Schlumpf,
du verharrst im Moment bei ihm. Mit Fragen wie: Was geht in ihm vor? Warum hat er mir das angetan? Wie kann er zu dieser Frau zurückkehren, die ihn doch so schlecht behandelt und die er angeblich so wenig liebt? War ihm unsere Liebe so wenig wert? Warum benimmt er sich wie ein Sch.wein? Wieso macht er sich selbst, seiner Frau, seiner Therapeutin so viel vor?
Vermutlich ist es normal, dass du dir zu diesem Zeitpunkt diese Fragen stellst und verzweifelt bist. Aber verharre nicht dabei! Schon in einem meiner letzten Posts habe ich dich darauf hingewiesen, dass du dich genauso selbst belogen hast wie er dich belogen hat und wie er sich vermutlich ebenfalls selbst belügt.
Ich habe das nicht getan, um dir Vorwürfe zu machen.
Es geht um Folgendes: All diese Fragen, warum ER dies oder das getan hat oder nicht getan hat oder warum er es getan hat bringen kein Stück weiter. Kein einziges Stück. Was er tut oder denkt oder fühlt oder will, das hast du nämlich nicht unter Kontrolle. Kein bisschen. Auch all dein Zorn auf ihn wird dich kein Stück weiterbringen.
Das einzige, was dich jemals weiterbringen kann, ist der Blick zu dir selbst. Denn das, was DU tust und nicht tust, das hast du unter Kontrolle. Beziehungsweise, du hast eine Chance es unter Kontrolle zu haben.
Schau dir an, was DU getan hast all die Jahre: Du hast dich verheimlichen lassen, hast dich verletzen und belügen lassen. Nicht einmal, sondern immer wieder. Du hast dich hinhalten lassen. Du hast gehofft und gewartet und immer wieder gehofft und gewartet und dich abspeisen lassen und dich mit ganz, ganz wenig (unterm Strich) zufriedengegeben.
Das hat nicht ER getan. Das warst du.
Du hast zugelassen, dass ein anderer Mensch immer wieder deine Grenzen ignoriert und eintrampelt oder gar nicht erst als solche zur Kenntnis nimmt.
Weil DU es zugelassen hast!
Es ist im Grunde völlig unerheblich, ob er ein böser, gewissenloser, manipulativer und berechnender Mensch ist, oder ob er selbst schwach und hilflos und ambivalent und verstrickt ist. Es spielt keine Rolle für dein eigenes Verhalten.
Er hat dir keine Gewalt angetan, mach dir das bewusst. Du hast mitgemacht. All die Jahre. Das ist der springende Punkt.
Und das ist der einzige Punkt, den du jetzt und in Zukunft verändern kannst.
Lass ihn das nicht mehr machen. Ihn nicht und niemanden sonst. Arbeite in einer Therapie (oder wo auch immer) darauf hin, dass du nie wieder zulässt, dass jemand so massiv deine Grenzen verletzt. Arbeite darauf hin, dass DU SELBST niemals mehr so massiv deine Grenzen verletzt. Denn das hast du.
Fang mit Kleinigkeiten an. Mit Dingen, die dir banal und unwichtig erscheinen. Da ist es ersteinmal leichter, es zu üben.
Frag dich immer wieder: Will ich das, so wie es ist? Wenn nein, wie kann ich es verändern? Warum nehme ich das jetzt gerade hin? Was hindert mich, es zu ändern? Und du wirst feststellen, dass es meistens irgendwelche Ängste sind, die dich hindern: Angst, dich unbeliebt zu machen, Angst vor Konflikten, Angst, aus der Reihe zu tanzen. Oder - am schlimmsten - Angst, nicht mehr geliebt zu werden. Angst, verlassen zu werden. Die letzten beiden haben vermutlich die Hauptrolle gespielt in deiner langen Leidensgeschichte.
Das Problem ist, dass diese Art der Strategie so gut wie nie funktioniert und miserable Ergebnisse bringt. Das siehst du ja jetzt im Moment.
Du hast dich aufgegeben, selbst verleugnet, dir alles mögliche gefallen lassen - immer und immer wieder - in der Hoffnung, den großen Preis - die LIebe - zu ergattern.
