafte Haltung. Aber leider auch gern genutztes Vehikel von Lügnern und Betrügern. Weil es so leicht ist. Einfach vehement lügen und abstreiten, dann kann ihm keiner was. Und wenn er damit keinen Erfolg hat, muß er sich nicht mal anstrengen, dann übernimmt das Umfeld das schwächen und verunsichern des "Opfers". Dann muss man einfach nur einen schwachen Moment abwarten und die Früchte ernten.
Ich finde, da ist genug Fokus auf der Möglichkeit, dass er sich auch ändern könnte.
Ich persönlich sage auch nicht, vergiss das alles, verurteile ihn aufgrund der Vergangenheit. Ich sage: behalte trotz allem die Vergangenheit im Fokus, sonst lässt du dich am Ende dazu bringen, gegen deinen Instinkt zu handeln. (Und hinterher heißt es dann noch: wieso ist die aber auch zu den zurück, war doch klar, was das für einer ist. Bämm, wieder selbst schuld)
Deshalb finde ich es riskant, zu sehr auf "kann man nicht wissen" zu setzen. Nein, wir wissen es nicht, aber die natürliche Flussrichtung ist Verständnis,Vergebung und Mitschuld. Sobald der Schmerz nachlässt und die Details verblassen, stehen dann noch 35 Jahre gehen ein paar schlimme Monate, der andere drückt alle Knöpfe, die früher auch schon funktioniert haben und schon ist man wieder drin.
Das ist Aidas Thread, also bin Ich IHR verpflichtet, nicht ihrem Mann. Ich sehe meine Aufgabe darin, ohne Urteil, mit Blick auf die Ereignisse den Fokus aus der schieflache zu lenken und zu sagen: was immer da noch kommt, verliere sein Verhalten nicht aus den Augen, nimm das Ernst, lass dich nicht bequatschen, schütze dich. Wenn er sich wirklich geändert hat, überzeugt er sie auch gegen etwas Widerstand. Und das kann man ihm auch locker zumuten, nach dem, was er da verzapft hat.
Und falls er nur rumjammert aus Selbstmitleid, hilft es Aida hoffentlich bei sich zu bleiben und nicht darauf einzugehen.
Wenn jetzt jeder darauf rumreitet, dass er sich ja geändert haben könnte, macht man es ihm leichter, sie zu bequatschen. Das finde ich riskant. Unser Fokus sollte sein, Aida zu helfen, sich selbst zu schützen.
Dazu gehört, darauf hinzuweisen, wie selten Änderung eintritt und wie leicht ein Lügner und Manipulator lernt, sein Konstrukt so anzupassen, dass er liefert, was man hören muß um zu glauben, er hätte sich geändert (bis man wieder tief genug drinsteckt, dass er sicher ist, dass er nicht verlassen wird)
Das tückische daran ist, es korrodiert den Selbstwert und den Glauben in die eigene Wahrnehmung desjenigen, der da bequatscht wird . Je öfter / länger man so etwas erlebt, desto unwahrscheinlicher kommt man aus so einer toxischen Nummer wieder raus.
Das da auch Leute dabei sind, die stellvertretend auf Aidas Mann rumhacken, weil sie ihre eigene Geschichte noch verarbeiten oder allgemein gerne verurteilen, ist klar. Aber da die Schieflage (vor allem für Frauen) stark in Richtung Verständnis und Mitschuld geht, kann man das vernachlässigen, weil es keinen wirklichen Einfluss auf die Gesamtbeurteilung hat.
Ich bin absolut gegen Vorverurteilung. Ich sehe aber die Gefahr, dass durch das Festhalten an durchaus richtigen Grundsätzen, man Gefahr läuft, jemandem unbeabsichtigt beim Manipulieren in die Hände zu spielen.
Das passiert zum Beispiel beim Sohn. Für sich betrachtet toll, dass er den Vater aufgenommen hat, ohne zu urteilen. Aber er wird unbeabsichtigt zum Übermittler von Nachrichten, die Aida direkt vom Mann nicht zulässt. Der Mann nutzt einfach das System zu seinem Vorteil und untergräbt Aidas Grenzen durch den Sohn.
Wenn wir hier schreiben, sollten wir darauf achten, dass uns das nicht auch passiert.