Ich versetze mich mal in eine andere Sichtweise und wage ein (recht philosophisches) Gedankenexperiment.
Warum wird eigentlich immer und immer wieder die Prämisse aufgestellt, dass der Mensch eine dauerhafte (Liebes-)Beziehung braucht? Ist das wirklich das, was wir Erdenbürger anstreben oder handelt es sich dabei nicht um ein Konstrukt, dass sich aus verschiedenen medialen Quellen speist, an der Lebenswirklichkeit letztlich aber vorbeigeht? Die ganze Pathologisierung von Menschen, die keine lange Beziehungen leben, rührt doch da her. Ich weiß manchmal nicht, ob das wirklich gerecht ist. Das ist auch das, was ich an den ganzen Ratgebern irgendwie unangenehm finde. Sie stigmatisieren Menschen, die vielleicht einfach eine andere Lebensweise gewählt haben, die nicht unbedingt dem gesellschaftlichen Konsens entsprechen. Der Malus "Beziehungsunfähigkeit" rührt doch nur daher, dass wir eben suggeriert bekommen, das Leben sei nur "normal", wenn es zusammen mit einem "für immer"-Lebenspartner stattfinden würde. Wäre es Konsens, dass das Dasein nur dann "normal" wäre, wenn wir möglichst viele "Lebensabschnittsgefährten" hätte, würden wir die als "beziehungsunfähig" hinstellen, die lebenslange Partnerschaften führen.
Das was wir hier versuchen zu leben, erzeugt Druck, weil wir nicht auf uns hören sondern dem nacheifern, was uns als "Normalzustand" erklärt wird. Wir MÜSSEN Sex haben, wir MÜSSEN lebenslange, aufregende Partnerschaften führen, wir MÜSSEN unseren "Seelenpartner" finden. Ich finde, so kann keine unbelastete, freie Liebe oder Verbindung zwischen zwei Menschen entstehen. Und die Liebe sollte doch ein "Kind der Freiheit" sein.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass genau diese Konglomerat aus Drücken dazu führt, dass viele Partnerschaften in die Brüche gehen. Man liest ja ganz oft: "er oder sie liebt mich nicht mehr so wie am Anfang". Was ist dieser "Anfang"? Es ist die Phase der Verliebtheit, die genau das ist, was uns medial als der anzustrebende Dauerzustand verkauft wird, dessen Durchsetzen letztlich aber ein Ding der Unmöglichkeit ist. Alltag und eine gewisse Form der Routine werden als Bedrohung und Stillstand wahrgenommen. Das Leben/die Beziehung MUSS aufregend bleiben, damit wir jedes Quäntchen Glücksgefühl aufsammeln können, dass uns möglich scheint. Aber führt das Suchen nach Glück wirklich zu Glück? Wie benehmen uns wie Junkies. Immer fehlt etwas zum "Glück". Wir haben es verlernt, "zufrieden" zu sein und das schätzen zu können, was ist. Vielleicht ist dass das Ergebnis der kapitalistischen Gesellschaft, in der wir heute leben und die wir kaum noch hinterfragen, weil sie es uns so schön bequem macht. Wir müssen uns nicht mehr selbst definieren; wir werden definiert. Über Status, Macht, Geld und eben auch über Beziehungen, die letztlich zu Zweckbündnissen geworden sind, weil sie - egal ich welcher Form gelebt - zum "Status" verkommen sind. Sie folgen den Regeln der Konsumption. Ich investiere - ich bekomme. Deshalb hat auch die Ökonomiesprache Einzug in die Liebe gefunden. Es wird von "Teams" geredet, eben vom "Investieren", von der "Arbeit" und von "Projekten". Dahinter stecken Erwartungen, die sich kaum erfüllen lassen, denn sie sind nicht selbstlos. Und sie erzeugen Abhängigkeiten, was das Gegenteil von Freiheit ist.
Um noch einmal zum Thema "S€x" zurück zu kommen: Ich frage mich oft, warum er so im Zentrum unseres Daseins steht bzw. was sein Zweck eigentlich ist. Ich habe oft beobachtet, dass die Menschen, die ein promiskuitives Leben führen, eigentlich nach Liebe suchen und die in verschiedenen Betten zu finden hoffen. Funktioniert hat das freilich nie. Das körperliche Verschmelzen wird zur Dr0ge und Dr0gen sind immer dazu da, eine innere Leere zu füllen oder sich einen "Teddy" zu suchen, an den man sich kuscheln kann. Und damit sind wir wieder bei dem Thema, was ganz oft hier im Forum zur Sprache kommt. Nichts Äußeres kann einem Menschen die innere Leere oder Sehnsucht füllen. Das geht nur über den harte Weg der Selbsterkenntnis und der Versöhnung mit sich selbst. Wer das nicht schafft, wird sein ganzes Leben auf der Suche sein und wahrscheinlich niemals finden. Nicht in fremden Betten, nicht in sich selbst.
Wer diesen Zustand jedoch überwindet, wird zu einer Leichtigkeit und Freiheit kommen, sie ihn zu wirklicher Unabhängigkeit führen wird. Unabhängigkeit von Partnern, von Materialismus in jeglicher Form, von irrationalen Erwartungen und Vorgaben. Und erst in diesem Dasein kann man das leben, was wirkliche Liebe ist, glaube ich.
Beste Grüße an alle.