Hallo Heiner,
ein übles Dilemma, in dem Du da steckst. Eine Situation von der Sorte, wo man das Gefühl hat, eh schon verloren zu haben – egal was man macht, es ist falsch.
Ich war allein schon beim Durchlesen zerrissen. Unter anderem, weil ich mir nicht schlüssig bin, ob ich Deiner Frau Respekt zollen soll für ihre Ehrlichkeit, oder das Unverständnis überwiegt, wie sie Dich vor so eine Entscheidung stellen kann. Kommt wohl darauf an, was ihre Motivation dafür war, die Karten offen zu legen. Widerstrebt es ihrem innersten Wesenskern, diesen Wunsch vor Dir geheim zu halten oder ihn gar hinter Deinem Rücken auszuleben? Oder geht es vor allem darum, nicht allein verantwortlich zu sein, die Entscheidung und damit auch die Schuld am Ausgang nicht allein tragen zu müssen? Wobei die letzte Entscheidung, ob es tatsächlich zum Vollzug eines Seitensprungs kommt, immer noch bei ihr liegt…
Zerrissen auch deshalb, weil ich sowohl ihren Wunsch als auch Deine Ablehnung nachfühlen kann. Da treffen zwei ernste, tief empfundene Anliegen aufeinander (ich unterstelle jetzt mal, Deine Frau macht dieses Fass nicht aus Jux und Dollerei auf), die unvereinbar scheinen. Und das Argument „wenn sie Dich wirklich lieben würde, würde sie so etwas nicht verlangen“ zieht hier meines Erachtens auch nicht. Weil man genauso gut argumentieren könnte „wenn Du sie wirklich lieben würdest, würdest Du sie diese Erfahrung machen lassen“.
Was die Entscheidung so schwer macht, ist die Ungewissheit über die Auswirkung.
Angenommen, Du verweigerst ihr diese Erfahrung, nach der sie sich so sehnt. Mag sein, dass sie darüber hinwegkommt und den Wunsch loslassen kann, ohne deshalb dauerhaft Groll und Verlust zu empfinden. Mag sein, dass sie nicht loskommt davon und die steigende Frustration eure Beziehung beschädigt.
Angenommen, Du gibst ihr die Erlaubnis. Mag sein, Du kannst es besser verwinden und verzeihen, als Du jetzt befürchtest. Mag sein, Du wirst dadurch so tief verletzt, dass die Beziehung daran zerbricht.
Mag sein, der Seitensprung verläuft unangenehm für sie, aus welchen Gründen auch immer – weil sie zu angespannt ist, ein schlechtes Gewissen hat, der Mann ihre Erwartungen nicht erfüllt… Ist das Kapitel dann abgeschlossen für sie? Oder wird der Wunsch nach einem zweiten Versuch – unter „besseren Randbedingungen“ wachsen?
Mag sein, der Seitensprung wird eine tolle Erfahrung für sie. Kann sie es dann gut sein lassen nach dem einen Mal? Oder wird die Sehnsucht nach einer Wiederholung immer größer werden?
Wenn ihr den Fall mal konkret und detailliert „durchspielt“… (wann, wo, mit wem soll der Seitensprung stattfinden… will sie Dich davon in Kenntnis setzen, wann / mit wem es passieren wird oder passiert ist) - wie entwickeln sich da eure Gefühle?
Bei ihr – wird sie um so eifriger, je mehr der Seitensprung „Gestalt annimmt“… oder kommt doch eher ein Zögern, nach dem Motto „wenn ich es sooo genau durchdenke… vielleicht in der Fantasie ganz toll, aber in der Realität…?“
Wenn es tatsächlich ernst wird, denkst Du, sie würde es durchziehen? Oder würde ihr das Wissen reichen, dass sie „dürfte“ wenn sie wollte?
Und bei Dir… gibt es Konstellationen / Bedingungen, die Dir „weniger schlimm“ erscheint als andere (z.B. wenn es mit einem Fremden wäre und Du nichts davon und darüber erfahren würdest)?
Fragen über Fragen… ob sie Dich weiterbringen, keine Ahnung.
Da die Paartherapie sich offenbar positiv ausgewirkt hat auf eure Beziehung – wäre es eine Option, noch mal zu diesem Therpeuten zu gehen und dort gezielt euren jetzigen Konflikt zu bearbeiten?
Meinen obligatorischen

Buchtipp möchte ich Dir auch noch mitgeben:
Für Dich könnten "Die Psychologie der Intimität" von Tobias Ruland interessant sein, und "*beep* Love" von Petra Bock. Links zu Leseproben sind in meinem Profil.
Vielleicht findest Du da neue Blickwinkel, die Dir bei der Entscheidung helfen.