Zitat von PeterN:@Arnika : Danke für Deine ausführlichen Erklärungen. Das könnte auch gut suf meine Ex passen, bei der ich aber eher von einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung ausgehe. Die Störungen ähneln sich ja in weiten Teilen. Darf ich fragen, ob Du selber an einen BL geraten bist? Würdest du sagen, dass das ...
Gerne. Und nein, ich hatte keine Beziehung mit einem BL, ich kenne und kannte nur nicht wenige. Und hatte auch beruflich oft mit diesem Thema zu tun, auch mit Hirnforschung.
Privat war der Auslöser, dass mit Anfang 20 mein damals bester Freund bipolar "wurde". Furchtbar, mehr für sein Umfeld als für ihn, gefühltermaßen.. Das ist ebenfalls sehr ähnlich, und es kommt da auch oft zu Fehldiagnosen zw Borderline und bipolarer Störung. Und - da hast du schon recht - nicht selten auch eine PTBS diagnostiziert wird, zumindest als Komorbidität, wobei ich mich nicht an den einzelnen Bezeichnungen so festhalten würde. Da sind die Übergänge fließend, und liegt nicht so selten in subjektiven Präferenzen des jeweiligen Diagnostikers. In einem Langzeit-MRT könnte man es besser erkennen, was wie unterentwickelt ist oder bei Triggern wie wann deutlich abweicht, aber erstens macht das natürlich keiner, und zweitens springen bei manchen Störungen auch oft die selben Hirnareale an oder eben nicht. Die Forschung ist da weit nicht so weit, wie es gern vermittelt wird.
Ein reiner Psychopath zB hat laut aktuellem Stand der Forschung keine unterentwickelten Hirnareale, nur springen die bei sehr starken Reizen (Babygeschrei etc) eben nicht an oder maximal als laues Teelicht, während bei einem normalen Menschen da schon die Rübe "brennt". Ist er ein Sadist, springt zB bei Mord und Blut das Lustzentrum an. Warum, wissen wir (bislang) nicht, es wird vermutlich an der "Verdrahtung" liegen. Dasselbe "Verdrahtungsproblem" kann auch bei BL, Bipolar oder PTBS passieren, je nachdem, in welcher Entwicklungsstufe ein Trauma war, dass manche Hirnareale wie zB die Amygdala sich nicht richtig entwickelt haben, aber auch darüber hinaus manche Gismos zusätzlich nicht so funktionieren, wie sie eigentlich sollten, wir aber eben nicht wissen, warum. Vermutlich ist - um bei dem Vergleich zu bleiben - ist irgendwo ein Schaltkreis oder Relief (mit)durchgebrannt oder eben nicht vorhanden. Aber Hirnforschung ist eben eine sehr junge Disziplin - und selbst, wenn wir rausfinden, wo genau das Problem liegt, könnten wir es noch lange nicht reparieren.
Das Problem ist nicht so drastisch, dass dieser Mensch nicht mehr lebensfähig wäre oder gar dumm und es eben deshalb auch nicht leicht von anderen (vor allem zu Beginn) erkannt werden kann. Aber eben so, dass die Reizverarbeitung bzw der Stromfluss im Gehirn eben nicht "normal" funktioniert. Und zumindest für das Umfeld oder den Symptomen her sind die Auswirkung davon dann oft sehr sehr ähnlich, deswegen ändern sich die Zuschreibungen und Störungen und Diagnosen auch dauernd, oder werden unterschiedlich eingestuft, weil das eine zusätzliche Symtom vielleicht 1:1 das selbe Relief ist oder mehrere gleiche oder unterschiedliche oder auch nicht.
Aber wenn man sich zumindest grob mit der Neurobiologie dahinter beschäftigt, finde ich, kann man eher seinen Frieden damit machen. Betroffene können sich nicht wirklich ändern, weil man eben nur mit Willenskraft und Geduld nicht seine Biologie ändern kann. Das ist, wie wenn dein Sehnerv demoliert ist, ob angeboren oder eben äußere Entwicklungen, und nur weil wir aktuell zu wenig über die Funktion des Auge wissen die gesellschaftliche Vorstellung herrscht, "na, wenn sich der nur richtig anstrengt und er nur lange darüber spricht, und der "richtige" Partner und die Mama ausgesucht empathisch zu ihm sind, dann würde er schon sehen können. Der macht das ja nur absichtlich und bemüht sich nicht genug." Also da möchte ich die Betroffenen schon verteidigen auch. Das sind schon auch Gefangene ihres eigenen Körpers, und nicht nur ihrer psychischen "Einstellung".