Zitat von whynot60: Blickwechsel nennt man das. Oder Wahrnehmungswechsel.
Richtig, darum geht es eigentlich. Ich bin, wie ich schon mehrfach geschrieben habe, chronisch depressiv. Die Gründe für diese Erkrankung liegen, so habe ich es begriffen, in meiner eigenen Art, die Dinge zu bewerten. Ich sehe tatsächlich fast alles negativ und gebe mir selbst auch noch die Schuld dafür. Um gesund zu werden, muss ich also lernen, meine Bewertungen zu verändern. Dazu ist es nicht zwingend notwendig, mein Leben grundlegend zu ändern, zumal die tatsächlichen Möglichkeiten dazu mit 60 Jahren auch nur noch begrenzt vorhanden sind. Ich kann heute z.B. meinen Berufsweg nicht mehr grundlegend verändern. Und ich kann auch nicht mehr ändern, dass meine Gesundheit unter meinem Gewicht gelitten hat.
Was ich aber ändern kann, ist mein Umgang damit. Ich kann z.B. die Bewegung in meinen Alltag integrieren, die mir gut tut und Spaß macht. Ich kann aber auch ständig frustriert auf dem Sofa liegen, weil ich keinen Stabhochsprung mehr erlernen werde. Ebenso kann ich die Intimität und Vertrautheit mit meinem Mann genießen oder ich kann mich ärgern und schlecht fühlen, weil wir nicht mehr das komplette Kama sutra rauf und runter praktizieren können.
Ich habe mich nun entschieden, die Dinge positiv zu bewerten, wie sie eben sind. Dabei geht es nicht darum, sich das Leben schön zu reden, sondern sich die Rosinen heraus zu picken, die das Schicksal mir vor die Füße wirft. Vor noch gar nicht so langer Zeit bin ich statt dessen wütend auf ihnen herum gelatscht, weil ich ganze Torten erwartet habe, das gebe ich zu. Aber auch eine Shedia lernt Gott sei Dank irgendwann dazu.
Worum es aber nicht mehr geht, ist meinen Mann und meine Familie noch einmal zu verlassen und mich selbst neu zu erfinden. Das würde mich bestimmt nicht glücklicher machen, sondern heillos überfordern. Ich bitte darum, dies zu respektieren. Wäre ich noch einmal 20 Jahre jünger oder vielleicht auch nur 10 Jahre und befände mich in der gleichen Situation wie damals, würde ich es vielleicht tun und bestimmt auch schaffen. Ob mich dieser Weg allerdings glücklicher gemacht hätte, wage ich heute zu bezweifeln.
Realistisch betrachtet, bin ich eben keine attraktive Frau und war es nie. (Was mich aber nie daran gehindert hat schwimmen zu gehen) Ich hatte einfach bei Männern nie besonders gute Karten und habe immer alle hübschen Frauen für ihre Chancen beim starken Geschlecht beneidet. Ich dachte tatsächlich, wenn man von Männern begehrt und umworben wird, ist man automatisch glücklich. Das ist aber ein eklatanter Irrtum, den ich inzwischen revidiert habe. Ich kenne viele sehr hübsche Frauen, die heute sehr unter dem Verfall ihrer Schönheit leiden und die noch viel weniger aus ihrem Leben machen konnten, als ich.
Man soll sich ja eigentlich nicht vergleichen. Aber inzwischen tue ich das wieder ganz gerne und muss sagen, meine Bilanz sieht gar nicht so schlecht aus. Ich habe eine wundervolle Familie, lebe in einem schönen Haus mit Garten und gehe einem Beruf nach, den ich liebe. Ok, mein Mann ist krank. Aber er kann noch viele Dinge tun, die andere mit dieser schrecklichen Erkrankung nicht mehr können. Ok, mein Beruf ist ein Hilfsjob. Aber ich kann jeden Tag alten Menschen ihr Leben ein bisschen angenehmer machen und ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
Ich weiß, ich hätte noch viel mehr erreichen können, hätte ich in manchen Situationen die Weichen anders gestellt. Aber ich habe immer und in jeder Situation nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Und manchmal waren einfach die Umstände so schwierig, dass ich nicht anders hätte handeln können. Einzige Ausnahme ist eben diese bescheuerte Affäre. Da habe ich wirklich krassen Mist gebaut. Aber was solls. Immerhin weiß ich jetzt, dass mein Mann ein wirklich guter Liebhaber ist und ich weiß, dass gutaussehende, attraktive Männer auch in dieser Beziehung nicht unbedingt die bessere Wahl sind. Mein AM jedenfalls war eine Vollkatastrophe im Bett. Nicht mal seine Socken hat er ausgezogen. Gruselig!
Nun also, noch mal für alle, die sich immer noch Sorgen um mich machen: Es geht mir gut! Ich habe dazu gelernt. Auch dank dieses Forums. Eine erneute Shedia-Schleife, sollte sie passieren, werde ich getrost meiner Depression zuordnen, sie begrüßen, kurz abtauchen und dann sehr schnell wieder an die Oberfläche schwimmen. Ich hoffe, ich kann euch ersparen, diesen Tauchgang noch einmal mit mir durchzustehen. Aber garantieren kann ich es leider nicht. Bitte seid dann aber so gnädig wie möglich mir mir. Ich selbst bin es ja auch und das obwohl ich mir ansonsten stets der schärfste Kritiker war. Aus diesem Grund auch musste ich immer nach Ausreden und Entschuldigungen suchen. Das brauche ich heute nicht mehr, denn ich bin einfach auch nur ein Mensch mit Fehlern und Unzulänglichkeiten, so wie jeder andere auch. Dank euch habe ich auch das endlich begriffen.
Also nochmal vielen lieben Dank für Eure Hilfe in den letzten Jahren. Sie war wirklich wertvoll für mich und somit auch für meine Familie. Danke dafür auch nochmal an die @Forenleitung , die wirklich einen Streifen mit mir mitgemacht hat.
Liebe Grüße
Shedia