Hat nicht funktioniert. Und heute denke ich: Es wird niemals funktionieren.
Andere werden dich am Ende und unterm Strich so wertschätzen, wie du dich selbst wertschätzt. Zumindest dann, wenn es eng wird.
Mir persönlich hat folgender Gedanke geholfen - und hilft mir noch immer - um aus dieser Geschichte rauszukommen:
Egal, was passiert. Nie wieder lasse ich mich von ihm - oder einem anderen - so behandeln. Nie wieder missachte ich mich selbst so sehr. Nichts ist es wert, sich dafür selbst aufzugeben. Keine Angst, kein Schmerz, kein "Liebes"entzug, einfach gar nichts. Denn wenn ich mich selbst verliere, dann habe ich alles verloren.
Wenn der Schmerz hochkam - und er kam gewaltig und kommt zum Teil immer noch manchmal - dann denke ich: Das ist Schmerz. Den kann ich aushalten. Das habe ich ja in der Affärenzeit zur Genüge bewiesen (und du auch, denke ich).
Den Schmerz kann ich aushalten, den Verlust meiner selbst aber nicht. Auch die Angst kann ich aushalten (du hattest während der Affäre sicher auch oft Angst, oder?)?
Aber jetzt halte ich es aus und habe dabei die Kontrolle über mich. Vorher hatte sie ein anderer.
Ein paar Grundregeln stehen seither für mich fest: NIe wieder lasse ich mich von ihm (oder einem anderen) in eine Affärensituation bringen. NIe mehr. Ich werde nicht mehr zulassen, dass jemand mich p.oppt, sich dann die Hose hochzieht und nach Hause zu seiner Frau geht.
Nie mehr lasse ich zu, dass mich jemand verheimlicht. Vor wem oder warum auch immer. Denn wer mich verheimlicht, der steht nicht zu mir und auch nicht zu sich selbst.
Nie mehr lasse ich zu, dass jemand mich hinhält. Soll er zunächst seinen Kram klären und dann wiederkommen. Ich warte nicht mehr.
Und seit mir das klar ist, geht es mir viel besser. Ich brauche auch keinen Zorn. Ich brauche auch nicht das Gefühl, dass es ihm ebenfalls schlecht geht.
Neulich, als meiner sich nach sieben Monaten wieder gemeldet hat, da bin ich kurz (ein paar Stunden) ziemlich aus der Bahn geraten.
Aber dann habe ich mir klargemacht, dass mir nichts passieren kann. Weil für mich feststeht: Affäre bin ich nicht mehr und um nichts in der Welt lasse ich mich darauf wieder ein. Und wenn du das für dich selbst klarhast, dann ist alles gut. Was will er dann tun? Er zwingt dich ja schließlich nicht.
Ich habe mir bewusst gemacht, dass das schlimmste, was mir passieren kann, darin besteht, wieder ein paar Tränen der vergeblichen Hoffnung zu weinen. (Wenn ich dämlich genug bin, mir wieder Hoffnung machen zu lassen). Na und?
Ein paar Tränen mehr halt. Und wenn schon.
Aber:
Ich. Mache. Nicht. Mehr. Mit!
So einfach.
Es ist wie Magie. Wenn du dich durchringen kannst, diesen einfachen Satz zu verinnerlichen und davon nicht mehr abzurücken, dann verliert der andere seine Macht über dich.
Und der zweite ist: Ich kann Schmerz aushalten, Tränen, Kummer. Das bringt mich nicht um. Aber der Verlust meiner selbst, der bringt mich auf Dauer tatsächlich um.
Versuch, daran zu denken, Schlumpf. Mach dir klar, was du nie wieder aushalten willst. Und mach dir klar, dass du das, was du im Moment aushalten musst, auch aushalten kannst. Glaub mir, es bringt dich nicht um.
Und mit jeder Träne, die du um deiner selbst willen weinst, darum, was du dir alles hast antun lassen, was du dir selbst angetan hast, wirst du stärker und stärker.
Wein für dich und nicht mehr um ihn!
Ich wünsche dir ein gutes neues Jahr!